Was denken die Meisten von uns, wenn sie ein altes Foto von Arnold Schwarzenegger in Topform zu Gesicht bekommen? Doch sicherlich in etwa: "Verdammt, sah der früher brutal ästhetisch aus! Irgendwie ansprechender als die massigen Profis von heutzutage." Klar, Phil Heath, Dennis Wolf und der Rest der besten Bodybuilder unserer Zeit sehen auch verdammt gut und fürchterlich beeindruckend aus, doch nehmen wir uns persönlich nicht doch eher den legendären Arnold zum Vorbild?

Ästhetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer Schwachstellen

Neben dem später auch als Schauspieler und Politiker erfolgreichen Österreicher gibt es viele weitere Legenden vergangener Tage, welche meinem persönlichen Idealbild von Proportionalität und Ästhetik entsprechen – und ich bin bei weitem nicht der einzige!

Im weltweiten Netz stößt man beispielsweise immer wieder auf Steve Reeves, einem Bodybuilder und Schauspieler der Nachkriegszeit. Der US-Amerikaner gewann 1950 mit der Mr. Universum Competition den damals wichtigsten Bodybuilding-Wettbewerb der Welt und entschied sich anschließend dafür, seine Brötchen als Schauspieler zu verdienen. Durch seine Darstellung als Herkules gelang dem 1,85 Meter großen Modellathleten endgültig der Durchbruch und noch heute gilt die in den Fünfzigern erlange Ästhetik von Steve als nahezu unübertroffen.

Ästhetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer Schwachstellen

Mein ganz persönlicher Favorit ist allerdings der US-Amerikaner Frank Zane. Genau wie Arnold gehörte auch Frank der goldenen Generation jener Bodybuilder an, die in den Siebziger Jahren die Maßstäbe für Ästhetik und Muskelmasse gänzlich neu definierten. Frank war mit nur 1,75 Metern Körpergröße zwar ein gutes Stück kleiner als viele seiner Widersacher, doch dem Akademiker gelang es dennoch, Arnold bei der Wahl zum Mr. Universum 1968 eine seiner wenigen Niederlagen beizubringen.

Außerdem wurde der Chemiker, ein Spitzname aufgrund seiner Ausbildung zum Chemie-Lehrer, von 1977 bis 1979 dreimal in Folge zum Mr. Olympia gekürt und stellte somit jahrelang das Aushängeschild des internationalen Bodybuildings dar.

Ästhetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer Schwachstellen

Legendäre Ästhetik: Gemessen und dokumentiert

Doch was macht die Körper dieser drei Legenden so faszinierend? Warum starren wir auf alte Fotos und sind anschließend heiß darauf, auf der Stelle ins Studio zu rennen und uns verdammt nochmal zu quälen? Genau diese Frage möchte ich beantworten.

Glücklicher Weise sind die Körpermaße dieser drei außergewöhnlichen Bodybuilder dokumentiert worden und sogar in diversen Artikeln auf Team Andro auffindbar. Die folgende Tabelle fasst einmal die von mir gefundenen Umfänge der damals gemessenen Körperpartien zusammen, bezieht diese anschließend jeweils auf die Körpergröße des Athleten und präsentiert schließlich für jede Muskelgruppe den hieraus errechneten Durchschnittswert.

Ästhetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer Schwachstellen

Beginnen wir mit Arnold. Beim Österreicher fällt auf, dass sein Brustumfang und die Dicke der Oberarme sogar im Vergleich zu Steve und Frank von gigantischem Ausmaß waren. Steve legte seinen Fokus hingegen auf ein ganz bestimmtes Phänomen, denn dem US-Amerikaner war wichtig, eine altgriechische Faustregel der Antike zu erfüllen: Dicke des Oberarms = Dicke der Wade = Dicke des Halses.

Steve, dem außerdem nachgesagt wird, dass seine Schulterpartie in etwa den 1,618-fachen Umfang der Taille inne hatte und dieses Verhältnis somit genau dem sagenumwobenen Goldenen Schnitt entsprach, wies also im Vergleich zu Arnold ein ausgewogeneres Bein-Arm-Verhältnis auf.

Franks Körper war dem von Steve insgesamt sehr ähnlich. Auffällig ist lediglich, dass Franks Taille trotz geringerer Körpergröße umfangreicher war als die Körpermitte von Steve. Hinsichtlich des Unterkörpers wiesen alle Drei übrigens ähnliche Proportionen im Bezug auf die Körpergröße auf.

Wie wir unsere persönlichen Idealwerte und Rückstände ermitteln können

Wie können wir nun aber die Körpermaße unserer Vorbilder auf uns selbst beziehen? Ganz einfach: Wir sollten uns auf der Stelle ein Maßband und einen Taschenrechner schnappen, uns die Klamotten vom Leib reißen und ebenfalls unsere Umfänge dokumentieren.

Dies sollte übrigens kalt, also nicht nach dem Training geschehen, denn wir wollen uns schließlich nicht selbst verarschen. Ob wir sämtliche Maße mit angespannter oder entspannter Muskulatur nehmen, spielt übrigens meiner Meinung nach keine allzu große Rolle, denn wir fokussieren uns ohnehin nur auf die Proportionen unserer Muskelgruppen zueinander. Es ist also bloß wichtig, sämtliche Umfänge unter möglichst ähnlichen Voraussetzungen zu messen.

Nach dem Herumspielen mit dem Maßband verfügen wir nun also über unsere ganz persönlichen Körperumfänge. Der nächste Schritt ist nun, unsere Körpergröße (in Zentimetern) mit dem jeweiligen Durchschnittswert der Muskelgruppen zu multiplizieren. Wenn wir einen ganz bestimmten Athleten ins Auge gefasst haben, können wir unsere Größe natürlich auch mit explizit seinen Werten multiplizieren.

Aber fehlt in der Tabelle nicht eine überaus wichtige Körperpartie? Was ist mit den Schultern? Leider scheint der Schulterumfang früher nicht gern dokumentiert worden zu sein, zumindest wird dieser meist nicht neben den anderen Werten gelistet. Allerdings existiert zum Glück eine Faustregel, welche sich in unser Hirn brennen sollte: Die Schultern sind optimaler Weise 1,618 mal so breit wie die Taille. Komischer Wert, oder? Diesen Faktor habe ich mir nicht einfach so aus den Fingern gesogen, sondern er entspricht dem weiter oben bereits erwähnten Goldenen Schnitt.

Der Goldene Schnitt ist das Verhältnis zweier Betrachtungsgegenstände, welche ideal zueinander proportioniert sind. Die Natur ist voll von Beispielen, in denen zwei Merkmale in genau diesem Größenverhältnis vorliegen: Die Länge zur Breite des menschlichen Kopfes etwa, oder die gemeinsame Länge der Hand und des Unterarms zur Länge des Oberarms.

Und warum sollten wir diesen Goldenen Schnitt nun auf unser Schulter-Taille-Verhältnis anwenden? Weil Arnold, Steve und Frank genau dies taten! Nachdem wir unseren idealen Taillenumfang berechnet haben, müssen wir diesen Wert also noch mit 1,618 multiplizieren, um unseren perfekten Schulterumfang zu erhalten.

Die Resultate dieser Rechnungen sind nun also unsere Idealwerte. Doch was nun? Müssen wir jetzt so lange trainieren, bis diese irrsinnigen Maße erreicht sind? Nein, darauf möchte ich zumindest nicht hinaus.

Wir sollten im dritten Schritt unseren prozentualen Rückstand auf den jeweiligen Idealwert ermitteln. Hierfür teilen wir unseren momentanen Umfang durch den entsprechenden Fabelwert und multiplizieren das Ergebnis mit dem Faktor 100%. Denn jetzt erkennen wir unsere größten Schwachstellen, zumindest wenn man sich die ästhetischen Körper vergangener Tage zum Vorbild nimmt.

Der prozentuale Rückstand unserer Beine ist deutlich größer als der Malus des Oberkörpers? Dann stehen ab jetzt zwei wöchentliche Beintage auf dem Programm! Unsere Taille ist einfach viel zu massig? Dann schrauben wir die Kohlenhydratzufuhr herunter und zwingen uns zu deutlich mehr Cardio!

Schluss mit der Theorie: Ein praktisches Beispiel

Spielen wir diese Anleitung doch einmal anhand eines Beispiels durch. Nehmen wir also einfach an, dass ein 1,80 Meter großer Bodybuilder seine Werte brav mit einem Maßband aufnimmt diese anschließend folgendermaßen dokumentiert:
  • Größe: 180 cm
  • Brustumfang: 120 cm
  • Oberschenkel: 58 cm
  • Waden: 38 cm
  • Oberarme: 45 cm
  • Taille: 95 cm
  • Schultern: 125 cm
Anschließend nimmt unser Freund einen Taschenrechner zu Hand und errechnet seine Idealwerte. Hierfür multipliziert er seine Körpergröße mit den Werten aus der letzten Spalten der Tabelle:
  • Brustumfang: 180 cm x 0,75 = 135 cm
  • Oberschenkel: 180 cm x 0,38 = 68,4 cm
  • Waden: 180 cm x 0,25 = 45 cm
  • Oberarme: 180 cm x 0,27 = 48,6
  • Taille: 180 cm x 0,44 = 79,2 cm
  • Schultern: 79,2 cm x 1,618 = 128,1 cm
Jetzt muss unser Beispielathlet nur noch seinen prozentualen Rückstand ermitteln, indem er seine Maße durch die Idealwerte teilt und das Resultat mit dem Faktor 100% multipliziert:
  • Brustumfang: (120 cm / 135 cm) x 100 % = 88,9 %
  • Oberschenkel: (58 cm / 68,4 cm) x 100 % = 84,8 %
  • Waden: (38 cm / 45 cm) x 100 % = 84,4 %
  • Oberarme: (45 cm / 48,6 cm) x 100 % = 92,6 %
  • Schultern: (125 cm / 128,1 cm) x 100% = 97,6 %
Die Taille bildet hierbei eine Ausnahme, denn im Bezug auf die Körpermitte teilt unser Freund den Idealwert durch seinen tatsächlich gemessenen Umfang:
  • Taille: (79,2 cm / 95 cm) x 100 % = 83,4 %
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Und was lernt unser Bodybuilder nun aus diesen Prozentzahlen?

Er erkennt, welche Körperpartien die größten Rückstände im Vergleich zu den ästhetischen Idealvorgaben aufweisen. In diesem Beispiel reichen der Schulterumfang und die Oberarme am ehesten an den gewünschten Wert heran.

Ästhetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer SchwachstellenÄsthetik: Eine Anleitung zur Ermittlung unserer SchwachstellenDer Brustumfang, welcher sich übrigens aus einem homogenen Zusammenspiel der Brust- und Rückenmuskulatur ergibt, lässt zwar noch etwas zu Wünschen übrig, doch die größten Rückstände liegen im Bereich des Unterkörpers vor.

Die Beine, damit meine ich Oberschenkel und Waden, sind deutlich zu dünn. Außerdem ist die Taille zu massig. Selbstverständlich wurden die Taillenumfänge unserer drei idealen Bodybuilder bei niedrigstem Körperfettanteil gemessen und in den Offseasons verfügten unsere Vorbilder ganz sicher über voluminösere Körpermitten. Doch da wir uns fragen, wie weit wir von jener Ästhetik entfernt sind, welche uns auf den Fotos der Legenden förmlich ins Auge springt, müssen wir meiner Meinung nach auch genau dieses Maß anlegen.

Das weitere Vorgehen unseres Freundes steht nun also fest: Er richtet den Fokus auf seine Beine und darauf, den Umfang seines Bauches zu reduzieren. Er bringt sich also folgerichtig dazu, das Laufband zweimal wöchentlich zu benutzen und stellt seinen Plan augenblicklich auf einen Zweiersplit (Unterkörper/Oberkörper) um, welchen er zweimal wöchentlich in Angriff nimmt.
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Schlussworte

Ich möchte wirklich niemanden entmutigen, doch ich fürchte, dass es für die meisten von uns aufgrund der genetischen Voraussetzungen (Knochenbau, Grenzen des Muskelwachstums, etc.) nahezu unmöglich ist, die errechneten Wunschumfänge auf natürlichem Wege zu erreichen.

Doch darum sollte es uns auch nicht gehen. Wir sollten, mithilfe der hier vorgestellten Anleitung, wirklich nur unsere Rückstände ermitteln, um die entsprechenden Muskelgruppen anschließend in den Fokus unseres Trainings zu rücken. Wenn die Umfänge aller unserer gemessenen Körperpartien ungefähr 90% der Idealumfänge ausmachen, haben wir einen absolut ästhetischen und somit auch beeindruckenden Körper! Ist aber eine Muskelpartie dabei, welche nur 75% des gewünschten Umfangs erreicht, der Rest aber bei 90% steht, wird sich dies optisch bemerkbar machen.

Ich möchte niemanden dazu drängen, diese Anleitung augenblicklich anzuwenden, den aktuellen Trainingsplan in den Müll zu schmettern und eine Hardcore-Diät zu beginnen. Aber ich denke, dass es vielen von uns absolut nicht schaden würde, unsere Schwachstellen zu kennen. Denn nur so ist es uns möglich, die vernachlässigte Muskulatur in der Vordergrund zu rücken, und das zu erreichen, was wir uns wohl alle im Stillen wünschen: Einen brutal ästhetischen Körper.
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Bilder: Jack O'Quinn | Carlos Newsome | Wikipedia.org | Pixabay.com