Der folgende Bericht entspricht meinen Erlebnissen des letzten Jahres. Es ist meine Art und Weise, das Benehmen, das meine Mitmenschen mir gegenüber an den Tag legen, zu verarbeiten. An einigen Stellen sind meine zynischen Ausführungen bitte nicht allzu ernst zu nehmen.

"Hey, wir müssen mit Dir reden! Das geht mit Dir nicht so weiter! Wir machen uns alle Sorgen um Dich!" - Das waren mit die ersten Worte, die meine Kommilitoninnen nach einem dreimonatigen Praktikum bei unserem Wiedersehen zum Studium an mich richteten. Der Grund: Meine Gewichtskurve verlief ihrer Meinung nach anormal!

Während meine Kommilitoninnen gemeinschaftlich darüber diskutierten, wie viel Fast-Food sie in der Praktikumszeit in sich hinein geschaufelt und wie viele Kilos sie alle zugenommen hätten, beäugten sie mich kritisch, als ich morgens zur Frühstückspause meinen Whey-Shake trank und ihnen später beim Duschen nach dem Sport auch noch den Hintern mit der geringsten Krateransammlung präsentierte.

Die Diskussionen über mein Gewicht sind eigentlich nichts Neues für mich, also beginne ich doch lieber von vorne, des besseren Verständnisses halber.

Ich wiege seit Jahren schon um die 53kg auf 1,67m und bin schlank - ich weiß. Das bedeutet aber nicht, dass ich vor Fett gefeit bin. Seit Jahren trieb ich sporadisch Sport und dachte, ich hätte es nicht weiter nötig.
Das Gewicht blieb ja immer gleich! Ich hatte diesbezüglich in keiner Weise ein Problem. Bisher.

Nun bin ich in einem Studium, in dem Durchsetzungskraft, Auftreten und Sportlichkeit gefordert werden. Merkwürdigerweise bedeutete dies aber für meine Kommilitoninnen einen BMI von über 25 zu haben, da Breite ja angeblich Eindruck schindet…und so begann mein Dilemma.

Von nun an musste ich mir von allen möglichen Leuten anhören, dass ich viel zu dünn, zu zierlich, gar magersüchtig sei. Das ging so weit, dass ich bei meiner besten Freundin zu Hause saß, sie mir Essen vor die Nase stellte und mich quasi genötigt hat, es aufzuessen. Nur so nebenbei: Ich hatte gerade Mittag gegessen und mir war ohne den Fraß schon speiübel. Ihr das zu erklären, war hoffnungslos.

Tag für Tag wurde ich als magersüchtig abgestempelt und mir wurde indoktriniert ich müsste dringend zunehmen. Am besten natürlich Fett, da sich das "ach so leicht" in Muskeln umwandeln lässt. Während dieser Zeit habe ich gelernt, dass ein Betiteln der Magersucht angeblich die Sorge der Mitmenschen ausdrücken soll – ein Betiteln der Fettleibigkeit aber eine Beleidigung sei! preview

Und so verstrich die Zeit. Der Stoffwechsel von uns Mädels stellte sich um. Sie wurden dicker und schwerer (einige bis zu 15kg). Ich zog allerdings im letzten Sommer bei einer Gewichtszunahme von 3kg die Notbremse, begann mit dem Krafttraining und fing langsam damit an, meine Essgewohnheiten umzustellen. Das hieß für mich: Morgens Whey-Shake (statt gar keinem Frühstück) und nur noch drei Mal die Woche Fast-Food…statt sieben Mal… Das ist kein Witz! Ich habe teilweise jeden Tag in gewissen bekannten Fast-Food-Ketten Cheeseburger konsumiert. Naja okay, in Abwechslung mit Pizza, Lasagne, noch mehr Pizza und noch mehr Lasagne. Ich liebe Pizza und Lasagne und mein Stoffwechsel spielte bisher ohne Probleme mit!

Aber ich schweife ab. Das oben erwähnte Praktikum kam und ging. Ich versuchte in der Zeit so gut wie möglich weiter zu trainieren. Nun ist es vier Wochen her seit unserem erneuten Studiumsbeginn und der Schock meinerseits war groß, als meine beste Freundin mir gegenüber stand und jammerte, dass sie nun die 70kg-Marke geknackt hätte und nicht wisse wieso (die Gute ist übrigens so groß wie ich). Während ich Kummerkasten spielte, schaufelte sie haufenweise Osterschokolade in sich hinein, um mir im Anschluss daran ihr Mittagessen zu präsentieren: Trommelwirbel…..ein triefendes Kartoffel-Gratin!

Ich konnte mir ein Grinsen und natürlich den dazugehörenden blöden Kommentar nicht verkneifen! Der Todesblick kam prompt.

Dann kam die erste Sportstunde und – oh Schreck – ich habe nicht nur nicht zugenommen, ich habe gar Muskeln bekommen! Was aus meiner Sicht betrachtet nur "Muskelchen" sind und noch nicht einmal eine gewisse Definiertheit darstellt, war für meine Freundinnen der Super-GAU.

Es folgten stundenlange Diskussionen darüber, dass ich sowohl zu dürr, als auch zu muskulös sei! Quasi eine magersüchtige Hulkine! Schizophrener ging es nun kaum noch.

Sie stünden jetzt in ihrer Pflicht als Freundinnen, mich von diesem Irrsinn abzubringen! Es würde nicht mehr lange dauern und ich würde Steroide und Anabolika einnehmen. Der morgendliche Shake sei ja schon der erste Schritt zum Steroidkonsum!

Sie fänden es gut, dass ich Sport triebe, aber doch bitte etwas weibliches. Muskeln seien doch total unästhetisch bei einer Frau. Eine Frau müsse Rundungen haben und so weiter und so fort. Sie schwärmten von einer Freundin von mir, die dort nicht anwesend war. Sie hätte ja den perfekten Traumkörper. Als ich auch an deren Körper etwas auszusetzen hatte, folgte der nächste Todesblick.

Auf meine Ausführungen, dass ich nur definierte Muskeln aufbauen möchte, reagierten sie mit Skepsis. Ich hatte das Gefühl, sie konnten oder wollten meinen Gedanken nicht folgen.

Je mehr ich ihnen über meine Lebensart berichtete, umso beleidigter wurden sie. Ich versuchte ihnen zu erklären, dass ich andere Ansprüche an mich hätte. Ich möchte nun einmal nicht, dass mir ein Fettlappen über die viel zu enge Jeans hängt. Ich möchte nicht, dass mein Freund mir einen Klaps auf den Hintern gibt und nach 30min das Herumschwabbeln gerade erst seine Halbwertszeit erreicht hat. Ich möchte nicht mit 30 erkennen, dass ich die Zeit verpasst habe, schnell abzunehmen, um mich dann in irgendwelchen Crash-Diäten dem Jojo-Effekt hinzugeben. Ich möchte auch mit 50 noch gut aussehen und schlank sein und nicht voller Selbstmitleid auf meine Tage als Teenager zurückblicken.

Daraufhin erwiderten sie, dass das eine Frechheit wäre, dass ich so rede. Sie hätten schließlich auch hohe Ansprüche an ihren Körper, würden auch gerne schlank sein. - Doch was sie daran hindert, ist ihre Maßlosigkeit beim Essen, denn sie wollen ja das Genießen nicht aufgeben. (Erklärungen meinerseits, was meine derzeitigen Essgewohnheiten anging, wurden ignoriert.)

Auch sie würden ganz leicht schlank werden, doch hätten sie gemerkt, dass sie z.B. beim Fit-Boxing irgendwann Muskeln bekämen und dann aussehen würden wie Kerle. Auf meine Ausführungen, dass das so biologisch gar nicht möglich sei, gingen sie erst gar nicht ein.

So redete ich noch stundenlang gegen Wände, bis ich einsah, dass ich in ihren Augen weiterhin das "magersüchtige Muskelweib" sein werde.

Heute konnte ich sie belauschen, wie sie über mich als "Freak" sprachen. Ich sei nicht ganz richtig im Kopf und meine Sportbegeisterung wäre viel zu übertrieben.

Doch eines Tages werde ich mit meinem Körper zufrieden sein und meine "Freundinnen" werden jammernd zu mir kommen und mich um Rat fragen. Denn ich werde weiter machen und allen Kritikerinnen beweisen, dass dies für mich der richtige Weg ist, um mit mir selbst in Einklang zu kommen.

In 15 Jahren sitzen sie dann bei "Weight Watchers" und probieren Diäten aus der "Bild der Frau" vergebens aus, um irgendwann bei "Schlank im Schlaf" zu landen und ihre Lebensqualität schließlich gegen Null geht.

Dann wird ihr Neid meine Anerkennung und ihre Cellulite mein Sieg sein!