Früher hat der Bauer nicht gefressen, was er nicht kannte. Heute schmeckt uns manchmal nur noch, wovor unsere küchenaffinien Großmütter ratlos im Supermarkt ständen – oder was es da mitunter gar nicht zu kaufen gibt. Die Süßkartoffel zum Beispiel. Die hat in jüngerer Zeit zumindest den Weg in die Auslagen gut sortierter Lebensmittelläden gefunden. Und unter ihrer Anhängerschaft finden sind längst nicht nur Spitzenköche und Biokostfanatiker. Seit von ihr in immer mehr durch die Muscle & Fitness abgedruckten Ernährungsplänen erfolgreicher Bodybuilder zu lesen ist, interessieren sich auch verstärkt die Freunde des Kraft- und Fitnesstrainings für die trendige Knolle. Taugt die Süßkartoffel als neuer Sidekick von Pute und Brokkoli?

Erst einmal: Die auch als Batate bezeichnete Erdfrucht ist mitnichten eine andersfarbige Abwandlung der konventionellen Kartoffel. Während letztgenannte zu den Nachtschattengewächsen zählt, stellt die Süßkartoffel ein Windengewächs dar. Irrtümliche Aufzeichnungen früher Entdeckungsfahrer nähren den bis heute auch sprachlich fixierten Trugschluss.
Die Kartoffel kam aus den Anden nach Europa. Dort wäre es der wärmeliebenden Batate zu winterlich, sie ist in Mittelamerika beheimatet. Obgleich der Anbau auch im Süden Europas und in Nordamerika geglückt ist, sorgt heutzutage China für den Großteil der weltweiten Produktion.
Es gibt verschiedene Sorten, die sich vor allem in der Fleisch- und Schalenfärbung unterscheiden. Hierzulande kommt zumeist eine Variante mit rötlicher Schale bei kräftig oranger Knolle in den Handel. Die Einzelfrucht ist auffallend größer als die der Kartoffel, bis zu 30 cm lang und oftmals mehr als 1000 g schwer.


Findet die Süßkartoffel nicht vielleicht nur deswegen so weite Verbreitung in der Leistungsspitze des Bodybuildings, weil sich deren elitärer Kreis überwiegend aus US-Amerikanern zusammensetzt und diese aus kulturellen Gründen ohnehin viel davon konsumieren?
Die Süßkartoffelproduktion der USA liegt in manchen Jahren über der von gewöhnlichen Kartoffeln. Die Kausalität lässt sich wohl nicht abschließend entschlüsseln, aber sehr viel Foodfacts sprechen für die tropische Alternative.

Mit rund 86 kcal und 20 g Kohlenhydraten auf 100 g Portionsgröße ist die Batate gehaltvoller als die Kartoffel (ca. 58 kcal und 12 g Carbs). Das allein kann im Lowcarb-Zeitalter kein stichhaltiges Argument darstellen.

Zudem enthält die Süßkartoffel rund 4,2 % Zucker. Mono- und Oligosaccharide rühren aus einer verstärkten ß-Amylase-Aktivität während des Keimprozesses her. Die Enzyme wirken in jedem pflanzlichen Reife- oder Keimungsprozess und spalten die langkettige Stärke in wasserlösliche Einfachzucker. Diese können dann leicht aufgenommen und zur Zellbindung verwendet werden. Auch dieser enzymatische Vorgang wird durch eine höhere Umgebungstemperatur beschleunigt – der notwendigerweise warme Aufzuchtort der Batate beeinflusst also ihren Geschmack und schließlich auch die Verkehrsbezeichnung. Der GI liegt dennoch mit einem Indexwert von 50 tiefer als der der Kartoffel (ca. 70, jeweils durch Zubereitungsart veränderlich) und sie ist ballaststoffreicher.

Die Süßkartoffel ist ein guter Mineralstoff- und Vitaminlieferant, besonders reich an den B-Vitaminen Biotin und Pantothensäure und an Calcium und dem regulierend auf den Wasserhaushalt wirkenden Kalium – aber das ist die gewöhnliche Kartoffel zugegeben auch.

Bataten bestechen außerdem durch einen hohen Gehalt an Beta-Carotin, einer Vorstufe des Vitamin A. Der sekundäre Pflanzenfarbstoff schlägt sich unschwer erkennbar in der optischen Erscheinung der Süßkartoffel wieder. Farblich erinnert die Knolle der bei uns üblicherweise gehandelten Sorte stark an die bekanntlich ebenfalls carotinreiche Mohrrübe. Auf die antioxidative Wirkung der sekundären Pflanzenfarbstoffe soll an dieser Stelle nicht weiter eingegangen werden.

Ein jüngst in der Schale des Gemüses gefundener Stoff namens Caiapo soll sich laut einer Studie der Universität Wien günstig auf die Cholesterinwerte und den Blutzucker von Diabetes Typ 2-Patienten auswirken.
Auch unter den so strikten Verfechtern der Paleo-Ernährung stößt die Süßkartoffel auf breite Akzeptanz. Hier wird unter anderem argumentativ angeführt, dass Süßkartoffeln keine pflanzlichen Defensivstoffe wie zum Beispiel Lektin enthalten. Mit diesen schützen sich pflanzliche Lebensmittel laut Paleo-Verständnis gegen den Verzehr durch Fressfeinde.
Tatsächlich sind die Strukturen und Wirkungen der Inhaltsstoffe jedoch zu wenig erforscht, um ihre Abstinenz gesichert als Bonus verbuchen zu können. Im Gegenteil deuten Untersuchungen an, dass einige der Proteinverbindungen positive Auswirkungen beispielsweise auf den Verdauungstrakt besitzen könnten, oder zumindest unschädlich oder nicht hitzebeständig sind.
Die Süßkartoffel mag auch deswegen irgendwie sympathisch und verträglich erscheinen, weil sie auch im rohen Zustand essbar ist und sogar ihre Blatttriebe und Blüten als Salat verarbeitet werden können.
Liebend gern verzichte ich zum Abschluss auf den für einen Artikel über exotische Lebensmittel eigentlich obligatorischen Verweis auf den geringen Krankenstand jener Urvölker, die dieses in großen Mengen verzehren.

Klar, Argumente dieser Gestalt sind auch für die Süßkartoffel im Umlauf. Generell sollte man die tieferen Ursachen der kernigen Gesundheit von ethnischen Gruppen, die ihre Tage unter freiem Himmel verbringen und weder Stühle noch Konservierungsstoffe kennen, in ihrer Komplexität zu würdigen wissen. Süßkartoffeln sind eine durchaus diskutable Kohlenhydrat-Alternative im Sinne eines ausgewogenen und vor allem abwechslungsreichen Ernährungsplanes. Sie sind vielfältig in der Zubereitung und können beispielsweise als Mikrowellen- oder Folienkartoffel, Pommes, Chips oder Rohkostsalat serviert werden.

Geschmacklich polarisiert die Batate allerdings, die wirklich ausgeprägte Süße wird vor allem bei solchen, die eine eher deftige Kost bevorzugen, nicht zwingend Begeisterung entfachen. Der hohe Kohlenhydratgehalt prädestiniert sie nicht für einen Verzehr in unbegrenzten Mengen und auch hinsichtlich ihrer Mikronährstoffe ist sie der Kartoffel nicht exorbitant überlegen.

Auch auf den im Vergleich zur einheimischen Knolle erheblich höheren Preis und die aufgrund der Notwendigkeit des Übersee-Exports schlechtere Ökobilanz sei verwiesen. Die Süßkartoffel ist also, wie eigentlich alles in der Ernährungswissenschaft, kein alternativloses Must-Have. Als legitimes Mittel im Kampf gegen die Eintönigkeit in der Tupperschüssel kommt sie jedoch durchaus in Frage.


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Bilder: U.S. Department of Agriculture | Christina Xu