Geschrieben von Louie Pastore
Es wird eine Überraschung für viele westliche Leser sein zu erfahren, dass auch Europäer eine Form des bewaffneten und unbewaffneten Kampfes mit tanzähnlichen Aspekten, Kata, einem Schrei aus der Bauchhöhle ähnlich dem japanischen Ki-ai, konditionierenden Übungen und Meditationstechniken entwickelt haben. Viele westliche Meister des späten dreizehnten Jahrhunderts bis hin zum neunzehnten Jahrhundert schrieben und veröffentlichten Abhandlungen über ihre Techniken, Stile und Theorien, von denen viele heute auch im Internet zu finden sind. Diese beinhalten Stockkämpfe, Fechtkunst, Ringen und Faustkämpfe. All diese Kampfkünste wurden überall auf den britischen Inseln und in Irland praktiziert, auch wenn oberflächlich gesehen heutzutage, abgesehen von den Traditionen des Morris Tanzes, des Schwerttanzes und der Highland Games, nicht mehr viel davon zeugt.
In Schottland existierten Kampfsportschulen bis ins Jahr 1746 als die Engländer nach der Schlacht bei Culloden den Schotten den Waffenbesitz verboten und die Clans auflösten. Diese wurden auf Gälisch als "Taigh Suntais" bezeichnet. Ähnlich den asiatischen Dojos wurde das erste geschichtlich belegte Taigh Suntais von Domhnuil Gruamach, dem Herr der Inseln um das Jahr 1400 für seine starken Männer und Ringer errichtet. In späteren Jahren bauten die Söhne aufeinanderfolgender Clan-Chefs ihre eigenen Sportstätten, in denen oft unter freiem Himmel trainiert wurde. Vor 1745 war es in Schottland eine Tradition, dass der Adel Schulen unterhielt, in denen die Jugend in der Kunst des Schwertkampfes unterrichtet wurde. Auch der Laird von Ardsheil unterhielt eine solche Schule zur Unterrichtung der Jugendlichen in seinem eigenen Distrikt. Er lagerte Knüppel hinter seinem Haus und die jungen Burschen kamen jeden Tag zu Ardsheil, um von ihrem Laird Instruktionen für den Kampf mit dem Knüppel zu erhalten. Nach diesen Lehrstunden bekam jeder einen Brotfladen und einige Brocken Käse. Es gab einen Wettstreit darüber, wer es als erster schaffen würde den Berg herab zu steigen und seinen Brotfladen mit Käse zu essen. Wer immer der erste war, bekam einen weiteren Brotfladen und Käse mit nach Hause (5).
preview
Manchmal wurde auch der Champion des Lairds oder ein erfahrener Veteran der europäischen Kriege engagiert, um die jungen Männer des Clans zu unterrichten. Diese trainierten beginnend im Alter von sechs Jahren die Kunst des Stockkampfes, Ringen, Bogenschießen, Tanzen, Schwimmen, und das Werfen von Steinen. Nach einiger Zeit wurde der Stock durch das Breitschwert und den Dolch ersetzt, und wenn der Kämpfer geübt genug war, wurde von ihm erwartet, dass er seine Kräfte und Fähigkeiten im Schwertkampf, dem Ringen oder dem Werfen von Steinen mit den Jugendlichen befreundeter Clans maß. Diese Wettkämpfe wurden im Jahre 1826 als Highland Games wieder eingeführt.
Stockkampf
Der Kampf mit dem Stock war damals überall auf den britischen Inseln ein beliebter Zeitvertreib. In Schottland lernten die jungen Männer die sieben unterschiedlichen Schlagtechniken für den Angriff und die sieben Verteidigungspositionen wie z.B. das Phillipino System. Das Training umfasste die Verwendung der linken Hand zum Parieren oder Entwaffnen und zusätzlich Ring- und Wurftechniken. Die Waffe bestand typischerweise aus einem ein Yard (ca. 91 cm) langen Holzstab in Verbindung mit einem geflochtenen Weidenschutz, der normalerweise den einzigen Schutz für den Kämpfer darstellte. Während Dorffesten und den Highland Games wurden oft Stock- oder Knüppelwettkämpfe ausgetragen. Diese begannen mit dem kurzen Gebet "Gott schütze unsere Augen". Der Sinn des Kampfes bestand darin, dem Gegner den Schädel einzuschlagen: "Ab dem Moment, an dem Blut über die Länge eines Inches (2,54 cm) oberhalb der Augenbraue rinnt, wird dieser Wettkämpfer als geschlagen angesehen."Auf den westlichen Inseln Schottlands hat ein altes Syke Tanzlied die Zeiten überdauert, das da lautet: "Bualidh mi u an sa chean" (Ich werde Dir den Schädel brechen). Dieses Lied könnte ein Hinweis darauf sein, dass diese Form des Stockkampfes begleitet von Musik oder als eine Art "Tanz" durchgeführt wurde.
Das Training war genauso hart wie bei den fernöstlichen Kampfsportarten und zweifelsohne erlitten viele Athleten Schädel- und Knochenbrüche, auch wenn es keine Berichte über "Death Matches" gibt, bei denen die Kontrahenten sich so lange bekämpften, bis einer von beiden halbtot war und ärztlich behandelt werden musste.
Sich als Lehrer für den Stockkampf zu qualifizieren war genauso hart. Zuerst musste der Anwärter gegen drei ausgebildete Meister kämpfen (natürlich nacheinander), danach folgten drei Kämpfe gegen drei tapfere, ungeübte Kämpfer und anschließend 3 Kämpfe gegen angetrunkene Kämpfer. Später, während der viktorianischen Zeit, wurde beim Stockkampf Schutzkleidung wie z.B. Helme aus Büffelleder mit ledernen Ohrschützern, Jacken aus dickem Leder und Cricket Schienbeinschützer eingeführt.
Ringen & kämpferische Tänze
Ringen war ein anderer Zeitvertreib der Highland Bewohner. Schnitzereien aus dem siebten bis neunten Jahrhundert zeigen die älteste Form des unbewaffneten Kampfes in Schottland, die "loosehold" und "backhold" Stilrichtungen des Ringens. Es überrascht nicht, dass die ältesten Formen des Highland Tanzes mit seinen Tritten und weitreichenden Beinbewegungen Techniken aus dem keltischen Ringkampf und dem Wikingerstil "Glima" zu imitieren scheint. Wie auch in Asien könnten kämpferische Tänze als Training der grundlegenden Bewegungen des unbewaffneten Kampfes für die Mitglieder der Clans zum Einsatz gekommen sein um das Verbot des Kampftrainings durch die regierenden Besatzer zu umgehen. Die Tradition des militärischen Tanzes hat in den Highland Regimenten der britischen Armee bis heute überlebt, auch wenn die ursprüngliche kämpferische Anwendung lange vergessen zu sein scheint.Der Highland Tanz wurde auch mit Waffen wie der Lochaber Axt, dem Breitschwert, dem Dolch und dem Dreschflegel getanzt. Der Higland Dirk Dance erinnert in seiner Form an den indonesischen Penjak Silat Tanz, bei dem Dolchstoßstechniken mit Tritten und Schlägen kombiniert werden. Eine Version dieses Tanzes beinhaltete Abwehrtechniken mit Stöcken und Schilden und wurde zuletzt 1850 von zwei Brüdern mit dem Namen MacLennan in Großbritannien vorgeführt. Eine andere Version, die bis zum heutigen Tage existiert, wurde in den fünfziger Jahren in Kanada von den bekannten Tanzforschern Tom und Joan Flett wiederentdeckt (interessanterweise wurde dieser Tanz nur unter der Bedingung an Mr. Flett weitergegeben, dass er ihn nur an Blutsverwandte oder einen Lieblingsschüler weitergibt).
Es ist unmöglich die genaue Entstehung der schottischen kämpferischen Tänze zurück zu verfolgen. Die alte Tradition des Tanzes über gekreuzten Schwertern wie z.B. beim Ghillie Callum wurde lange Zeit mit einem alten Kampf- oder Siegestanz in Verbindung gebracht, doch genau wie beim philippinischen Escrimador, der über gekreuzte Schwerter schreitet, die auf dem Boden ausgebreitet sind um seine Fußbewegungen, seitlichen Schritte und Ausweichbewegungen zu entwickeln, könnte diese Form des Tanzes auch als Trainingshilfe in den Highlands verwendet worden sein. Bei einer anderen Variante des schottischen Schwerttanzes tanzte ein Highländer auf seinem Schild. Dieser Tanz hat eine gewisse Ähnlichkeit mit einer römischen Kampfübung, bei der sich ein Kämpfer auf einem Schild stehend gegen Angreifer verteidigen muss, die das Schild unter ihm wegziehen wollen.
Auch wenn es über viele der Kampftechniken der Taigh Suntais keine Aufzeichnungen mehr gibt, ist es doch möglich einige der Trainingsmethoden und Kampfkünste durch Analyse historischer Aufzeichnungen, der Sprache, der Folklore und der immer noch existierenden Traditionen des Highland Tanzes und des Highland Ringens zu rekonstruieren. Diese Techniken umfassten Tritte, Schläge, Schwünge und Würfe. Gälische und Schottische Wörterbücher enthalten Worte, die aus der Zeit während oder direkt nach diesem Abschnitt der schottischen Geschichte stammen und welche die Namen für viele dieser Kampftechniken offenbaren:
- Bacag, -aig, f. Ringkampf.
- Buckie; Ein gezielter Schlag auf den Kiefer.
- Ceig, -eadh, av. Tritt, Stoß mit dem Fuß
- Dòrn, -te, adh, a.v. dumpfer Schlag mit der Faust.
- Dump; Schlag, Tritt.
- Fling; Ein Wurf beim Ringen, ein Hieb oder Schlag, die Handlung des Tretens .
- Fung / Funk; Ein Schlag mit der Hand oder dem Fuß.
- Gardy / Gairdy; Der Arm; vielleicht der Unterarm im Speziellen. Die Hand oder Faust, die zum Kampf gehoben ist.
- Glùineag, -eig, -an, f. Ein Schlag mit dem Knie.
- Hert / Heart Up; Schlag in die Herzgegend um den Gegner außer Gefecht zu setzen.
- Kep; abfangen; parieren, abwehren (eines Schlages).
- Melt; Einen Menschen oder ein Tier mit einem Schlag auf die Milz niederstrecken
- Mint; Ein vorgetäuschter Schlag.
- Nevel; Ein harter Schlag mit der Faust oder dem Ellenbogen.
- Pailleart, -eirt, -an, m. ein Boxhieb auf das Ohr, ein Schlag.
- Poss; Schlag oder Treffer mit dem Knie oder Fuß, Knie, Tritt, Trampeln.
- Purr, -te, -adh, a.v. Stoß mit dem Kopf.
- Sclaffert; Schlag mit der Handfläche oder etwas flachem.
- Scult; Schlag mit der Handfläche, klatschender Schlag.
- Scum; Schlag mit der Hand (über die Wange), klatschender Schlag (ins Gesicht).
- Shake / Shak a Fa’; Einen Ringkampf kämpfen.
- Skelp / Skilp; Treffen; schlagen mit Hieben, Tritten usw.; hämmern.
- Tak Up; Den Fuß für einen Tritt anheben..
- Thud; Rippenstoß, Schlag mit der Faust.
- Yank; Ein plötzlicher und heftiger Schlag mit der Hand.
- Yerk Aff / Out / Up; Ein Schlag, ein harter Stoß.
- Yoke / Yokin Time; Ein Kampf, ein Wettkampf, eine Rauferei.
Der Autor des Artikels, Louie Pastore, ein Träger des schwarzen Gürtels in Ch'iang Shou Fa Kung Fu, war in den Achtzigern ein Schüler des schottischen Kung Fu Meister James Watson. Louie leitet eine kleine Forschungsgruppe im schottischen Greenock, die sich damit beschäftigt den Highland Dance, Highland Wrestling, Kampftechniken mit dem Stock, der Keule, dem Breitschwert und des unbewaffneten Kampfes des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts zu rekonstruieren.