"The games must go on!"
Die IFBB, ihrerseits mit derzeit 182 Mitgliedsstaaten einer der größten Sportverbände der Welt, engagiert sich seit Jahrzehnten für Bodybuilding-Wettkämpfe im Rahmen der Olympischen Spiele. Die Aufnahme in das olympische Programm ist für jede Sportart mit Vorteilen verbunden. Die - wenn auch nur temporäre - mediale Präsenz erhöht das öffentliche Interesse, sorgt für mehr Nachwuchs und ggf. Sponsoren oder staatliche Förderung. Aber vorrangig ist mit der Olympiabewerbung das Bestreben um einen symbolischen Ausdruck der Akzeptanz und des Respekts gegenüber dem Bodybuilding-Sport verbunden.
Man muss kein Pessimist sein um behaupten zu können, dass die bisherigen Bemühungen der Funktionäre von eher bescheidenem Erfolg gekrönt sind. Unter Führung der Gründungsväter Joe und Ben Weider gelang mit der Aufnahme des IFBB in die General Association of International Sports Federation (GAISF) ein Achtungserfolg. Es handelt sich um einen Dachverband praktisch aller weltweit existenten Sportföderationen, der, was wohl seinem Volumen geschuldet ist, immerhin den Ruf des bedeutendsten Sportgremiums der Welt genießt (und als ich im Zuge der Recherche davon las schämte ich mich meiner erbärmlichen Allgemeinbildung – trotz seiner Wichtigkeit war mir sein Dasein völlig entgangen. Hoffentlich stehe ich mit dieser Bildungslücke nicht alleine da!). Die auch unter dem Namen SportAccord bekannte Organisation betont auf ihrer Website unterwürfig die Anerkennung der Vormachtstellung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und gibt sich als kooperierender Partner der olympischen Idee aus. Nicht nur hier wird deutlich, wer im internationalen Sport die Hosen anhat. Wenn ich schreibe, dass im GAISF jede schon mal in früheren Aufzeichnungen der australischen Aborigines erwähnte Sportart ihren Platz gefunden hat, dann meine ich auch wirklich jede Sportart! Hierzu zählen u.a. Minigolf, Savate (müsste ich erst googlen) und Hundeschlittenrennen. Bei Lichte betrachtet bringt die Mitgliedschaft des IFBB im SportAccord das Bodybuilding also keinen nennenswerten Schritt näher an die olympische Beachtung, sondern beinhaltet lediglich ein sportartinternes Alleinstellungsmerkmal des Verbandes. Der Fairness halber sei aber betont, dass das Bodybuilding nun ein Sprachrohr in Gestalt des IFBB gefunden hatte, das auch tatsächlich internationales Gehör genießen konnte. preview
Zwischenzeitlich keimte neue Hoffnung auf, die durch den guten Draht zwischen Ben Weider und dem früheren IOC-Präsidenten Juan Antonio Samaranch genährt wurde. Immerhin war der von 1980 bis 2001 amtierende Samaranch revolutionär genug, um z.B. die Einführung der Paralympics und die Lockerung der Amateur-Regelung voranzutreiben. Letztlich entsprang aber auch dieser Männerfreundschaft kein größerer Nutzen als die "provisorische Anerkennung" des Bodybuildings durch das Olympische Komitee – was immer das bedeuten mag. Für die Olympischen Spiele von Athen im Jahre 2004 war ein Konzept zur Durchführung eines Demonstrationswettbewerbes entworfen und zur Abstimmung gebracht worden. Im Zuge der langfristigen Planung wurde jedoch jede Euphorie bereits einige Jahr vor Austragung der Spiele jäh erstickt. Um dem vielfach angeprangerten Gigantismus entgegenzuwirken, verkündete das IOC frühzeitig, dass für die griechische Veranstaltung keine Aufstockung des Programmes erfolgen sollte. Immerhin teilen sich die Bodybuilder dieses Schicksal mit den ebenso bitter enttäuschten Anhängern des Wasserskis. Seitdem ist es ruhig geworden um die olympischen Ambitionen des IFBB.
Der Leser mag von einem Artikel über die schwierige Beziehung zwischen den Olympischen Spielen und dem Bodybuilding mehr erwarten als einen kühlen Abriss der Historie. Und tatsächlich zwingt uns die Thematik nahezu auf die philosophisch-ethische Diskussionsebene. Wenn man die einschlägigen Internetforen durchforstet, dann ist der Grundtenor stets der gleiche: "Recht so!" und "Olympia braucht kein Bodybuilding, Bodybuilding braucht kein Olympia!" Wohlgemerkt entstammen Aussagen wie diese Anhängern unseres Sportes! Beleidigte Stimmen, die den Programmausschluss als Ungerechtigkeit werten, sucht man hingegen fast vergebens.
Um sich ein fundiertes Urteil bilden zu können, muss man wohl den Olympischen Gedanken verstehen – und das ist nach der nunmehr hundertjährigen, oftmals sturmgerüttelten Geschichte der Spiele nicht mehr einfach.
Mehrere Gründe bedingen die unüberwindbare Dissonanz zwischen Olympia und Bodybuilding. Etwa die Subjektivität der Wertung. Die gibt es aber doch auch im Turnen, im Dressurreiten, beim Skispringen? Ja, wäre auch mein erster Gedanke gewesen. Aber die Übermacht des Kampfgerichtes ist im Bodybuilding um so vieles ausgeprägter, dass sich das böse Stichwort "Schönheitswettbewerb" quasi aufdrängt. Man kann ganz bestimmt guten Gewissens ein Liebhaber der Show sein, einen Faible besitzen für die lebensbedrohliche, aber in jedem Fall eindrucksvollen Zustände, die ein menschlicher Körper einnehmen kann, und Bewunderung empfinden für die Komplexität und Beschwerlichkeit des Weges dorthin. Aber man wird nie die Diskussionswürdigkeit jeder Entscheidung bestreiten können. Ein Blick in die für jede Klasse und für jeden Verband mehr oder weniger schwammigen Wertungsrichtlinien genügt. Ein schweizerischer Journalist erwähnt in diesem Zusammenhang, dass die Regularien einen Ausschluss körperlich beeinträchtigter Athleten legitimieren, wobei sich die Beeinträchtigung hier bereits auf kleine, optische Makel beziehen. Auch ein Eiskunstläufer mit Hasenscharte erhält die ihm zustehende Punktzahl, wenn er den Flip, Lutz oder Rittberger korrekt ausführt, aber wir alle haben Bodybuilding-Wettkämpfe gesehen, in denen Athletinnen offensichtlich vordergründig nach ihrer Haarfarbe oder ihrem Augenaufschlag bewertet wurden; der Pädagoge Pierre de Coubertin, seines Zeichens Neubegründer der Olympischen Spiele, wäre dieser Tatsache sicher nicht mit Wohlwollen begegnet. Ein fairer Wettkampf, in dem jeder "Ehrenmann" über seine Grenzen hinauswachsen kann – das entsprach seinem Ideal.
Aber eigentlich ist es doch schon fast feige, die Mängel am Regelwerk als Hauptgrund des Scheiterns sämtlicher Olympiabewerbung vorzuschieben. Warum nicht ein Kind, das bereits in den Brunnen gefallen ist, beim Namen nennen? Kein Weltklasse-Bodybuilding ohne Doping. Aber gleichzeitig: keine Chance auf Olympia mit Doping. Schon klar, wer die Olympischen Spiele für sauber hält, glaubt auch, dass in der katholischen Kirche alles rund läuft. Wird hier also mit zweierlei Maß gemessen? Ist es unfair, dem Bodybuilding die Türen zu einer Veranstaltung zu verschließen, in der auch Leichtathleten mit Zahnspange und der klassische Sündenbock Radrennfahren ihren Platz gefunden haben? Hier ist Bodybuilding eben mit dem Nachteil der Offensichtlichkeit gestraft. Und weil die medikamentöse Leistungssteigerung nicht in Form von Geschwindigkeiten, Weiten oder Spielergebnissen, sondern durch optische Auswirkungen in Erscheinung tritt, stößt sie auf beinahe aggressive Ablehnung. Die Menschen wollen glauben, dass ein Lance Armstrong, der zu Beginn seiner Karriere stets unter ferner liefen ins Ziel kam, nach seiner Krebserkrankung durch rein spirituelle Kräfte Rekorde für die voraussichtliche Ewigkeit aufstellte. Aber wenn sie einen Wettkampf-Bodybuilder sehen, dann erscheint sofort das Bild eines grenzdebilen Schönlings in ihren Köpfen, der sich Injektionen in den fußballgroßen Bizeps setzt. Niemand würde Menschen wie diese auf der Bühne der heiligen Kuh Olympia sehen wollen.
Natürlich wäre die einfachste Lösung, nur naturale Athleten (ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass es die tatsächlich gibt) antreten zu lassen. Aber wer würde das wirklich wollen? Ganz ernsthaft? Was nützt der Olympische Auftritt einer Disziplin, wenn sie nicht ihre erste Garde an den Start schicken darf? Ich will damit natürlich in keinster Weise die Leistungen der Natural-Bodybuilder schmählern! Aber selbst König Fußball konnte nicht verkraften, dass viele Nationen in Folge des Amateur-Gebots nur ihre B- und C-Kader auflaufen lassen durften (kann sich jemand erinnern, dass je ein DFB-Trainer wegen schlechten Abschneidens bei Olympischen Spielen entlassen wurde? Rücken die Vereine ihre wertvollen Spieler überhaupt noch für Olympia raus?). Die großen Aushängeschilder des Sports sind nun mal die >202 lbs mit einem KFA von unter 5%. Was nützte denn die mediale Aufmerksamkeit, wenn selbst die kleinen Jungs enttäuscht vor der Olympiaübertragung sitzen würden, weil sie schon von den Darstellern ihrer Actionhelden extremere Körper gewohnt sind?
Man mag es als ungerecht empfinden, dass mit vielen anderen Sportarten, die offensichtlich ein gravierendes Doping-Problem zu beklagen haben, weniger hart ins Gericht gegangen wird. Vielleicht nur, weil sie beim Publikum auf bessere Resonanz stoßen. Weil ja jede Mutti auch noch ein Klapprad im Keller stehen hat. Weil man sich noch an die gute alte Zeit erinnert. Aber eine Sportart, deren Anhängerschaft sogar auf dem alleruntersten Leistungsspektrum mit reisgefüllten Tupperdosen in die Diskotheken zieht und im Internet besorgte Fragen à la "Stört nächtlicher Stuhlgang die Regeneration?" stellt, genießt zweifelsohne ein Stück weit ihre Underdog-Position. Erfahrungsgemäß ist es doch im Kreise der Außenseiter so und so am lustigsten! Man könnte jetzt den Angriff als bekanntermaßen beste Verteidigungsstrategie wählen und auf die Olympischen Spiele und ihre Scheinmoral losgehen; auf den Kontrast zwischen dem genannten "Ehrenmänner"-Anspruch und der Kommerzialisierung und Korruption in den eigenen Reihen. Und so weiter und so fort. Oder man könnte sich entspannt zurücklehnen, weil der Klügere nachgibt, und ein bisschen stolz sein auf das, was man sich so ganz allein aufgebaut hat: eine stetig und in unterschiedlichste Richtungen wachsende Bewegung, deren Leistungsspitze immer neue Sphären erklimmt, die einen riesigen wirtschaftlichen Markt erschaffen konnte und für viele Menschen auf der ganzen Welt große Inspiration bedeutet. Und das alles, ohne auf EuroSport oder dem DSF Snooker, Pokern oder den legendären Sexy-Sportclips ihre Sendeminuten streitig gemacht zu haben! Bodybuilding war noch nie ein Sport für die Massen. Und daran würde und muss auch Olympia nichts ändern.
Ich glaube, es gibt in Deutschland eine Männer-Mannschaft im Synchronschwimmen. Weltweit dürfte es vielleicht noch eine Handvoll mehr sein. Auch die kämpfen schon seit Längerem um eine Anerkennung ihres Geschlechtes bei Olympischen Spielen. Ich würde es den Jungs von Herzen gönnen!