Schlichtere Gemüter sind davon in der Regel auch schwer beeindruckt und ich stehe dann als besonders sachkundig und weise da… außer bei jungen Sportstudenten, die natürlich immer mit einer Gegenstudie oder einer diametral entgegengesetzten Meinung ihres jeweiligen Profs aufwarten können.
Studien zu zitieren ist einerseits legitim - schließlich argumentiere ich ja mit seriöser Sport- und Ernährungswissenschaft und nicht mit einem landläufigen Beach-Body-Artikel aus irgendeinem Lifestyle-Blättchen - andererseits aber auch immer ein bisschen Hochstapelei… nicht selten mit einem recht wackeligen Fundament aus anfechtbarem Halbwissen.Schauen wir uns genauer an, warum oftmals ein wenig Vorsicht geboten ist.
Persönliche Angriffe auf Kindergartenniveau, aber auch akademischer Dünkel sind unangebracht
Eine wissenschaftliche Studie zu lesen und zu zitieren ist eine Sache, Sie zu verstehen, die richtigen Schlüsse und letztendlich Nutzen daraus zu ziehen, ist dagegen eine ganz andere. Die Fähigkeit, die Spreu vom Weizen zu trennen, ist hier ein großer Vorteil. Das ist auch durchaus für jeden von uns machbar. Selbst für einen Laien. Wie, das klären wir später.Zunächst ein paar populäre Beispiele aus der Trainingspraxis:
Gegenstand zahlreicher Studien ist aktuell wieder mal der Einfluss von Hormonen auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Mit wachsender Begeisterung wird hier gerade debattiert, geforscht und publiziert.
Die neuesten Studien scheinen zu bestätigen, dass der Hormonhaushalt (sowohl der anabole als auch der katabole) so starken natürlichen Schwankungen unterliegt, dass er kaum Auswirkungen auf den langfristigen Trainingserfolg hat. Ergo: der Hype um den trainingsbedingten Testosteronanstieg oder die panische Angst vor dem muskelabbauenden Stresshormon Cortisol erweisen sich zunächst mal als weitgehend unbegründet.
Trotzdem (irgendwas ist ja immer!) bleibt das ein wenig kurz gegriffen. Denn daraus per se zu schließen, Hormone hätten überhaupt keinen Einfluss auf den Trainingszustand und die Leistungsfähigkeit, wäre vorschnell. Testosteron - führt man es über längere Zeiträume in hoher Dosis von außen zu - hat signifikante und hinlänglich belegte Auswirkungen auf Kraftzuwachs und Muskelaufbau. Ein erhöhter Cortisolspiegel dagegen kann, selbst wenn ein kurzzeitiger Anstieg direkt nach dem Training noch keinen messbaren Leistungseinbruch bewirkt, als Dauerzustand gravierende negative Folgen für einen Wettkampfathleten haben.
Ein anderes Beispiel aus den Ernährungswissenschaften: Viele Leser werden sich erinnern, dass uns ganz offizielle Untersuchungen jahrzehntelang nahegelegt haben, dass erhöhte Gaben von Vitamin C das Erkältungsrisiko verringerten. Plötzlich aber hieß es (neuere Studien wiesen darauf hin), dass zu viel Vitamin C Erkältungen sogar begünstigen würde.
Auch Multivitamine wurden aufgrund von Studien erst angepriesen, dann verteufelt, als unwirksam verworfen, teilweise sogar als krebsbegünstigend eingestuft, und nun werden sie - ebenfalls durch Studien untermauert - wieder empfohlen.
Galt vor ein oder zwei Dekaden noch das Federn und Wippen beim Stretching als unverzichtbar für den optimalen Dehnungseffekt, gilt es heute weitestgehend als No-Go und wird von vielen Sportmedizinern schon fast als Körperverletzungsdelikt eingestuft.
Klassisches moderates Cardio empfahl man seit Ende der 70er Jahre als Heiligen Gral der Fettverbrennung, dann wurde es in den letzten Jahren zugunsten des intensiveren Intervalltrainings flächendeckend gedisst, und inzwischen wird in diesem Punkt die sportmedizinische Haltung - genau wie das Cardio selbst - schon wieder moderater.
All diese Erkenntnisse, sowohl in der einen, als auch in der anderen Richtung, wurden zu ihren Hochzeiten durch die Bank weg durch entsprechende Studien belegt. Und das sind nur ein paar wenige, wahllos herausgegriffene Beispiele.
Böse Zungen könnten nun behaupten, es wäre im Grunde lax, wie man trainiert… solange man seinen Hintern überhaupt erstmal bewegt.
Deswegen erstaunt es umso mehr, dass das zügellose Zitieren von Studien so eine beliebte Disziplin besonders in den Fitnessstudios geworden ist.Ich bitte, das nicht falsch zu verstehen: Ich bin ein großer Freund der Sportwissenschaft. Das kommt daher, dass ich ein so großer Gegner der Verschwendung kostbarer Lebenszeit mit unwirksamem Aberglauben und - damit einher gehend - fruchtlosen Trainingsmethoden bin.

Ich wage sogar die These, dass es gewinnbringender sein könnte, weniger über Trainingsprinzipien und -methoden zu streiten und stattdessen einfach mal ein paar schwere Gewichte zu bewegen und vernünftig zu essen. Ich weiß, ich lehne mich da sehr weit aus dem Fenster.
Wen wundert es da, dass sich in Blog-Kommentaren dann selbsternannte Fitnessfachleute mit Vehemenz und erstaunlichem Fanatismus widersprüchliche Studienergebnisse um die Ohren hauen… nicht ohne die obligatorischen Seitenhiebe auf Intelligenz und Wissensstand der gegnerischen Partei.
Der Klassiker: Man zitiert inbrünstig die Studie (meistens ist es tatsächlich nur eine!), die die eigene Anschauung untermauert und ignoriert alle weiteren vorliegenden Forschungsergebnisse, die etwas Gegenteiliges belegen könnten.
Eine Studie, die die eigene Sichtweise bestätigt, lässt sich mit ein wenig googeln meist recht schnell ausfindig machen.Oder man versucht es über die Menge zu regeln: Es gibt mehr Studien zu meiner These als zu deiner, also habe ich Recht! Das bringt einen letztendlich aber auch nicht weiter, da bei wissenschaftlichen Studien - wie bei allem anderen auch - die Quantität nicht unbedingt etwas über die Qualität aussagt.
Eine beliebte Fehlerquelle ist auch das Übertragen von Ergebnissen aus anderen Sportarten auf das Kraft- und Hypertrophietraining. Dabei vergisst man oft, dass z.B. beim Kraftdreikampf oder Crossfit ganz andere Gesetzmäßigkeiten und Zielsetzungen zum Tragen kommen als beim Bodybuilding. Von zyklischen Ausdauersportarten ganz zu schweigen.
Wie viel Geld, Zeit und Teilnehmer für die Durchführung einer Studie zur Verfügung stehen hat auch noch mal einen nicht unerheblichen Einfluss auf ihre Genauigkeit und Brauchbarkeit.
Das einfache Nachbeten eines bequem passenden Studienergebnisses ist somit wenig zielführend. Besonders für den Athleten im Studio, der einfach nur wissen möchte, wie er grobe Trainingsfehler und ernährungstechnische Irrwege vermeiden kann. Leider geht es vielen Trainern oft nur darum, sich selbst zu profilieren und ihr im Studioalltag meist nutzloses und unverständliches Detailwissen abzufeiern, anstatt ihren Klienten, Mitgliedern oder Teamkollegen mit brauchbaren Informationen wirklich weiter zu helfen.
Da im Sportstudio, wie auf der Fußballtribüne, JEDER Trainer ist, kommt dabei in der Regel nichts Gutes heraus. Ein falscher Ratschlag im Studio erweist sich obendrein für den Ratsuchenden unter Umständen als viel folgenschwerer als ein flapsiger "Expertenkommentar" im Stadion.
Aber was ist die Lösung? Alle wissenschaftlichen Untersuchungen als unnütz verwerfen? Nur noch nach Lust und Laune oder Joe Weiders, Gott hab ihn selig, ominösem Instinkt-Prinzip trainieren? Heute so, morgen so. Oder den Studio-Ältesten mit den dicksten Armen fragen? Nach dem Motto: Planlos geht mein Plan los, und wenn’s egal ist, spielt es eh keine Rolle.
Das wollen wir im nächsten Teil näher beleuchten.
