in Teil 1 meines BLOG habe ich mich mit den Begriffen befasst, die im Zusammenhang mit Übertraining verwendet werden und allgemein für Verwirrungen bei diesem Thema sorgen.
Übertraining muss tatsächlich stark differenziert betrachtet werden, auch wenn sich die Übergänge von einer zur anderen Ausprägung nur sehr schlecht ermitteln lassen.
Richtig angewandt, kann Übertraining als Functional-Overreaching positive Adaptionen in Sachen Leistung erbringen und sogar etwas "Gutes" bewerkstelligen
Falsch angewandt, unabsichtlich oder unbemerkt hervorgerufen, kann Übertraining in seiner milderen Form als Non-Functional-Overreaching oder dann in seiner ausgeprägteren Form als Overtraining zu Leistungseinbußen und weiteren Symptomen führen die der Leistungsminderung entweder voran- oder hinten angestellt sind.
Mit genau diesem Overtraining möchte ich mich im heutigen Teil 2 beschäftigen.
Overtraining (Overtraining-Syndrom)
Definition
Für den Begriff Overtraining existieren viele Definitionen beginnend mit sehr einfachen und allgemeinen wie "Ungleichgewicht zwischen Training und Erholung" bis hin zu etwas weniger verallgemeinerten Versionen wie "Leistungsminderung die nicht auf einer organischen Krankheit basiert, wahrscheinlich aber das Immunsystem in Mitleidenschaft zieht und somit das Risiko auf infektiöse Krankheiten erhöht."Interessant ist auch die Definition des Overtrainings als "Ungleichgewicht zwischen Stress und Stresstoleranz, Training und Erholung sowie Training und Trainingskapazität."
Beim Overtraining-Syndrome tritt chronisch eingeschränkte Leistungsfähigkeit in Kombination mit anderen Symptomen eines Overtrainings auf
Unterscheidung zum Overreaching
Eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit muss für ein echtes Overtraining mindestens 3 Wochen vorliegen. Beim Overreaching kann dieser Zustand schon nach weitaus kürzerer Zeit auftreten.Der größte Unterschied zum Overreaching liegt jedoch in der Zeit die zur Wiederherstellung der Leistung benötigt wird und nach der Definition von Armstrong und Van Heest mit mehreren Wochen oder Monaten für ein Overtraining angegeben wird.
Symptome
Allgemein
In Verbindung mit einem Overtraining kann es zu physiologischen, psychologischen, biochemischen und immunologischen Symptomen kommen.Beschrieben werden vor allem eine generell verminderte Leistungsfähigkeit, eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit speziell bei hohen Intensitäten, Müdigkeit, Depressionen, Apathie, Nervosität, Antriebsmangel, ein Rückgang der maximalen Herzfrequenz und der maximalen Laktatproduktion. Auch das Wohlbefinden kann betroffen sein, ebenso wie es zu einem erhöhten Infektionsrisiko vor allem der oberen Atemwege kommen kann. Konzentrationsstörungen, Stimmungsschwankungen, Wahrnehmungsveränderungen, Verhaltensveränderungen und Appetitlosigkeit, längere Regenerationszeiten, Kopfschmerzen und Unregelmäßigkeiten der Monatsblutungen bei Frauen wurden ebenfalls bereits in Zusammenhang mit Overtraining beobachtet.
Auf der biochemischen Seite kann es zur Abnahme von Hämoglobin, Serumeisen und Ferritinwerten, einer negativen Stickstoffbilanz, einer Zunahme von Harnsäure- und Harnstoffwerten, einer Abnahme von Glutaminwerten, einem Mangel an Spurenelementen, einer Veränderung beim Aufkommen an Stresshormonen, einem niedrigen Spiegel an freiem Testosteron und einem veränderten Testosteron/Cortisol-Verhältnis kommen.
Anmerkung: In weniger ausgeprägter Form können einige der genannten Symptome wie Leistungsabfall, Stimmungsschwankungen, Schlafprobleme, Essstörungen und Konzentrationsprobleme auch beim Non-Functional-Overreaching auftreten was natürlich das Erkennen des Übergangs vom Overreaching ins Overtraining erschwert.
Muskelschäden / Muskelschmerzen
Overtraining schädigt die Muskelfasern auf myofibrillärer und neuromuskulärere Ebene. Die Folge davon sind eine verminderte Produktion von Myosinketten sowie eine Abnahme der b-adrenergen Rezeptoren mit der Folge einer verminderten Sensibilität für Katecholamine. Auch Entzündungen in Muskelzellen spielen hier eine Rolle und verzögern die Regeneration.Alles zusammen kann Muskelschmerzen, eingeschränkte Beweglichkeit und Krafteinbußen hervorrufen.
Ein Punkt der ebenfalls mit der geschädigten Muskulatur zusammenhängt, ist eine Beeinträchtigung der Resynthese von Glykogen. Wird im Zustand des Overtrainings das Belastungsgefüge nicht unterbrochen, verhindern entzündliche Zustände und teilweise erhöhte Plasmakonzentrationen an immunsuppressiven Stresshormonen auch die Glykogenresynthese. Wie wir noch sehen werden, ist gerade die Versorgung mit Glykogen von entscheidender Bedeutung für die Entstehung und den Fortbestand eines Overtrainings.
Fazit: Der Unterschied zwischen Overreaching (NFOR) und Overtrainng liegt in der Zeit des Leistungsabfalls, der benötigten Zeit zur vollständigen Regeneration und der Ausprägung der genannten Symptome die sich mit Übertraining ergeben können.
Die große Frage lautet, welche der genannten Symptome sich zur eindeutigen Feststellung eines Overtrainings eignen.
Interessant: Über den Blutwert Creatinkinase (CK) können manifeste Muskelanstrengungen nachgewiesen werden.
Entstehung
Ungleichgewicht zwischen Anforderung und Ressourcen
Die Entstehung von Overtraining basiert auf einer Akkumulation (Anhäufung) von Stressoren die zum Überschreiten der Widerstandskraft des Athleten führen. Stressoren können dabei entweder physischer oder psychischer Natur sein.Jeder Mensch geht aufgrund von Erfahrungen und der daraus entstehenden Persönlichkeit anders mit verschiedenen Stressoren um und hat folglich auch eine andere Toleranzschwelle. Für manche Athleten stellen belastungsunabhängige Stressoren wie eintönige Trainingspläne, viele abzuleistende Wettkämpfe, fehlende Periodisierung im Training, unzureichende Erholungszeiten, Krankheiten, Infektionen oder psychosoziale Probleme ein hohes Maß an Stress dar, andere gehen leichter damit um.
Entscheidender als ein evtl. zu hohes Trainingsvolumen ist ein mangelndes Gleichgewicht zwischen regenerativen und intensiven Trainingseinheiten.
Auch der Ernährungszustand, das Alter, das Geschlecht, der Menstruationszyklus, die Zufuhr bestimmter Substanzen wie Hormone oder Stimulantien und sogar die Jahreszeit (Beispiel Winterdepression) nehmen Einfluss auf die Entstehung von Overtraining.
Diagnostik
Um Overtraining tatsächlich zu diagnostizieren muss man Kenntnis über den Ausgangsleistungszustand und die anfängliche Erholungszeit vor dem angenommenen Overtraining besitzen.Derzeit werden in einer Art Ausschlussverfahren alle anderen möglichen Einflüsse auf die Entstehung der jeweiligen Symptomatik ausgeschlossen. Trotz dieser Vorgehensweise wird die Diagnose von Overtraining durch unterschiedliche Entwicklungen erschwert. Wie wir noch sehen werden treten unterschiedliche Symptome bei kurzfristiger und chronischer Leistungsminderung aber auch unterschiedliche physiologische Reaktionen auf Trainingsintensität und Trainingsvolumen auf. Letztlich wird sich Overtraining auch unterschiedlich auf das autonome Nervensystem auswirken.
Das generelle Problem mit Overtrainingbesteht derzeit darin, dass es erst sehr spät diagnostiziert werden kann, nämlich dann, wenn Leistungsverminderungen trotz konstantem Training bereits eintreten.
Fazit: Die Entstehung von Overtraining alleine nur auf zu viele Trainingseinheiten pro Woche zu beschränken ist eine stark einseitige, nicht haltbare Behauptung. Leider unterliegt die Entstehung von Overtraining einer starken Individualität, was eine eindeutige Diagnostizierung erschwert. Tritt das offensichtlichste Kriterium, die Leistungsabnahme, ein, ist es in vielen Fällen schon zu spät.
Erholung
Zu den nötigen Erholungszeiträumen von einem Overtraining bestehen stark unterschiedliche Ansichten.Die Forscher Petibois et al, Kindermann und Urhausen sprechen von Wochen bis Monaten ohne körperliche Belastung bis das normale Training wieder aufgenommen kann.
Halson und Jeukendrup setzen je nach Ausprägung sogar Monate oder Jahre an. Kenttä und Hassmen differenzieren milde und schwerwiegende Symptome und legen nahe, dass eine Trainingsreduktion für Overreaching effektiver sei als für Overtraining.
Israel räumt für die Wiederherstellung des vorherigen Leistungsniveaus aus einem moderaten Overtraining mehrere Wochen ein.
Fazit: Wer sich in einem richtigen Overtraining befindet, kann dies aus Sicht der Wissenschaft nicht wieder damit gut machen, 1 Woche nicht zu trainieren (wie vielfach behauptet). Die Regeneration nach einem Overtraining nimmt in jedem Falle mehrere Wochen in Anspruch.
Ursachenforschung
Um ein frühzeitiges Erkennen von Overtraining zu ermöglichen, sucht die Wissenschaft händeringend nach den Ursachen dieses Phänomens und ist hier im Laufe der Zeit auf mehrere interessante Ansätze gestoßen von denen ich im folgenden Abschnitt einige erklären möchte. Der Stein der Weisen bzw. DIE Ursache von Overtraining ist bis dato nicht gefunden. Ihr werdet gleich sehen warum…..Ursachenbezogene Genese
Overtraining, Depressionen, Stimmung und Wohlbefinden
Beobachtungen in Sachen Wohlbefinden und Stimmungsschwankungen können als Marker für Overtraining verwendet werden. In einer Untersuchung mit Schwimmern konnten im Rahmen einer Taperingphase nach einem ausgeprägten Overload Leistungsverbesserungen besonders bei den Sportlern festgestellt werden, die Fragebögen hinsichtlich des Wohlbefindens und der Stimungslage mit einem positiven Ergebnis beantworteten.Armstrong und Van Heest zur Folge weisen bei Overtraining und Depressionen auf einen ähnlichen neuroendokrinen Verlauf hin. Bis zu 80% der Overtraining-Patienten neigen demnach auch zu Depressionen. Die im Sport so wichtige Selbstwertschätzung kann durch Depressionen getrübt sein. Andererseits kann die Erfahrung eines Overtrainings-Zustandes auch leicht Depressionen hervorrufen. Da Depressionen bei Sportlern als persönliche Schwäche gelten, werden diese oftmals verschleiert und verleugnet. Ein Teufelskreis entsteht.
Fazit: Beobachtungen zu Veränderungen des Wohlbefindens und der Stimmung können helfen Overtrainingszustände frühzeitig zu erkennen. Hierzu müssen jedoch die eigene Selbstwahrnehmung oder das Verhältnis und die Nähe zwischen Athlet und Trainer sehr eng sein. Auf depressive Verstimmungen muss definitiv geachtet und frühzeitig reagiert werden.
Autonome Dysbalance
Unterscheidung
Die Ursache von Overtraining kann auch in einem Ungleichgewicht der beiden Achsen des autonomen Nervensystems ANS, nämlich der sympathischen und der parasympathischen Achse liegen. Man unterscheidet diesem Ansatz zur Folge auch ein sympathisches Overtraining von einem parasympathischen Overtraining.Symptome
Die Symptomatik beim sympathischen Overtraining geht in Richtung:- Erhöhung des Ruhepuls
- Verzögerte Erholung
- Abnahme des Körpergewichts
- Schlafstörungen
- Leichte Ermüdbarkeit
- Appetitverlust
- Innere Unruhe und Nervosität
- Leichte Ermüdbarkeit
- Veränderungen bei Hormonwerten
- Koordinationsstörungen vor allem bei hoher Intensität
Auftreten
Bei der Frage, inwieweit beide Arten des Obertrainings getrennt voneinander auftreten oder eine Art auf die andere folgt sind sich Forschern bis dato nicht einig. Isreal geht davon aus, dass beide Formen getrennt voneinander vorkommen können. Andere Autoren wie Fly, Armstrong oder Van Heest gehen davon aus, dass sich sympathisches Overtraining vor dem parasympathischen Overtraining einstellt und das parasympathische Overtraining eher einem schwerwiegenderen Endzustand ähnelt.Für sympathisches Obertraining besteht ein höheres Risiko bei Schnellkraft- und Kraftsportarten. Parasympathisches Overtraining tritt eher bei Ausdauersportarten mit hohem Trainingsumfang auf.
Fazit: Kraftsportler bilden eher ein sympathisches Overtraining aus und sollten hinsichtlich der genannten Symptomatik immer Ohren und Augen offen halten.
ZNS (Zentrales Nervensystem)
Oft hört oder liest man, dass Overtraining etwas mit der Ermüdung des ZNS (zentralen Nervensystems) zu tun hat. Diese Entwicklung tritt wahrscheinlich erst in einer fortgeschrittenen Phase des Overtrainings ein. An erster Stelle steht eher eine periphere Ermüdung der arbeitenden Muskulatur, ausgelöst durch ein verändertes Substratangebot und durch die bereits angesprochenen Beschädigungen innerhalb der Muskelzelle.Fazit: Vor einer Ermüdung des zentralen Nervensystems macht sich Overtraining in Form von muskulären Defiziten bemerkbar.
Glykogenmangel
Vor allem Dauerbelastungen führen im Muskel und in der Leber zu einer Reduzierung des Glykogengehalts und chronischer Hypoglykämie. Dieser Zustand wird sowohl in Zusammenhang mit Overreaching als auch mit Overtraining in Verbindung gebracht.Ein reduziertes Glykogenaufkommen reduziert auch die Laktatkonzentration und kann so zunächst eine Leistungsverbesserung vorspielen. Es sorgt zudem dafür, dass der Körper auf alternative Energiesubstrate und besonders auf BCAA zurückgreift.
Vogel zur Folge begünstigt ein Glykogenmangel durchaus Ermüdung, kann jedoch nicht die alleinige Ursache für Overreaching oder Overtraining sein. Wir haben jedoch zudem bereits erfahren, dass im Zustand des Overtrainngs die Resynthese von Glykogen möglicherweise gehemmt ist, so dass auf ausreichend Glykogen zur Verrichtung anaerober Tätigkeiten bereits im Vorfeld immer gesorgt sein sollte.
Fazit: Wer des Öfteren mit Unterzuckerung und schnellem muskulären Leistungsabfall zu kämpfen hat, setzt sich möglicherweise auch einem höheren Risiko auf Overtraining aus.
Interessant: Auch niedrige Triglyceridspiegel aus lang andauernder schwerer Belastung ohne ausreichend Regeneration begünstigen einen Leistungsabfall.
BCAA-Hypothese
Leere Glykogenspeicher veranlassen den Körper zur vermehrten Oxidation von BCAA. Dieser Vorgang führt zu einer verhältnismäßig höheren Konzentration an freiem Tryptophan und freien Fettsäuren im Blut. Besonders das erhöhte Aufkommen an freiem Tryptophan sorgt dafür, dass auch mehr davon über die Blut-Hirn-Schranke das Gehirn erreicht und es so zur vermehrten Bildung von Serotonin kommt. Mehr Serotonin spielt eine Rolle bei der Erregung von Motoneuronen, bei der Hemmung des autonomen Nervensystems und der Schlafinduzierung - alles Anzeichen die auch bei Overtraining auftreten können. Es liegt somit die Vermutung nahe, dass ein aus Glykogenmangel resultierender BCAA-Mangel und das dadurch veränderte BCAA/Tryptophan-Verhältnis eine Rolle bei der Entstehung von Overtraining und der damit einhergehenden Ermüdung spielen könnte.Vorteile aus einer BCAA-Supplementierung in Verbindung mit der Gabe von Kohlenhydraten konnten im Vergleich zur reinen Gabe von Kohlenhydraten bis dato nicht in Studien herausgestellt werden. Der effektivste Weg aus dem Overtraining besteht hier in der Zufuhr von Kohlenhydraten. Ist dies nicht möglich, kann mit der Zufuhr von BCAA zumindest das BCAA/Tryptophan-Verhältnis wieder angeglichen werden.
Fazit: Ausgehend von einem Glykogenmangel kann sich mit Fortschreiten des Overtrainings auch ein BCAA-Mangel ausbilden, der indirekt für anhaltende Ermüdung und eine Hemmung des autonomen Nervensystems verantwortlich sein kann.
Immunsystem
Glutamin-Hypothese
Die Aminosäure Glutamin ist bekanntlich in das Immunsystem integriert. Ein Mangel kann Immundefizite auslösen. Medizinische Eingriffe, Infekte, aber auch sportliche Belastungen stören die Glutamin-Homöostase und entleeren die Speicher die sich zu einem signifikanten Teil in der Muskulatur befinden. Sportliche Belastung führt zunächst zu einem Anstieg der Glutaminkonzentration, dann aber zu einem starken Abfall. Im Laufe der ersten Regenerationsstunden kommt es wieder zu einer Normalisierung auf den Ausgangslevel.Erholungsdefizite limitieren die Freisetzung von Glutamin aus der Muskulatur und beeinträchtigen so das Immunsystem. Von übertrainierten Ausdauersportlern weiß man um eine verstärkte Anfälligkeit auf Infektionen der oberen Atemwege. Auch die Theorie des sog. "Open Window" und der damit verbundenen verstärkten Anfälligkeit für Krankheiten 3 Stunden bis 3 Tage nach dem Training lässt sich mitunter so begründen. Ein Abfall des Glutamin/Glutamat-Verhältnis wird als potentieller Marker zur Diagnose von Overtraining angesehen.
Freie Radikale
Besonders hohe muskuläre Dauerbelastungen können das Immunsystem stark schwächen, indem es zu einem Überaufkommen an freien Radikalen kommt. Freie Radikale entstehen bei erhöhter mitochondrialer Tätigkeit. Sie können unser Immunsystem empfindlich schwächen, wenn körpereigene antioxidative Systeme überfordert sind. Da Glutamin zur Bildung von Glutahion benötigt wird, würde ein Mangel das Immunsystem hier doppelt in Mitleidenschaft ziehen. Glutahion ist bekannt als der stärkste Vertreter unserer antioxidtaiven Abwehr.Fazit: Mangelnde Erholung der Glutaminspeicher und natürlich auch eine mangelnde Zufuhr an Glutamin können Overtraining begünstigen, indem sowohl unser Immunsystem als auch die antioxidative Abwehr unseres Körpers geschwächt wird.
Interessant: Auch eine mögliche Erhöhung des Cortisolaufkommens schwächt die Immunantwort indem es eine hemmende Wirkung auf Lymphozyten ausübt.
Zytokine
Eine weitere Theorie macht Zytokine aus lokalen Muskel- und Gelenksschäden für die Entstehung von Overtraining verantwortlich. Treten diese in Form von Interleukinen chronisch und erhöht auf, kann sich dies auf das zentrale Nervensystem auswirken und dadurch vegetative Symptome auslösen.Durch ein intensives oder umfangreiches Training verursachen wir absichtlich sog. adaptive Muskeltraumen verbunden mit der Freisetzung lokaler Entzündungsmediatoren, den Zytokinen. Bei unzureichender Erholung werden derartige entzündliche Zustände chronisch und sorgen für die Freisetzung weiterer entzündungsfördernder Zytokine die mitunter für die Regulation des Immunsystems und für Abwehrreaktionen des Körpers verantwortlich sind. In akuten Phasen werden so mitunter der Proteinstoffwechsel in der Leber und bestimmte Gehirnregionen beeinflusst.
IL-6, ein spezielles Zytokin, ist in die Glukoseregulierung im Laufe einer Belastung involviert, kann aber auch die Blut-Hirn-Schranke passieren und wird sogar im zentralen Nervensystem gebildet. Tierstudien zeigen, dass IL-6 möglicherweise auch beim Menschen steigende Konzentrationen bei ACTH, Cortisol und Tryptohan im Gehirn, aber auch verringerten Appetit und Fieber auslösen kann.
IL-6 wird nachweislich abhängig vom Glykogenangebot in den Muskeln und der Leber produziert. Besser gefüllte Glykogenspeicher sorgen für ein niedrigeres Aufkommen.
Fazit: Die mit sportlicher Belastung hervorgerufenen Traumata und Entzündungen können bei überhöhtem Aufkommen oder zu geringen Erholungszeiten ein Overtraining fördern. Da Glykogen Einfluss auf die Entstehung von IL-6 nimmt kann man mit einer ausreichenden Einnahme hier prophylaktische Arbeit leisten.
Neuro-endokrine Dysbalance
Was die endokrine Seite angeht, kommt es zu individuell und auch Phasen bedingt zu unterschiedlichen Ausprägungen.LH, FSH, ACTH
Das FSH und ACTH-Aufkommen ist in der Frühphase des Overtrainings erhöht. Im späteren (chronischen) Verlauf reduziert sich die Bildung von FSH, LH und ACTH zunächst nur in Hinblick auf Maximalwerte, später auch in Hinblick auf basale Werte.Exkurs
ACTH, ein Hormon der Hypophyse wird ins Blut abgegeben und beeinflusst die Bildung von Hormonen aus der Nebenniere wie Mineralcorticoide und Glucocorticoide wie Cortisol aber auch Androgene wie Testosteron.Cortisol und Katecholamine
Hier wurden sowohl erhöhte, unveränderte, als auch erniedrigte Werte in Studien festgestellt. Wahrscheinlich ist vor allem eine beim sympathischen Overtraining anfangs bestehende Überproduktion die sich im weiteren Verlauf dann in einen Mangel entwickelt.Exkurs Cortisol
Cortisol, als wichtigster Vertreter der Glucocorticoide, beeinflusst den Metabolismus von Kohlenhydraten und Fetten, sorgt für die vermehrte Freisetzung von Aminosäuren (Proteinkatabolismus), wirkt entzündungshemmend und immunsuppressiv, erhöht das Schlagvolumen des Herzens und die Wahrnehmung auf Reize sensorischen Ursprungs.Ähnliche Verläufe wie bei Cortisol sind auch beim Aufkommen der Katecholamine Adrenalin und Noradrenalin beobachtet worden. Je nach Stadium wurden erhöhte, konstante oder reduzierte Werte in Studien an übertrainierten Probanden festgestellt.
Fazit: Schlimmer noch als ein Überaufkommen an Cortisol und Katecholaminen ist zweifelsohne ein Mangel. Aus dem Mangel an Stresshormonen resultiert ein Zustand, bei dem der Körper auf Stressoren nicht mehr mit der nötigen Energiebereitstellung reagiert. Derartiges kennt man aus der Symptomatik eines Burn-Out-Syndroms bei welchem die Cortisolproduktion teilweise komplett eingestellt wird.
Testosteron
Im Rahmen der Dekompensation der Hypothalamus-Hypophysen-Achse und den damit verbundenen Veränderungen die wir bereits bei FSH und LH festgestellt haben, lässt sich auch bei Testosteron im Laufe eines Overtrainings meist eine Reduzierung feststellen.Entsprechend der leider individuellen und phasenbezogenen Veränderungen des Testosteron- und Cortisolaufkommens ist auch der Testosteron/Cortisol-Quotient kein wirklicher Marker für die Diagnose von Übertraining. In Untersuchungen wurden sowohl unveränderte als auch erniedrigte Werte gemessen.
Leptin
Unter hoher Belastung findet eine Redzuzierung des zirkulierenden Leptins statt, was auf fehlende Triglyceride durch eine lang andauernde b3-Adrenozeptor-Stimulation hinweist. Im Laufe der Regeneration steigen die Leptinspiegel jedoch im Normalfall wieder an. Bleibt diese aus, sorgen niedrige Leptinspiegel für eine hohe hypothalamische Neuropeptid Y Aktivität. Dies wiederum stimuliert den Appetit sowie alle Hypothalamus gesteuerten Achsen.
Fazit: Versuche, ein Overtraining eindeutig durch bestimmte Hormonkonstellationen zu diagnostizieren sind bis dato erfolglos! Am ehesten setzt die Forschung auf Veränderungen des Testosteron/Cortisolverhältnis als Bestimmungsgröße.
Norephinephrin
Auch erhöhte Norepinephrinkonzentrationen können als möglicher Marker zur Diagnose von Overtraining in Erwägung gezogen werden. Norepinephrin wird hauptsächlich durch die Nervenzellen im sympathischen Nervensystem abgesondert, weshalb Veränderungen hier im Rahmen des sympathischen Overtrainngs und damit auch Kraftsport-spezisch auftreten können. Norepinephirn fördert den Abbau von Glykogen und Fett zugunsten des Energiestoffwechsels und erhöht die Kontraktilität des Herzens.Paradoxerweise führen lang andauernd hohe oder stark überhöhte Werte bei Norepinephrin trotz der genannten Wirkungen zu Leistungsverminderungen und Abgeschlagenheit. Leistungsverbesserungen treten nur dann ein, wenn sich der Norepinephrin-Wert in Ruhe auch wieder signifikant absenkt.
Fazit: Die Norepinephrin-Tageskurve gibt möglicherweise Aufschluss auf ein bestehendes Overtraining
HRV als Diagnoseinstrument
Während man Veränderungen der HRV (Herzfrequenzvariabilität) in Sachen Bestimmung eines Overtrainings im Ausdauersport teilweise hohe Bedeutung zukommen lässt, da Ausdauertraining eine Reduzierung der Ruheherzfrequenz und submaximalen Belastungsfrequenz zur Folge hat, ist dieses Instrument für Kraftsportarten weniger aussagefähig.Fazit: Die HRV dient als mögliches Diagnosewerkzeug für Overtraining im Ausdauersport, nicht aller im Kraftsport.
Psychomotorgeschwindigkeit als Diagnoseinstrument
Ebenfalls interessant in Bezug auf die Diagnose von Overtraining sind beobachtete Verlangsamungen der Psychomotorgeschwindigkeit bei Athleten mit Overtraining. Tests auf derartige Veränderungen können daher zur Diagnose von Overtraining beitragen.Exkurs Psychomotorik
Psychomotorik beschreibt das enge Zusammenspiel von psychischen Vorgängen wie Konzentration oder Emotionalität und den damit verbundenen Bewegungen. In einigen Sportarten ist diese Befähigung besonders ausgeprägt.Fazit: Sportarten, denen ein hohes Reaktionsvermögen abverlangt wird, erleben mit Overtraining möglicherweise eine Einschränkung der Psychomotorik.
Overtraining und CFS
Auf der Suche nach dem Auslöser für Overtraining hat man nach möglichen Parallelen zum CFS (Chronisches Erschöpfungssyndrom) gesucht.Exkurs CFS
Beim CFS handelt es sich um eine chronische Krankheit die sich mitunter durch körperliche und geistige Erschöpfung bemerkbar macht und im schlimmsten Falle sogar in einer Behinderung enden kann. Neben Erschöpfungsanzeichen kommt es zusätzlich zu Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Halsschmerzen, Muskel- und Gelenkschmerzen, Schlaf- Konzentrations- und Gedächtnisstörungen. Die Symptome treten immer nach Anstrengungen schlimmer auf. Forscher sehen als Ursache eine chronische Aktivierung des Immunsystems an. Andere sprechen von einer Immunschwäche oder einer neuroimmunologischen Störung bei der das Zusammenspiel zwischen Nervensystem, Immunsystem und Hormonsystem gestört ist. Es existieren keine generell gültigen Therapieempfehlungen. Neben Schmerztherapien, Physiotherapien und Ernährungsumstellungen kommen auch bestimmte Medikamente oder Nahrungsergänzungen wie NADH oder Carnitin zum Einsatz.Obwohl bestimmte Symptome sich tatsächlich überschneiden, geht man bei Overtraining und CFS trotzdem weiterhin von 2 verschiedenen Syndromen aus.
Fazit: Overtraining und CFS zeigen teilweise gleiche Symptome. Da sowohl für CFS, als auch für Overtraining, bis dato keine generellen Therapiemethoden bestehen, birgt dieser Vergleich wenig hilfreichen Inhalt. Interessant ist jedoch die starke Einbindung des Immunsystems.
Zusammenfassung
Overtraining beschreibt den ausgeprägteren Zustand des Übertrainings mit einer umfangreichen Symptomatik die von Person zu Person stark unterschiedlich auftritt. Wann es zu Overtraining kommt hängt neben den Anforderungen und Belastungen denen wir uns aussetzen von unserer Persönlichkeit und den Ressourcen ab, die wir den Anforderungen entgegen bringen. Dieses Komplexe Profil ist schuld daran, dass es bis dato noch kein eindeutiges Diagnoseschema für eine frühzeitige Bestimmung von Overtraining gibt.Fest steht, dass Overtraining die unterschiedlichsten Bereiche und Vorgänge unseres Körpers beeinflusst. Das aussagefähigste Kriterium zur Bestimmung ist nach wie vor die Leistungsminderung. Bis diese aber Eintritt, müssen im Körper schon eine Reihe von Veränderungen stattgefunden haben, wie die folgende Darstellung aufzeigt:

Es geht bei Overtraining um Faktoren wie:
- Energie (Glykogen) -defizit
- Neuroendokrines hormonales Ungleichgewicht
- Ungleichgewicht innerhalb des autonomen Nervensystems
- Ungleichgewicht innerhalb des zentralen Nervensystems
- Beeinflussung des Immunsystems
- Überproduktion entzündlicher Substanzen
Das Beste wäre, Overtraining erst gar nicht entstehen zu lassen. In Teil 3 soll es daher um geeignete Maßnahmen zur Vermeidung Overtrainng, aber auch um Maßnahmen gehen, die man im Falle eines Overtrainings treffen kann. Nach der ganzen Theorie in Teil 3 möchte ich Euch 2 Erfahrungsberichte zum Thema Overtraining nicht vorenthalten.
Bis dahin verbleibe ich
mit freundlichem Gruß
Euer
Holger Gugg
www.body-coaches.de