Ich nahm an Kraftsportwettkämpfen teil und bin durchaus zufrieden mit meinen erreichten Ergebnissen. Dennoch suchte ich immer wieder nach Mitteln und Wegen die Erscheinung meiner Trichterbrust zu minimieren, denn auch wenn ich kein Bodybuilder im eigentlichen Sinne sein möchte, störte mich dieser optische Makel.

Ganz ähnlich ging es vielen meiner jungen Patienten, die ich als Sporttherapeut in einem ambulanten Rehabilitationszentrum betreute. Die meisten von ihnen hatten ein Krafttraining zur Haltungskorrektur und langfristigen Prävention von Rückenschmerzen verordnet bekommen. Mir wurde bereits damals immer wieder die gleiche Frage gestellt:
Kann ich meine Trichterbrust wegtrainieren?
Damals antwortete ich im Brustton der Überzeugung mit "Nein", denn ich hatte zum Thema zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten gelesen und auch mit einigen Orthopäden diskutiert. Die einzige Möglichkeit eine Trichterbrust hinreichend zu beeinflussen, sei ein operativer Eingriff, hieß es oft.Nun kannte ich die Ergebnisse dieser Operationen an meist jugendlichen Betroffenen aus erster Hand, denn ich war für deren trainingstherapeutische Nachbehandlung zuständig. Viele hatten nach dem Einsetzen der Metallbügel starke Schmerzen und durften von diesem Zeitpunkt an zwei bis fünf Jahre lang keine schweren Gewichte mehr bewegen. Trotz der neuen und milderen chirurgischen Korrekturmethoden verkündeten Wissenschaftler in einem neuen Review, dass bei diesen Operationen immer noch in 8,5 % starke und in 65 % leichtere bis mittlere Komplikationen auftreten[2].
Für mich und viele weitere Betroffene, für welche lediglich die Verbesserung des Erscheinungsbildes im Vordergrund steht, sind dies sicherlich bedeutende Gründe, sich gegen einen chirurgischen Eingriff bei einer Trichterbrust zu entscheiden.
Die klassische Rolle der Sporttherapie bestand nun darin, durch die Trichterbrust bedingte Fehlhaltungen, etwa Rundrücken und Hohlkreuz, zu korrigieren und somit Schmerzen im Rücken und den Rippen, sowie eine verstärkte Belastung auf die Bandscheiben zu minimieren.
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Bereits durch die Haltungskorrektur kann das Erscheinungsbild einer Trichterbrust stark verbessert werden.
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Ein stark ausgeprägter großer Brustmuskel verstärkt unter anderem die Einziehung zwischen dem unteren Rand des Brustmuskels, dem eingesunkenen Brustbein und den bei der Trichterbrust stark vorgewölbten unteren Rippenbögen. Sporttherapie hilft eindeutig bei der kosmetischen Korrektur, es kommt aber auf das Wie an. Das Brustbein muss bei einer Verdickung des großen Brustmuskels mit angehoben werden, oder die Trichterbrust wird nicht milder, sondern tiefer erscheinen!
Kosmetische Tricks okay, aber kann ich an meiner Trichterbrust direkt etwas verändern?
Vor einigen Monaten stieß ich bei meinen täglichen Recherchen auf die ersten wissenschaftlichen Publikationen, welche eine messbare Verringerung der Trichterbrust allein durch trainingstherapeutische Maßnahmen propagierten. So berichteten beispielsweise Canavan und Cahalin von der Universitätsklinik Boston in ihrer Fallstudie, dass sich der Pectus Severity Index ihres Patienten von 60 ml auf 20 ml verringerte[3]. Dieser Index misst das Volumen des Trichters anhand von Füllmaterial (in dieser Studie Wasser).- ____________________________________________________________________
Die erzielten Werte zeigen dabei eine Verringerung des Trichters um 60 % an und diese annähernd unglaubliche Verbesserung wurde in gerade einmal drei Monaten harten Trainings erzielt!
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Mit der Zeit erschuf ich mein eigenes System, das ich an mir und meinen Patienten erproben konnte. Um es kurz vorweg zu nehmen: Ich konnte den gemessenen Erfolg von Canavan und Cahalin noch überbieten. Ich war von meinen eigenen Ergebnissen so sehr überrascht, dass ich immer wieder andere Personen nachmessen ließ, um jede unbewusste Manipulation meinerseits auszuschließen. Die Ergebnisse blieben konstant.
Warum sollte sich eine Trichterbrust durch Training nicht beeinflussen lassen?
Der folgende Abschnitt wird einige von euch vielleicht etwas langweilen, denn wir müssen kurz in die Anatomie und Biomechanik der Trichterbrust eintauchen. Nur so können wir verstehen, welche Wirkmechanismen hinter der Methode stecken. Dies ist letztendlich notwendig, damit ihr nach dem Abschluss dieser Serie euer ganz spezifisches Trainingsprogramm erstellen könnt.- ____________________________________________________________________
Ich halte nicht viel von standardisierten Trainingsplänen und Übungsempfehlungen. Jeder Trainierende hat ganz individuelle Bedürfnisse und Schwachstellen. Ihr sollt deshalb von mir mit dem notwendigen Wissen versorgt werden, damit ihr selbst euer Therapeut werden könnt.
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Dennoch sind die genauen Ursachen der Erkrankung bis heute nicht abschließend geklärt: Genetische Faktoren scheinen eine Rolle zu spielen, aber am häufigsten wird die Hypothese einer abnorm erhöhten Zugkraft am Brustbein über das Zwerchfell vertreten[5]. Das Brustbein wird sozusagen nach innen gerissen und durch die hohe Zugkraft in dieser Position fixiert.
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Kann die Trichterbrust aus dieser Position angehoben werden? Die Antwort ist eindeutig: Ja!
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Eine weitere flexible Stelle in diesem Gefüge sind die Rippenknorpel. Lediglich der wirbelsäulennahe Anteil der Rippen verknöchert vorzeitig, während der am Brustbein befindliche Anteil sehr lange mobil bleibt (knorpelig), um die Atmung zu gewährleisten. Auf Höhe der klassischen Trichterbrust sind diese Knorpel dabei am längsten und somit auch am beweglichsten. Außer dem 1. Rippenknorpel, der etwa mit dem 20. Lebensjahr verknöchert, bleiben also alle anderen Rippenknorpel auch später flexibel.
Schließlich umspannt dieses gesamte System ein Verbund sich kreuzender Bindegewebsfasern. Dieser Fasermantel sorgt für eine hohe Stabilität bei gleichzeitig maximaler Elastizität.
Bei einer sporttherapeutischen Behandlung der Trichterbrust werden demnach viel weniger Knochenstrukturen, als bewegliche Knorpel, Gelenkfugen und Fasern beeinflusst. Dass dies ohne weiteres möglich ist, zeigen die kurzfristigen Erfolge mit Hilfe einer Vakuumpumpe, welche Brustbein und Rippen sofort anzuheben vermag[5]. Dem deutschen Erfinder und Vermarkter der Saugglockentherapie gelang es, diese Wirkung in klinischen Studien nachweisen zu lassen[6]. Ist die Anhebung des Brustbeins durch äußere Zugkräfte problemlos möglich, so muss es neben dem Vakuum auch weitere Wege geben, die Positionierung dieses Knochens zu beeinflussen.
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Die hier geschilderten Informationen können übrigens in jedem Anatomiebuch nachgelesen werden. Umso erstaunlicher ist es eigentlich, dass viele Orthopäden auf meine Nachfragen sehr abweisend reagierten. Immer wieder musste ich mir von den Spezialisten anhören, dass meine Trichterbrust konservativ unbehandelbar sei und im Jugendalter eben hätte operiert werden müssen, da die Rippengelenke am Brustbein mit meinen dreißig Lebensjahren schon längst verknöchert seien. Dann könnte ich aber nicht atmen, geschweige denn meine Trichtertiefe um inzwischen 50 % verringert haben.
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Vielen erfahrenen und belesenen Bodybuildern und Kraftsportlern werden sich vielleicht die Haare sträuben, wenn ich jetzt von den drei Anteilen des großen Brustmuskels schreibe, denn eine Betonung eines bestimmten Brustanteils bei der Hypertrophie wird von vielen Sportlern und Trainern angezweifelt. Doch es soll hier natürlich auch nicht primär um Hypertrophie gehen.
In der Sportwissenschaft gibt es verlässliche Methoden, um festzustellen, wie viele Fasern in welchem Anteil eines Muskels bei bestimmten Übungen kontrahieren. Wir benötigen zur Anhebung des Brustbeins letztendlich beide Variablen: der Anteil, der auf dem Brustbein entspringt, muss maximal kontrahieren und sich seinem Ansatz am Oberarm, der vor dem Körper gehalten wird, so weit wie möglich annähern.
Welche Bestandteile muss ein solches Programm gegen eine Trichterbrust enthalten?
Krafttraining gegen die Trichterbrust
Der wichtigste Faktor ist ein intensives Krafttraining mit Betonung der "inneren Brustmuskulatur". Idealerweise wird dabei die vordere Schulter ausgespart. Die weitere Übungsauswahl sollte sich dann vor allem an der typischen Fehlhaltung orientieren: Wir benötigen eine starke Rotatorenmanschette und hintere Schulter.Eine gut entwickelte Bauchmuskulatur hilft die bei Trichterbrustpatienten weit hervorspringenden unteren Rippenbögen zu kaschieren. Einen besonderen Stellenwert haben letztendlich auch Übungen, bei denen die Wirbelsäule in einer aufrechten Haltung stabilisiert werden muss. Ein gutes Beispiel hierfür ist etwa die Frontkniebeuge.
Dehnung und Yoga gegen die Trichterbrust
Die Techniken aus diesen Kategorien haben eigentlich zwei Funktionen: Sie sollen Fehlhaltungen beheben helfen und andererseits Strukturen lockern, die einer maximalen Kontraktion des großen Brustmuskels im Wege stehen, bzw. den Trichter wieder in seine alte Form zurück zwingen könnten.So wird etwa der große Brustmuskel gedehnt, damit die nach vorn fallenden Schultern durch die gestärkten Rotatoren in eine optimierte Haltung gebracht werden können. Durch die Yogaposen wird die Brustwirbelsäule gestreckt und rotiert.
Atemtraining gegen die Trichterbrust
Durch ein gezieltes Atemtraining kann die Brustwandausdehnung stark vergrößert werden. Dieser Wert ist bei Trichterbrust-Betroffenen oft sehr eingeschränkt. Innerhalb von nur acht Wochen kann die Ausdehnung des Brustkorbs an die einer gesunden Vergleichsperson angenähert werden. Dies ist besonders wichtig, um eine hohe Flexibilität der Rippenknorpel zu gewährleisten und damit auch ein Anheben des Brustbeins. Ihr könnt eure Brustwandausdehnung messen, indem ihr ein Maßband auf Höhe des Trichters um den Brustkorb schlingt, locker steht und maximal ausatmet. Vergleicht diesen Wert anschließend mit der gleichen Messmethode bei maximaler Einatmung.Zusammenfassung der Maßnahmen gegen die Trichterbrust
Die oben beschriebenen Bausteine müssen als Komplex verstanden werden. Natürlich ist es für uns Kraftsportler leichter, einem interessanten Trainingsplan mit Bankdrückvariationen, Frontkniebeugen und Klimmzügen zu folgen, als täglich zehn Minuten für Yoga und Atemtraining zu opfern.- ____________________________________________________________________
Ich will deshalb auch ganz ehrlich zu euch sein: Zu Beginn des Trainings hatte ich große Schwierigkeiten, mich mit den Yogahaltungen anzufreunden. Auch heute noch muss ich mich oft dazu zwingen und Dehnung und Yoga kommen mir manchmal als lästiges Beiwerk vor. Aber ohne diese Bestandteile ist die Methode einfach nicht so effektiv.
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Was kann ich von diesem Trainingsplan gegen eine Trichterbrust erwarten?
Auf diese berechtigte Frage kann ich leider keine konkrete Antwort geben, denn bis jetzt existieren lediglich Studien an wenigen Probanden, Einzelfallberichte und Erfahrungen von Therapeuten, die auf eigene Faust experimentierten. Zu diesem Zustand trägt natürlich ebenfalls bei, dass die Übungen nicht standardisiert sind, was letztlich bedeutet, dass jeder Therapeut etwas anders vorgehen wird.Neben der Auswahl der eigentlichen Übungen hängt der Erfolg aber natürlich auch von sehr individuellen Faktoren ab: Die Höhe der bewegten Lasten, der Vorerfahrung im Kraftraum, dem Lebensalter, der Beweglichkeit der Rippengelenke und natürlich der in dieses Vorhaben investierten Energie.
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Ich persönlich habe die Tiefe meiner Trichterbrust innerhalb eines Monats von 2,8 cm auf 1,4 cm reduziert! Dies ist ein Wert, welcher direkt nach dem Training gemessen wurde. Meist fällt der Trichter nach einigen Tagen ohne Training wieder etwas zurück, doch niemals auch nur annähernd in Richtung Ausgangswert.
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Im nächsten Teil dieser kleinen Artikelserie möchte ich gern die theoretischen Abhandlungen hinter uns lassen und den ersten praktischen Bestandteil des Programms mit euch besprechen: die Yoga- Morgenroutine.
Bis dahin ein paar erfolgreiche Trainingseinheiten!
Quellen
- Crump HW (1992). "Pectus excavatum". Am Fam Physician 46(1): 173-9.
- Kabbaj R et al (2014). "Minimally invasive repair of pectus excavatum using the Nuss technique in children and adolescents: indications, outcomes and limitations". Orthop Traumatol Surg Res 100(6): 625-30.
- Canavan PK & Cahalin L (2008). "Integrated physical therapy intervention for a person with pectus excavatum and bilateral shoulder pain: a single case study". Arch Phys Med Rehabil 89(11): 2195-204.
- de Oliveira Carvalho PE et al (2014). "Surgical interventions for treating pectus excavatum". Cochrane Database Syst Rev.
[5] Haecker FM (2011). "The vacuum bell for conservative treatment of pectus excavatum: the Basle experience". Pediatr Surg Int 27(6): 623-7.
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