Ich muss damals etwa 15 oder 16 Jahre alt gewesen sein, doch ich werde diese Erfahrung nie vergessen. Ich hatte gerade meinen ersten Bodybuilding Fernkurs bestellt, der mir einen fantastischen Körper versprach, wenn ich ganz einfach nur das beschriebene Programm befolgte. Ich erhielt über 12 Wochen jede Woche per Post einen Umschlag, der mein Trainingsprogramm für die nächsten sieben Tage enthielt.

Während einiger Wochen waren die Veränderungen minimal und es wurde lediglich eine Übung zu einem bestehenden Programm hinzugefügt. Während anderer Wochen wurde das Trainingsprogramm vollständig umgestellt und ermöglichte eine völlig neue Erfahrung im Trainingsraum. Interessanterweise enthielt jedes Paket neben den körperlichen Aspekten des Krafttrainings noch einige darüber hinaus gehende Themen, die mehr mit dem Leben als Bodybuilder als mit den neusten Trainingsideen zu tun hatten.

Die letzte Broschüre, die ich erhielt, enthielt auf der letzten Seite einen abschließenden Kommentar, einen Kommentar, der mir seit damals nicht mehr aus den Kopf gegangen ist. Dieser kurze Abschnitt hatte nichts mit einem mir neuen Trainingskonzept wie einer Vorermüdung oder einer dieser Ernährungsformen, die reich an Vollmilch und Milchprodukten war (man muss bedenken, dass ich von den Siebzigern rede), zu tun.

Nein, stattdessen konzentrierte sich dieser Abschnitt auf die einzigartige Verantwortung, die man hat, wenn man mit Gewichten trainiert. Dies war auf den ersten Blick eine etwas seltsame Beigabe für ein Paket, das sich damit beschäftigte, wie man groß und massig wird, doch es schien mir, als ob die Autoren ein Interesse daran hatten, zusätzlich zum Körper auch die Einstellung zu formen.

Obwohl ich noch ein Teenager war, erweckte dieser Artikel sofort mein Interesse, da er ein Konzept präsentierte, das man nur selten in einer Trainingsanleitung findet - die wichtige Rolle, die Charakter und Integrität im Leben und insbesondere in dieser weit verbreiteten "folge den Führenden" Kultur spielen sollten.

Einige dieser Ideen machten für mich sehr viel Sinn, da ich noch ein Jugendlicher war, der nach einer Richtung, nach Führung und nach Inspiration suchte. Natürlich wirkte einiges davon für einen jungen Menschen, dem Autorität suspekt ist, etwas moralisierend. Jetzt, 25 Jahre später, erkenne ich jedoch, dass die Autoren dieses Artikels in jedem Punkt recht hatten. Wenn ich im Geiste auf diesen Artikel zurückschaue, dann erkenne ich, dass mich dieser Artikel daran erinnert, dass Bodybuilding nicht nur aus dem Streben nach einem attraktiven Körper besteht.

Natürlich trainieren die meisten von uns, um besser auszusehen und ich behaupte nicht, hierbei eine Ausnahme darzustellen. Ich möchte massiger, muskulöser und symmetrischer aussehen. Doch ich möchte auch ein disziplinierter, selbstsicherer und couragierter Mensch sein. Bodybuilding und Krafttraining sind Sportarten, die den Trainierenden viele wertvolle Eigenschaften lehren - Disziplin, Selbstbestätigung, mentale Härte und Mut.

Dieser Kurs lehrte mich, dass es nicht nur Raum für sowohl körperliche als auch mentale Verbesserungen gibt, sondern dass es unser Pflicht ist, nach beidem zu streben. Nach dieser Annahme handelnd wurde es für mich zu einer Selbstverständlichkeit meine körperlichen und mentalen Erfolge mit Demut zu tragen.

Wenn es meine Verpflichtung ist, dann bin ich kein Superheld, wenn ich mich verbessere - ich tue ganz einfach nur das, was ich tun soll. Man sollte mich an dieser Stelle nicht falsch verstehen, Kraft und Masse sind definitiv Dinge, die mich anziehen, doch mir ist auch klar, dass ich die Verantwortung habe, diese Einzigartigkeit mit einem ruhigen und selbstsicheren Stolz zu tragen.

Nach weiterem Nachdenken bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass es noch eine zweite Verpflichtung gibt. Diese hat damit zu tun, die eigenen Erfolge und Erfahrungen im Kraftraum mit anderen zu teilen, die diesen Lebensstil anstreben. Nun, vielleicht ist dies nicht direkt eine Verpflichtung, aber es ist mit Sicherheit etwas Lobenswertes. Schließlich bietet Bodybuilding nicht nur die Möglichkeit die Muskeln zu entwickeln, sondern auch die Möglichkeit als Mentor tätig zu werden.

Ich bin der Meinung, dass es im Bereich des Bodybuildings viel mehr Menschen geben sollte, die Ihr Trainingswissen und ihre Erfolge mit denjenigen teilen, die zwar motiviert sind, denen es aber am Wissen und der notwendigen eigenen Erfahrung fehlt, um ein vollwertiges Mitglied der Eisenbruderschaft zu werden. Ich habe zu oft die Gleichgültigkeit und das mangelnde Interesse vieler erfahrener Trainierender gegenüber Anfängern erlebt.

Auch wenn es mit Sicherheit nicht unsere Pflicht ist Anfängern zu helfen, gehört es doch zum guten Ton andere zu unterstützen, die nach einer guten Körperentwicklung streben. Letztendlich waren wir doch alle selbst einmal blutige Anfänger. Wer hatte schon eine harte Definition, enorme Muskelmasse und hervorspringende Adern, als er zum ersten mal ein Fitnessstudio betrat? So ziemlich jeder Top Bodybuilder war früher einmal einfach nur ein Durchschnittstyp mit einem Durchschnittskörper und hatte bei seinen ersten Versuchen beim Bankdrücken wahrscheinlich auch mit zwei 20 Kilo Scheiben zu kämpfen.

Einige von uns, wenn nicht sogar viele von uns, begannen ihre Körpertransformationsanstrengungen, weil sie wie jemand aussehen wollten, den sie gesehen hatten und sie durch sein Aussehen dazu motiviert wurden, selbst eine Langhantel in die Hand zu nehmen. Es gibt viele hart trainierende Bodybuilder, die diese Peson sein könnten, zu der ein Neuling mit Respekt und Bewunderung aufblickt.

Für Anfänger offen, zugänglich und hilfreich zu sein, ist in der Tat ein Teil von dem, was den Sport des Bodybuildings zu etwas macht, das nicht nur den Körper, sondern auch den Charakter formt. Und außerdem führt dies zu einer Welt voll von stärkeren und selbstsichereren Männern und Frauen. Dieser letzte Grund ist auch nicht so schlecht, oder? preview

Wenn man das nächste mal einen spindeldürren, selbstbewussten Jugendlichen sieht, der alles gibt, um 50 Kilo nach oben zu drücken oder wenn man eine bierbäuchigen Großvater sieht, der beschämt versucht seinen Bauch zu verbergen, dann sollte man vielleicht einmal darüber nachdenken, wie diese Menschen aussehen könnten, nachdem man ihnen einen Schubs in die richtige Richtung gegeben hat.

Wenn man jemanden sieht, der eine Hilfestellung zu benötigen scheint, dann sollte man diese anbieten. Noch besser wäre es natürlich, 10 weitere Kilo auf die Stange zu packen und ihm zu zeigen, dass er stärker ist, als er dachte. Man kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie dankbar ein Anfänger sein kann, wenn er von einem erfahrenen Trainierenden angespornt wird, der gerne bereit ist zu helfen. Diese Erfahrung, auch wenn sie nur sehr kurz ist, kann einem Anfänger neue Inspiration und mehr Selbstvertrauen sowie das Gefühl akzeptiert zu werden geben.

Die Einstellung ist jedoch genauso wichtig wie die Aktionen. Ist man wirklich der Ansicht, dass man, nur weil man Bankdrücken mit drei Scheiben ausführen kann, von oben auf jemanden herabsehen kann, der vielleicht nur eine Scheibe bewältigen kann?

Ich hoffe, dass der Leser von seinem im Kraftraum gestählten Körper nicht so beeindruckt ist, dass er es nicht mehr für nötig hält, andere mit einem weniger perfekten Körper zu akzeptieren. Wenn dies doch der Fall sein sollte, dann spricht dies für einen Mangel an Charakter und Integrität. Noch schlimmer ist, dass eine solche Einstellung dazu dient, das negative Verhalten anderer zu fördern, während es gleichzeitig das Gefühl der Einschüchterung, das viele Anfänger im Fitnessstudio empfinden, noch verstärkt. Welchen Wert hat es, sich etwas darauf einzubilden, dass man in Shorts und T-Shirt toll aussieht? Wenn man einen gut entwickelten Körper hat, dann werden dies andere sowieso bemerken - und zwar unabhängig davon, ob man ein eingebildeter Idiot ist, oder sich von seiner natürlichen Seite zeigt. Warum sollte man sich also wie ein eingebildeter Idiot verhalten?

Man muss keinen Doktortitel in Psychologie haben, um zu wissen, dass sie Leute im Studio mit dem meisten Selbstvertrauen und der größten Selbstsicherheit diejenigen sind, deren Horizont über die eigenen Bauchmuskeln hinaus geht. Sie sehen weit genug, um zu erkennen, welche positiven Auswirkungen es hat, wenn sie verfügbar und ansprechbar sind, um anderen zu helfen.

Hier ist eine Idee: Wenn man das nächste mal einen Anfänger sieht, der Anstrengung und Hingabe zeigt, dann sollte man ein Kompliment nicht zurückhalten. Man sollte an die positive motivierende Wirkung denken, die man auf jemanden haben kann, der eifrig trainiert und ein paar Worte der Inspiration von einem alten Hasen gebrauchen kann.

Natürlich ist man primär deshalb im Fitnessstudio, um am eigenen Körper zu arbeiten, weshalb ich nicht propagiere, dass man die Gewichte fallen lässt und eine längliche Konversation über den Status der nuklearen Entwaffnung oder Ian Kings Trainingsphilosophie beginnt. Schließlich ist die für das Training zur Verfügung stehende Zeit begrenzt und man möchte ja ernsthaft trainieren und nicht einfach nur etwas plaudern.

Doch wie viele Nanosekunden der wertvollen Trainingszeit bedarf es, um die harte Arbeit von jemandem anzuerkennen, der vielleicht zu einem heraufschaut? Wenn jemand eine längliche Konversation beginnen möchte, dann ist es an der Zeit für Lektion #1. Man sollte ihm sagen, dass das Training für jemanden, der Resultate sehen möchte, dasselbe ist, wie für einen anderen die Studien in der Bibliothek oder das Beten in der Kirche - und hierbei würde man ja auch niemanden unterbrechen, oder?

Der Leser wird sich jetzt vielleicht fragen, warum irgendetwas hiervon wichtig sein sollte. Er wird vielleicht fragen: Warum ist der Typ so sehr darauf aus, dass Leute im Fitnessstudio nett zueinander sind? Die Antwort ist leicht. Das Fitnessstudio ist ein Mikrokosmos, der ein Abbild der realen Welt darstellt. Ich würde so weit gehen zu sagen, dass diejenigen, die sich anderen Trainierenden im Fitnessstudio gegenüber rücksichtsvoll und freundlich verhalten, sich auch im echten Leben anderen gegenüber dementsprechend verhalten. Trainierende mit einer rücksichtslosen und ignoranten Grundeinstellung, werden diesen Charakterzug irgendwann auch in die Welt außerhalb des Fitnessstudios übertragen, in der erfolgreiche Beziehungen persönlicher oder beruflicher Natur auf Respekt, Anstand und Unterstützung basieren.

Abgesehen von den Einflüssen auf die eigene Persönlichkeit, ebnet man dadurch, dass man Anfängern die richtigen Denkanstöße gibt, den Weg für eine Welt, in der es mehr gleichgesinnte Trainierende gibt, mit denen man zusammen trainieren und auch außerhalb des Fitnessstudios etwas unternehmen kann.

Bodybuilding ist das, was mich aufgebaut hat, als ich 16 war und durch Bodybuilding entwickle ich mich auch heute noch weiter – sowohl äußerlich als auch innerlich. Das Training mit Gewichten tut sowohl dem Körper als auch dem Geist gut, weshalb man etwas dafür tun sollte, diese Erfahrung auch anderen zu ermöglichen.