Von Lehrmeistern und Rudeltieren
Es ist der Standard-Motivationstipp in jedem Trainingsratgeber: suche dir Gleichgesinnte, gemeinsam macht alles mehr Spaß, oder zu mindestens ist geteiltes Leid halbes Leid! Ein Trainingspartner kann, grade wenn Motivationsschwierigkeiten vorliegen, eine unentbehrliche moralische Instanz darstellen. Die Couch lädt weniger dringlich zum Verweilen ein, wenn der Mitstreiter zum vereinbarten Termin mit den Hufen schart. Trainingspartner sind also dann von unstrittigem Vorteil, wenn das Feuer der Leidenschaft nicht oder noch nicht im Trainierenden entfacht werden konnte. Besonders Langzeit-Bewegungsabstinenzler sind hiervon betroffen, aber auch passionierte Sportler in zeitweiligen Motivationslöchern oder einfach jeder immer dann, wenn weniger liebgewonnene Punkte auf dem Trainingsplan abzuarbeiten sind. Begleitung zu langweiligen Cardioeinheiten ist auch in Zeiten, in denen sich jeder zweite nur noch mit Tablet-PC aufs Laufband traut, von unschätzbarem Wert. Und ein paar Sätze Bauch – wer hasst sie nicht? - sind auch schneller mal an die Einheit ran gehängt, wenn man sie gemeinsam durchleidet.
Gehen wir davon aus, dass der Großteil der Leserschaft mit Begeisterung und kaum zügelbarem Enthusiasmus in Erwartung der gigantischen Belohnung, die ihn am Ende seiner Mühen im Spiegelbild erwartet, in jedes Workout startet – selbst dann kann sich ein Trainingspartner auszahlen. Schon Arnold Schwarzenegger und Franco Columbu bewiesen in eindrucksvollen Szenen aus dem Muscle Beach Kalifornien in der absolut monumentalen Dokumentation "Pumping Iron" die Urkraft, die sich aus einem gemeinsamen Feldzug ergeben kann (jeder weiß, dass die angebliche Partnerschaft das Produkt einer reinen Filmfiktion darstellt aber: das eindrucksvolle Bildmaterial zählt!). Der Partner kitzelt noch letzte Wiederholungen aus uns heraus, wo eigentlich die Angst bremsen würde, wenn er als Spotter Sicherheit bietet, Hand anlegt bei erzwungenen Wiederholungen, blitzschnell die Gewichte im fallenden Satz reduziert, ohne dass wir unsere mühsam eingenommene, so perfekte Position verändern müssten; für Intensitätstechniken in diversen Varianten eignet sich ein Trainingspartner bestens. Aber nicht zuletzt zwingt uns sein wachsames Auge, vielleicht auch seine verbalen Anfeuerungen zu immer neuen Grenzverschiebungen. In der Welpenspielgruppe legte unser Familienhund eine Gehorsamkeit an den Tag, die wir zu Hause stets schmerzlich vermissten. "Das ist Gruppendynamik", hatte mir der Hunde-Coach erklärt, "sie geben sich untereinander keine Blöße, wollen es den anderen beweisen." Der Mensch scheint demnach im Gym animalische Züge zu entwickeln. Konkurrenzdenken, aber auch neidloses Vorbildstreben, können ungeahnte Energien freisetzen.
Die besten Trainingspartner sind die, die uns mit ihrem Wissen voranbringen und mit ihrer Vita, ihrer Persönlichkeit inspirieren. Glücklich kann sich der Anfänger schätzen, der bei seinen ersten Schritten durch einen erfahrenen Mentor begleitet wird, aber natürlich auch jeder Fortgeschrittene, der an einen der alten Hasen, an ein Original gerät, Partnerschaften in der fruchtbaren Umgebung in einem der wenigen Hardcoregyms, die neben Wellness, Reha und Discounter noch übrig geblieben sind, knüpfen kann. Über die Vorteilhaftigkeit einer Tandemfahrt dieser Hand muss nicht diskutiert werden. preview
Aber damit genug der Euphorie! Wenn es denn so einfach ist, wenn die simple Existenz eines Kompagnons Härte und Qualität jedes Trainings revolutioniert und zur Perfektion treibt, warum gibt es dann nicht so eine Art solidarischen Zusammenschluss unter allen Trainierenden, warum schnappt sich nicht jeder den Nächstbesten im Studio, wo doch so manch einer noch mit dem Mörder seiner Mutter sympathisieren würde, wenn sich daraus nur ein Quäntchen mehr Muskelmasse ergäbe? Die banale Antwort lautet: weil es in der Praxis eben häufig ganz anders läuft. Tatsächlich entsteht manchmal der Eindruck, dass grade die im Verbund Trainierenden konsequent gegen jeglichen Fortschritt gefeit sind. Die nur im Rudel auflaufenden 16-Jährigen, die sich über weite Strecken ihres Studioaufenthaltes damit beschäftigen, bizepslastige Posen mit ihren Smartphones zu fotografieren und zeitnah auf Facebook zu posten. Die Frauen, die, wunderbar alle gängigen Klischees bedienend, schnatternd zwischen Steppern und Bauch-Beine-Po-Geräten umherziehen (wer sich nicht mehr unterhalten kann, ist ja auch schon längst raus aus der Fettverbrennungszone. Selber Schuld!). Die Herren mittleren Alters, die nicht weniger gesprächig die ausführliche Auswertung des Arbeitstages mit ein paar Sätzen Bankdrücken kombinieren (von denen gibt es in meinem Studio besonders viele, sie schließen stundenlange Geräte-Abos ab und sie nerven mich unheimlich!). Ja, das Fitnessstudio ist ein Ort der Begegnung. Sport diente, neben der Leibesertüchtigung, schon immer der Zusammenführung der Menschen. Und was kann schöner sein, als ein Hobby, das mit Freunden geteilt wird? Aber der sportliche Nutzen, der sich aus Symbiosen dieser Art ergibt, muss realistisch eingeschätzt werden.
Mich irritieren Menschen, bei denen die Aufnahme des Trainingsbetriebes am fehlenden Trainingspartner scheitert. Durchaus keine seltene Ausrede! Wer so wenig Freude am Sport hat, dass er ihn nur durch die Fußtritte des mahnenden Partners bewältigen kann, der sollte sich vielleicht besser nach Alternativen umsehen; das Leben ist ja so und so schon hart genug.
Der richtige Trainingspartner ist manchmal schwieriger zu finden als das Bernsteinzimmer. Da stellt sich erstmal die Frage nach den Unterschieden im Leistungsniveau. Ich als Mädchen kann ein Lied singen vom beschwerlichen Rauf- und Runterschieben der Gewichtsscheiben zwischen den Sätzen, weil der männliche Part eben immer um einige hundert Prozent stärker ist. Klar, ich wäre jederzeit bereit, das Problem durch eine gleichgeschlechtliche Partnerin zu lösen; allerdings hat sich in den vier Jahren, die ich meinem Studio nun schon die Treue halte, noch keine gefunden, die mit mir die Frauenquote in der Freihantelzone heben wollte.
Auch wichtig: wenigstens ungefähr sollten sich Zielvorgaben und die Vorstellung über den Weg dorthin gleichen. Ein Triathlet, der das Studio nur zur Überbrückung der Wintermonate nutzt, um Kondition und eine athletische Erscheinung aufrecht zu halten, wird mit einem Bodybuilder in dreistelligen Gewichtssphären nicht glücklich werden und umgekehrt. Chronische Experimentatoren, die wöchentliche ihre Systeme austauschen und zwischen HIT, PITT, DC und allem anderen in kontinuierlicher Diskontinuität wechseln, bilden sicherlich kein gutes Gespann mit jenen Alteingesessenen, die ihr klassisches Volumen-Programm seit den frühen 80er-Jahren nicht mehr verlassen haben.
Zudem erfordert eine langfristige und beidseitig profitable Partnerschaft auch entsprechende Rahmenbedingungen. Wenn Berufe und Schichtdienste, Schulklasse, Studiengänge etc. divergieren, dann treten in aller Regel Komplikationen auf wenn es darum geht, einen gemeinsamen terminlichen Nenner zu finden. Und selbst wenn alles fixiert ist, dann äußert sich die Verschiedenartigkeit individueller Lebensgestaltung doch immer wieder in privaten Vorfällen, die zu einseitiger Abstinenz führen. Einer der in meinen Augen größten Vorteile dieses Sports, nämlich die zeitliche Unabhängigkeit und Gestaltungsfreiheit, verliert durch die Bindung an einen Trainingspartner entscheidend an Substanz.
Und dann muss es ja schließlich auch noch menschlich passen. Ich selber blicke auf eine lange, persönliche Trainingspartner-Historie aus Pleiten, Pech und Pannen zurück. Da war der sehr gute Freund, der zu jeder Einheit das akademische Viertel auf 30min ausreizte, die ich mir dann gelangweilt mit der Fachzeitschrift des Orthopädieverbandes um die Ohren schlug. Da war der sehr kompetente und engagierte Trainingspartner, von dem ich mich ständig wegen außersportlichen Zerwürfnissen lossagte (oder er von mir). Da waren Jungs, die mir unerklärlicherweise aus dem Weg gingen, sobald sie wieder an eine Freundin geraten waren. Eventuell bin ich meines Hormonhaushaltes wegen besonders anstrengend. Aber ich habe mich umgeschaut, und da sah ich viele Partnerschaften kommen und gehen. Die Scheidungsraten in Fitnessstudios scheinen der der Gesamtbevölkerungs-Statistik zu ähneln.
Viel Contra und wenig Pro. Und dennoch bekenne ich mich: ja, auch ich habe einen (trotz alledem)! Ich habe nie darum gebeten, denn ich muss mich eher zur Besinnung rufen, als dass ich Ansporn bräuchte, und ich weiß, dass Hilfspartnerschaften für die Dauer eines Maximalkraftversuches jederzeit durch freundliche Nachfrage geknüpft werden können. Mir ist bewusst, dass es ebenso wenig einen Garanten des sportlichen Erfolges darstellt, wie ein Eiweißshake allein die Muskelmasse explodieren lässt. Aber da mein Trainingspartner auch mein Lebenspartner ist, da es schön ist, etwas zu teilen, würde ich es nicht missen wollen. Vom Sport sollte man eben alles mitnehmen, was geht – auch, wenn es sich am Ende nicht unbedingt im Spiegelbild niederschlägt.