Der graue Regen prasselt spitz auf meine von Furchen durchsäte Haut. Langsam erwärmt sich dieses Stück raue Leder und ich beginne Betriebstemperatur zu erreichen. Doch noch ist es nicht soweit, leider. Ich schließe die Augen und fühle nur Schmerz. Diesen gottverhofften Schmerz, der mich am Leben hält.

Draußen schneit es. Dieser eklige Schnee. Er kann mir nichts anhaben, einem wie mir. Es sind minus 14 Grad, eine Temperatur, bei der Eisen durch und durch brechend hart ist. Alles ist weiß, schön für die, die sich an dem Sinnesbild ergötzen und in ihren Zimmern fröhlich froh dahinvegetieren. Fett werden. Einfach nur abartig.

Ich öffne die Schiebetüren und tappe auf die klammen weißen Fliesen. Der Spiegel interessiert mich nicht. Noch nicht. Der Fortschritt ist noch zu dürftig, als dass ich meiner subjektiven Wahrnehmung Raum gewähre. Ich bin kein Akzeptor meines eigenen Ichs, ich bin das was mein Körper gerade ist, nicht das was ich mir ausmale.

Ich ziehe mich an. Mache mich fertig - ich mache mich fertig. Das Frühstück, das erste Leibmahl meiner Rotte, für meinen wachsenden Körper macht sich nicht von selbst. Ich wohne allein. Eine Freundin kann ich mir nicht leisten, wer hat schon das nötige Kleingeld dafür. Ich brauche keine Freundin. Ich brauche mein Frühstück. Doch vorerst muss die Aufnahmeprüfung bestanden werden. Die Prüfung des Tages, wo stehe ich. 104,7 kg. Alles im Zeitplan.

Die Küche: Der erste Schluck aus dieser gelbprickelnden Säure ist mein Lebenselexier. Andere suchen ihr Lebenselexier in der Liebe, für mich ist Liebe gleich Essen, gleich Wachsen. Ohne Essen reift der Motor nicht. Die Kraftquelle meiner menschlichen Statue. Liebe heißt, leiden. Mein Leiden bin ich selber, ein neuropathisch, dogmatischer Wemser. Kein Schönling. Ich werde gehasst, verspottet, als Larve des fauligen Apfels betitelt. Einer dessen Pfoten tiefe Schlünde gefüllt mit dem eigenen ausgetrockneten Blut aufweisen. Pfoten, die das tägliche Leid in Form einer Skala offenbaren. Würde ein Mensch meine aufgerissenen Hände nicht erfragen, hätte ich versagt. Kläglich. Ich ärmliche Figur.

"Aber wem erzähl ich das!" spreche ich heiser vor mir her, während die Reiswaffeln mit gekochtem Schinken serviert werden.

Das Frühstück schmeckt scheußlich. Aber es interessiert mich nicht, wie andere Geschmäcker über Wachstumsgaben diktieren, mir ist es egal, was du von meinem Essen hältst. Es muss rein. Die ganze Packung. Die ganze Packung Schinken, die halbe Packung Reiswaffeln. 45 g Eiweiß; 445 Kilokalorien. Ein gutes Verhältnis.

Der Wecker holte mich rechtzeitig aus meinen Alpträumen. Ich träume nicht. Ich alpträume.

4 Uhr Morgens war es, und es schneite. So hatte ich noch genug Zeit meiner Routine nach zugehen. 60 Minuten Freikampf mit dem Fettstoffwechsel. Ich liebe diese Minuten. Ich spüre ab Minute 40 die Schwerfälligkeit der Beine nicht mehr. Ich laufe wie von allein. Wie eine vollautomatische Maschine bestimmend ins Ziel. Der Schneefall erschwert mir nichts, er betäubt. Er durchtränkt meine kalte Seele und entfacht den Kampf, das Geplänkel, welches ich Meter für Meter durchlaufen musste. Ich habe keine andere Wahl, wenn ich täglich in die gelb-schimmernden Fenster schaue, und sehe, was ich sehe. Ich sehe Tiere. Ich sehe das, was ich niemals sein werde. Verwahrlost, trostlos und eingesperrt in Zwängen, die Menschen sich selber aufdrängen. Erbärmliche Lakaien der eigenen Sippe. Ich bin ein Soldat und das Eisen ist meine Waffe. Ich schieße mit Eisen, ich schlafe mit Eisen, ich gebe meinem Eisen sogar Namen. Lügner. Killer. Dämon.

Das Frühstück wurde beendigt. Es ist Montag. Ich habe frei, ich nahm mir frei, weil mir die zwei folgenden Tage freigegeben wird. Mir wird aber nicht frei gegeben. Höchstens gebe ich mir selber frei. Und falls der Fall eintreten sollte, gebe ich mir für immer frei und wähne mich zu meinen Freunden, die von der anderen Sippe. Dieser Fall tritt nicht ein.

Ich schaue mir alte Trainingsvideos an. Ich fühle mich geil. Ein kaltes Hoch überkommt mich. Wie wahnsinnig die damals trainieren. Ich möchte dort auch sein. Wenn man bedenkt, wie verweichlicht die heutige Gesellschaft ist, insofern diese man noch als gesellig einstufen könnte, hätten sie nur in den 80ern gelebt und Eisen gefressen, so kommt mir jeden Tag aufs neue das brechen.

Ich habe noch einen langen Weg vor mir. Zur Schmiede. Die Muskelschmiede. Aber vorerst erwartet mich das Bad und seine erwärmenden Miniatur-Speerspitzen. Das einzig dünne und kleine womit ich mich in meinem Leben abgebe. Sie sind wie ich von Blut getränkt. Sie dringen ein und erbauen, sie können vernichten aber auch töten. Ein Klagelied was ich nicht singen werde.

Es ist vollbracht, und wird Freitag wieder vollbracht. Ewige Routine, kein Kommentar.

Keine Zeit weitere Gedanken zu verschwenden, meine Freundin, die eiserne Jungfrau wartet. Und ich lasse sie nicht warten. Ungerne.

Der Himmel ist bedeckt, ein Auspizium für kommende Göttergewalten. Überall geschmückte Läden, glänzende Fassaden in rot-weißer Farbgebung. Ich bin hier falsch, was für ein fader Film hier doch herrscht, mich umgibt und einverleibt. Die Lichter ziehen an mir vorbei, kleine gelbe Fäden erlebe ich, die Wirklichkeit, aber nicht meine Realität. Ich schwimme gegen den Strom der Lachse, ich schwimme dorthin, wohin es mich zu treiben vermag, aber nicht mit den minderen Massen meiner Gattung. Es ist ein langer spärlicher Weg, voller Freude. Einerseits die friedfertigen, freudestrahlenden Menschen, und andererseits meine freudefechtende Stimmung. Ich gehe meinen Weg. Ich fremdel' meinen Weg. Es ist die pure Abneigung vor dieser Gesellschaft. Auf meinem Weg begegne ich Basaren, die vor Heiterkeit überkochen.

Erbarmen habe ich mit den Verkäufern der Lust, sie nutzen diese fadenscheinige Stimmung der Sippe aus, gehen Geschäfte ein, erwirtschaften ihren Vorteil und tragen die blecherne Beute heim. Der abstoßende Beigeschmack des Dezembers, doch bald ist es geschafft, und die letzten Stände der Frohlockung zerbrechen vor ihrem ausschwingenden Momentum.

Ich bin da. Und werde herzlich begrüßt mit angewidert schweifenden Blicken, welche zum Einlass laden. Ich erblicke meinesgleichen. Ich bin hier richtig. Im Emporium des Schweißes. Man hat mich erwartet. Und ich habe Erwartungen. Große.

Der Blick geht 'rum. Überall knittrige Gesichter voller Anstrengung und Demut gegenüber dem Gewicht. Empathie für das Mühsal, die Schinderei, der wir jeden Tag ausgesetzt sind.
Ich mache mich warm. Aber eigentlich bin ich schon warm, gebrannt von dem Hass.

Das rostige Eisen ist verlässlich. Die Spuren tausender Liter brodelnden Schweißes musste es kühlen. Und nun setze ich die nächsten Tropfen in Kontakt. Die Bereitschaft steigt. Sie grenzt an das unermessliche. Ich bin warm - bereit für die totalen Krieg.

Walhalla


ICH BIN DER KRIEG!

Ich gebe mich nicht mit Fehden einher, ich beziehe Schlachtfelder. Ich wandel' nackt auf den madigen Leichen vergangener Scharmützel. ICH BIN GEIL AUF EISEN!


Während des weiteren Lesens hören!


Meine Stimme erstickt, nur noch rauchige Abfälle finden den Weg aus meinem Rachen. Es ist soweit. Die Lanze auf meinem Rücken drückt mich gen Boden. Ich erkämpfe jeden Zentimeter erneut, bis der Zyklus von Neuem beginnt. 10 - 20 Wiederholungen, keine Anzeichen von Reue. Ich bin Krieg. Ich bin Maschine. Ich verrichte meine Tat. Ich vernichte alles!

Die Tropfen prasseln auf den Boden und verdampfen zu gleich. Die Gesänge von Morden erdrücken mein Ohr. Noch eine Wiederholung.

"Wo bin ich?"

Für einen kurzen Augenblick verlassen mich meine Sinne. Ich konnte mich fassen. Zweiundzwanzig. Dreiundzwanzig. Ich fühle die tauben Beine. Mein Muskel presst sich gegen die Haut. Die Streifen erblicken die Hölle, ihr seit willkommen. Vierundzwanzig. Die Last auf meinem Rücken schmettert mich nieder. Jede weitere Wiederholung wird zur Tortur. Meine Sinne schärfen sich. Der Muskel wird fühlbar kühler. Ich erreiche langsam meinen Wallfahrtsort. Mein Mekka der Beuge. Es ist ein widriger Kampf gegen den Willen. Ich weiß, ich will mehr, mein Körper erzwingt aber die Aufgabe. Ich lache. Heiser erklingt meine Stimme: "Noch ist es nicht soweit!" 25.

Ich verzähle mich langsam und beschließe die Mathematik raus zuschmeißen. Was soll sie auch hier. Was zählt ist das Gefühl der Muskeln. Hier zählt nur das Gefühl des Brennens. Von Wiederholung zu Wiederholung steigert sich meine Lust. 27. Ich bin jetzt in einem dunklen Raum. Nur das Gewicht und ich. Abgeschottet von den Lächerlichkeiten der Welt. 28. 29. Ich kann kaum noch aufstehen. Klirrend übergebe ich das Gewicht der Aufhängung. Nur Sekunden trennen mich von dem nächsten Zyklus.

Besinnung.

Ein tiefer Atemzug.

Meine Lungen füllen sich mit Benzin. Ich raste völlig aus und ergreife die Macht. Ein Brunftschrei erhallt die Wände.

Ab. Auf.

Und schmeiße mich zu Boden. Versagt habe ich nicht. Ich habe aber auch nicht gewonnen.

Ein besinnliches Fest wir hier doch feiern. Roströtlich geschmückte Langhanteln, abgerissene Tapeten, kalter Stein, der die Stimmung wiederstrahlt. Alle singen festlich die Lieder der Anstrengung. Schweiß liegt in der Luft.

Es ist Weihnachten!

Langsam erlange ich wieder die Besinnung. Keiner würdigt meinen Zustand, meiner Tat, die mich zum Boden riss. Wie sollen sie auch? Hätten sie es bemerkt, wären sie aufgeflogen; enttarnt, hätten sie hier nichts zu suchen. Nicht umsonst zahle ich hier meine Pacht, um der Ignoranz zu bestehen, um sie zu genießen.

Ich stehe auf, und positioniere meine Gestalt vor der Sammlung des Eisens. Keiner fragt heute danach, welcher Tag angebrochen ist, kein Interesse.

Es ist wie jeder Tag, TRAIN - EAT - SLEEP – REPEAT.

Es gibt keine Ausnahmen, es gibt kein Erbarmen, keine Habseligkeiten die es zu schenken gilt. Es gibt uns und unser Training - uns und unsere Nahrung - uns und unseren Schlaf.
Uns und unser Ziel. Mehr nicht.

Ich erkenne mich im Spiegel, heute das erste Mal.

Wer bin ich? Ich bin Bodybuilder. Was ist meine Aufgabe? Bodybuilding.

Walhalla