Es ist ein Tag wie jeder andere, Wecker klingelt um 5:30 Uhr. Der Kaffee ist am Kochen, das Porridge wird angemischt und die Messlöffel Whey reingeschüttet. Während man nebenbei auf dem Handy oder iPad auf Andro surft oder die Nachrichten liest, wird man mit einer Flut an Informationen überschüttet, die einem klar machen, dass in der Welt eigentlich viel zu viel passiert. Nachdem man diese Gedanken abgeschüttelt hat und unter die Dusche gesprungen ist, fährt man zur Arbeit. "Hmm, heute stehen Beine auf dem Plan", beschleicht einen der Gedanke. Die Nacht war jedoch nicht sehr erholsam, der untere Rücken fühlt sich verspannt an und der Nacken ist steif. "Das wird schon wieder", denkt man sich. In der Mittagspause wird die Tupperschale rausgeholt, Reis vom Vortag mit einer Dose Thunfisch zusammengeschüttet. Das kann auch keine Soße retten, daher lässt man sie weg. Ohne auch nur einen Gedanken ans Training zu verschwenden, geht man seinen Aufgaben für den Tag nach und ehe man sich versieht, ist es 16-17 Uhr – Feierabend! Jetzt noch kochen, puuuh mit leerem Magen immer eine lustige Aufgabe. Etwas später schreit dann der Computer kurz. Ist der Sitzplatz dann eingenommen, schwirren die Gedanken pausenlos ums Training.

"Beine…."
"Wieso heute?"
"Irgendwie fühle ich mich nicht so gut!"
"Kann ich das nicht morgen machen?"
"Aber ich will ja nicht auf der Stelle stehen…"
"Ich mach nur ein leichtes Training, das ist ein Deal. Wenn ich mich dann auch noch beeile, schaffe ich es noch früh ins Bett zu gehen."


Die Trainingstasche ist immer gepackt. Neben Gürtel, Kniebandagen, Ellenbogenbandagen, Handgelenksbandagen, Trainingsschuhen, Handtüchern, Duschzeug und Wasser wird noch schnell der Post Workout Shake mitgenommen und frische Unterwäsche reingeworfen. Im Radio kommt keine gute Musik und das Handy für den AUX-Anschluss liegt auch noch am Esstisch. Na toll, das kann ja klasse werden. preview

In der Umkleide sieht man alte Bekannte und kriegt die ein oder andere witzige Anekdote der letzten Tage mit. Aber das ist egal, Trainingszeit!

Fangen wir leicht an, "Beincurls". Während die Bewegungen eigentlich nur mechanisch passieren und der Kopf ganz wo anders zu sein scheint, rammt einen ein leichtes Gewicht in den Boden. "Was soll das denn?". Schon ist für einen kurzen Moment der Ehrgeiz geweckt. Die Konzentration wird geschärft und schon wirkt das Gewicht wieder leicht. "Da geht noch was!"
Man arbeitet sich hoch und erzielt einen Mini-Gewinn, da ein kleiner PR aufgestellt wird. Schon steigt die Laune. Weiter geht es direkt zu Kniebeugen, der wohl mental forderndsten Übung. Voller Tatendrang fliegen die ersten Aufwärmsätze wie Luft hoch und der Optimismus steigt. Der Schweiß hat bereits den gesamtem Brust- und Rückenbereich durchnässt und vorm Satz wird noch schnell die Stirn am Ärmel abgewischt. Doch dann die Verwunderung: der nächste semi-schwere Satz ist verdammt schwer. Der untere Rücken fängt an zu nerven und irgendwie ist das rechte Knie auch schonmal schmerzfreier gewesen.

Jetzt kommen Zweifel auf. "Ich wollte ja eigentlich wirklich einen leichten Tag machen". In diesem Moment kommt ein Kumpel ran und fragt, ob er mit einsteigen kann. "Ehhhm ich weiß nicht, eigentlich wollte ich nicht so hoch gehen heute." - "Laber nicht rum hier, komm wir schauen mal."

Was Besseres kann einem in dieser Situation gar nicht passieren, ein Kerl dabei, vor dem man sich keine Blamage erlauben kann. Dazu ist er auch noch etwas stärker, sodass die Schmach doppelt so hoch werden würde. Schließlich ist nichts schlimmer, als vor einem Satz Scheiben vom Partner abziehen zu müssen für Dich. Die ersten Sätze werden mit gekünstelter Leichtigkeit absolviert. Dann fängt der Partner auch noch an Witze zu reißen! Unmöglich dieser Kerl. Daher wird sich aufgerafft und in einem schweren Arbeitssatz eine submaximale Leistung abgerufen, die nichtmal die eigene Mutter stolz machen würde. Im Spiegel scheinen die Augenringe schon wie Traktorreifen auszusehen. Die Luft um das Rack wird salzig vom Schweiß und die Musik im Hintergrund ist nur noch nervig. Jetzt kommt das Werkzeug zum Tragen, was Gefahr und Erlösung in einem bietet. Der "Aggressions-Schalter". Jeder hat ab einem bestimmten Level diesen Schalter und ganz so einfach ist dieser nicht umzulegen. Viel früher als geplant beendet man seine Pause und geht an die Hantel. Der Partner fragt:"Soll ich nicht noch etwas Gewicht runternehmen?". Witzig. "Pack noch eine 2,5er drauf". "Quatschkopf". "Ich mein's ernst!". Die ersten Wiederholungen fliegen vorbei. Was gerade noch schwer war, wird jetzt gar nicht mehr wahrgenommen. Die Beine brennen auch gar nicht mehr, sie sind einfach taub. Die Wiederholungen sind schneller als sonst und man holt weniger Luft. "5..6..7..8..15". "Wie bin ich denn so weit gekommen?". Ein paar Sekunden des Satzes fehlen in der Erinnerung, sodass einmal ungläubig nach der Wiederholungszahl gefragt werden muss. "15!". - "Ehm…ja, war leicht."
Eigentlich kann das Training hier schon fürs Glücksgefühl beendet werden. Aber der Pavian-Arsch von Trainingspartner sagt ganz trocken: "Bei mir steht Beinpresse noch auf dem Plan. Du machst doch sicher mit?!"
"Natürlich." ….Scheiße…
Satz um Satz übersäuert der untere Rücken und die Beine krampfen beim Durchstrecken. Normalerweise hätte man schon vor 15 Minuten aufgehört an einem normalen Tag, aber das hier ist kein normaler Tag. Es ist schon fast Meditation. Ohne groß nachzudenken wird weiter gemacht, bis am Ende ein fieser Reduktionssatz mit 50 Wiederholungen gefordert wird. "Das hat mich letztens komplett umgehauen", sagt der Kumpel.

"Schon wieder eine Herausforderung. Wieso tut man sich das eigentlich an? Für Schmerzen kann man auch in den Swinger Club gehen", sind die eigenen Gedanken. Kein Zurück mehr.

Ist dieser Satz geschafft, wirkt der Boden bequemer als das gewohnte Bett oder die Brüste der Freundin.

"Komm, aufstehen." Aber eigentlich überhört man diesen Ruf bewusst. Nach 10 Minuten auf dem Studioboden hat sich der Rückenstrecker erholt und die Gedanken sind komplett zum Erliegen gekommen. Ich weiß nicht wie es euch geht, aber das sind die schönsten Momente des Trainings.

Warum trainierst Du? Ich trainiere für diese Einheiten und Momente. Völlige Freiheit ohne Denken zu müssen. Training als Mittel zur inneren Ruhe. Mir geht es nicht um Muskeln. Ich würde auch trainieren, wenn das keinen Muskelaufbau bringen würde. Einzig um die Stunden im Studio, ob alleine oder mit einem Partner, als Abstand vom Alltag nehmen zu können. Zu keiner Zeit des Tages fühle ich mich wohler, nicht morgens ausgeschlafen, nicht beim Fahren auf der linken Spur der Autobahn. Es sagt dem Alltag "Stop, hier ist Ruhe", und man ist frei. Zumindest geht es mir so.

Egal wie groß die Panik vorm Training ist, (Durchfall, kalte Hände den gesamten Tag - Beintraining mit 100er Satz Kniebeugen), die Belohnung danach ist die Erschöpfung zwischen den Sätzen und nach dem Training. Da ist es auch egal, in welchem Studio das Training stattfindet.

Warum trainierst DU, abseits der bloßen Optik?