Teil 1 findet ihr hier.

Das Allgemeine Adaptions-Syndrom (General Adaptation Syndrome) (GAS)

Vorgestellt von Hans Selye im Jahr 1936, beschreibt das GAS die Flucht oder Kampf (fight-or-flight) Reaktion auf Stress. Die drei Stufen des GAS umfassen die Alarmierungsphase, die Anpassungsphase und die Erschöpfungsphase. Das Verständnis dafür, wie diese drei Stufen uns während unseres Trainings beeinflussen ist wichtig für die Planung eines periodisierten Trainingsprogramms. preview

Das GAS Konzept ist denjenigen, die schweres Widerstandstraining betreiben, vielleicht bekannt, da es die Basis des Überlastungsprinzips darstellt. Wenn es zu einer Anpassung an eine Trainingsbelastung kommt, dann bedarf es einer schwereren Belastung damit es zu einer weiteren Anpassung kommt.

Trainingsbedingte und nicht trainingsbedingte Stressfaktoren

Die Stressreaktion ist das Resultat im Körper zirkulierenden Adrenalins (Epinephrin), welches den Körper auf eine Flucht oder Kampf Situation vorbereitet, welche durch erhöhte Erregung, verstärkte Herz-Kreislauf Tätigkeit, verstärkte Durchblutung, erhöhte Energiesubstratmobilisierung und Verfügbarkeit sowie erhöhte Kraftentwicklung durch die Muskulatur charakterisiert wird(4). Mit anderen Worten gesagt, bereitet sich Körper während der Reaktion auf Stress darauf vor – in Eile – zu agieren, weshalb die Trennung zwischen trainingsbedingtem und nicht trainingsbedingtem Stress verschwimmt.

Das Problem mit der Reaktion auf Stress ist, dass der Körper manchmal keinen Unterschied zwischen der Flucht vor einem Axt schwingenden Psychopaten und einem Einstellungsgespräch zu machen scheint.

Doch der Körper unterscheidet zwischen körperlichen Belastungen und anderem Stress. Auf Stress, der durch sportliches Training ausgelöst wird, folgen gesunde Anpassungen des Körpers. Diese verstärkte entspannende Reaktion (verbesserter vagaler Tonus), die nach körperlicher Betätigung zustande kommt, tritt jedoch nicht nach einer Situation des Unbehagens (Einstellungsgespräch) oder einer sympathischen Stimulation (z.B. durch zentral anregende Substanzen) auf(12) .

Durch sportliches Training verbessert sich die Fähigkeit des Körpers mit Stress umgehen zu können, was bei einer Einnahme von Ephedrin definitiv nicht der Fall ist. Aus diesem Grund kommt es durch Stimulanzien leichter zu einem sympathischen Ausbrennen als durch sportliches Training.

Interessanterweise variiert die Reaktion des Körpers auf Stress von Person zu Person. Nicht jeder bekommt z.B. Angstzustände, wenn er vor einer großen Menschenmenge eine Rede halten muss. Diejenigen, die mit Unbehagen auf eine solche Situation reagieren, verfügen über eine intakte Stressreaktion. Verfügen diejenigen, die nicht auf diese Art und Weise reagieren, auch über eine intakte Stressreaktion und haben sie vielleicht nur keine Angst davor öffentlich zu sprechen?

Vielleicht nicht. Falls diese Personen unter einem sympathischen Ausbrennen (Burnout) leiden (oder parasympathischem Übertraining), können sie auch deshalb ruhig bleiben, weil der Körper zwar versucht gestresst zu reagieren, dies jedoch nicht kann. Dasselbe gilt für sportliches Training oder über den ganzen Tag andauernden Kaffeekonsum. Wenn das sympathische Nervensystem ausgebrannt ist, dann wird aller Kaffee der Welt nicht zu einer Anregung führen können.

Das macht Sinn, oder? Doch ich muss zugeben, dass es sich hierbei lediglich um eine Hypothese handelt. Einige Wissenschaftler glauben, dass dies so ist. Andere Wissenschaftler sind jedoch der Meinung, dass manche Menschen einfach empfindlicher auf die Wirkung von Kortisol reagieren, während andere empfindlicher auf andere Stresshormone wie Epinephrin oder Norepinephrin reagieren.

Da es keine einheitliche Reaktion auf Stress gibt, sind die Untersuchungen und Erkenntnisse auf diesem Gebiet noch relativ dürftig. Jede Art des Stresses hat jedoch ihre eigene neurochemikalische Identität.

Es wird vermutet, dass die selektiven Prozesse bei so vielen unterschiedlichen Stressfaktoren eventuell durch transkriptive Faktoren und vielleicht durch das Verhältnis zwischen der Ausschüttung der beiden Neuropeptide CRF und AVP, welche letztendlich die Reaktion auf jeden einzelnen Stressfaktor definieren, initiiert werden(14).

Neben dem sportlichen Training gibt es eine Anzahl persönlicher und mit dem Lebensstil in Verbindung stehende Faktoren, welche bei der Reaktion af Stress eine Rolle spielen. Einige Menschen erleben eine übertriebene Reaktion der Herzfrequenz und des Blutdruckes auf stressige Situationen und dies wird mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf Probleme in Verbindung gebracht (JB hat dies an der University of Pittsburgh mit ihrem weltbekannten Labor für Verhaltensforschung studiert).

Andere psychosoziale Faktoren wie fehlende soziale Unterstützung können den normalen autonomen Tonus stören und werden auch mit einem erhöhten Risiko für Herz-Kreislauf Probleme in Verbindung gebracht. Auf der positiven Seite umfassen das Herz-Kreislauf System schützende Faktoren des Lebensstils das Verheiratet sein, Vertrauen und soziale Verbindungen – zu denen auch die Beziehung zu Haustieren gehören. Diese Faktoren stehen mit geringerem Stress und einer Aktivierung des parasympathischen Nervensystems in Verbindung(12). Hier ist eine kleine Übersicht zum Thema:

Faktoren, die zu einer chronischen sympathischen Aktivierung beitragen (Curtis, O'Keefe, 2002)
  • Medizinische Faktoren
  • Übergewicht
  • Insulinresistenz/Diabestes
  • Bluthochdruck
  • hydropische Herzdekompensation
  • nächtlicher Atemstillstand
  • Depressionen
  • Angstzustände
Psychosoziale/Verhaltensbedingte Faktoren
  • chronischer Stress
  • Rauchen
  • soziale Isolation
  • Feindseligkeit
  • Schlafmangel/Schlafentzug
  • ungesunde Ernährung
  • sitzender/untätiger Lebensstil
  • Missbrauch von Stimulanzien
Um uns herum gibt es eine große Anzahl von Stressfaktoren. Interessanterweise konnte eine gut durchdachte Studie zeigen, dass Personen, die unter emotionalem Stress leiden, anfälliger für körperlichen Stress sind und umgekehrt(13).

Normale Spitzen und Täler bei der Veränderlichkeit der Herzfrequenz und der Kortisolausschüttung sind ein normales Zeichen für eine stabile Reaktion auf Stress und, was noch wichtiger ist, für eine Erholung von dieser Stressreaktion. Wenn es jedoch zu einer Ansammlung von zu vielen Stressfaktoren kommt, dann kann es vorkommen, dass der Körper nicht mehr dazu in der Lage ist de physiologische Reaktion auf den Stress zu beenden wenn die eigentlichen Auslöser für den Stress nicht mehr vorhanden sind.

Hierdurch kann es zu chronischem Stress kommen, der von einer andauernden Erhöhungen der Kortisolausschüttung begleitet wird. Dies führt zu einer Unterdrückung des Immunsystems, welche mit Infektionen, Erkrankungen und sogar potentiellen psychiatrischen Langzeitproblemen in Verbindung gebracht wird(14).

All dies kann schließlich dazu führen, dass der Körper gar nicht mehr auf Stress reagiert. Der Körper ist ganz einfach zu ausgebrannt, um angemessen reagieren zu können. Alternativ hierzu kann es dazu kommen, dass chronisch so viele Stresshormone ausgeschüttet werden, dass im Falle einer zusätzlichen Stressbelastung nicht noch mehr dieser Hormone produziert werden können, da, bildlich gesprochen, das Gaspedal bereits zuvor schon bis zum Anschlag durchgetreten war.

Übertraining und Gemütslage

Einige Forscher glauben sogar, dass chronischer Stress schließlich zu einem Syndrom der adrenalen Erschöpfung führen kann(7). Diese Situation beschreibt die Unfähigkeit angemessen auf eine Stresssituation zu reagieren.

Einige der gesundheitlichen Komplikationen, die durch eine unterdrückte Reaktion auf Stress und eine veränderte Varianz der Herzfrequenz auftreten können, beinhalten phobische Angstzustände, Panikattacken, Depressionen und ein erhöhtes Herzinfarktrisiko(11, 15, 16). Eine genauere Betrachtung von Übertraining und Störungen der Gemütslage zeigen eine direkte Verbindung zwischen diesen Syndromen.

Eine von Raglin(17) durchgeführte Untersuchung kommt zu der Schlussfolgerung, dass aerobes Training einen positiven Einfluss auf Angstzustände hat, ein Widerstandstraining jedoch Angstzustände nicht reduzieren kann. Dies könnte auf die chronische sympathische Aktivierung zurückgeführt werden, die bei der sympathischen Form des Übertrainings auftritt.

Im Fall von Depressionen können chronisch erhöhte Kortisolkonzentrationen vielleicht zum adrenalen Erschöpfungssyndrom und Depressionen führen, wie dies von Armstrong und VanHeest(7) beschrieben wurde. Einige Studien legen die Vermutung nahe, dass Depressionen durch chronisch erhöhte Kortisolkonzentrationen ausgelöst werden können.

Überraschenderweise zeigen einige übertrainierte Sportler dieselben Stressstörungen wie Patienten, die unter Depressionen leiden und es könnte eine ähnliche dosisabhängige Beziehung zwischen Stressfaktoren und Depressionen wie zwischen Stressfaktoren und dem Übertrainingssyndrom geben(7).

Um das ganze noch verwirrender zu machen, kann Übertraining physiologische Symptome wie reduzierte Libido und psychomotorische Verzögerungen hervorrufen, welche Symptome einer Depression nachahmen(18). Raglin(17) vermutet, dass es eine positive Korrelation zwischen erhöhter Trainingsbelastung und einem gehäuften Auftreten von Störungen der Gemütslage in der Art gibt, dass die Störungen der Gemütslage progressiv schlimmer werden, je weiter die Trainingsbelastung gesteigert wird. Umgekehrt verbessert sich die Gemütslage, wenn die Trainingsbelastung reduziert wird.

Dies könnte jedoch eventuell nur dann der Fall sein, wenn das Training in einer frühen Phase des Übertrainingssyndroms (sympathischer Typ) reduziert wird, da die Regeneration bis zu einem Jahr dauern kann, wenn das Training nicht reduziert wird, bevor der parasympathische Typ des Übertrainings auftritt.

Wenn ein so extremes parasympathisches Übertraining bei einem Profisportler auftritt, könnte dies das Ende seiner Karriere signalisieren. Aus diesem Grunde (und da die Signale und Symptome von Depressionen und Übertraining verblüffende Ähnlichkeiten aufweisen) wurde vorgeschlagen, dass zukünftige pharmakologische Therapien zur Behandlung des Übertrainings eine Behandlung mit Antidepressiva umfassen sollten, um hierdurch die Leistungsfähigkeit wiederherzustellen(7).

An dieser Stelle ist es wichtig zu erwähnen, dass Übertrainingsstress und Störungen der Gemütslage so nahe miteinander verwandt sind, dass die folgende Liste der Stresssystem-Dysregulationsstörungen auch eine Liste der Symptome des sympathischem und parasympathischem Übertrainings darstellen könnte.

Natürlich stehen voll ausgebildete Panikstörungen und Anorexie nicht unbedingt mit Übertraining in Verbindung. Ich wäre jedoch nicht überrascht, wenn sympathisches Übertraining zu leichten Panikattacken oder einer Reduzierung des Appetits (viele Sportler berichten von reduziertem Appetit wenn sie unter sympathischem Übertraining leiden) führen würden.

Störungen, die mit einer Dysregulierung des Stresssystems in Verbindung gebracht werden (Chrousos & Gold, 1992)
  • Gesteigerte Aktivität des Stessystems
    • Schwere chronische Erkrankungen
    • Anorexia Nervosa
    • Melancholische Depressionen
    • Panikstörungen
    • Obsessive Zwangsstörungen
    • Chronischer Alkoholismus
    • Entzugserscheinungen von Alkohol und Narkotika
    • Chronisches exzessives Training
    • Unterernährung
    • Schilddrüsenüberfunktion
    • Premenstruales Spannungssyndrom
    • Anfälligkeit für Suchterkrankungen und Abhängigkeiten
    Reduzierte Aktivität des Stresssystems
    • Atypische Depressionen
    • Cushings-Syndrom
    • Phasenweise Depressionen
    • Chronisches Müdigkeitssyndrom
    • Schilddrüsenunterfunktion
    • Fettsucht
    • (hyposerotonergische Form)
    • Posttraumatischer Stress
    • Nikotinentzug
    • Anfälligkeit für entzündliche Erkrankungen
Mehrere Autoren vertreten die Idee, dass sowohl akuter Stress als auch melancholische Depressionen mit einer hyperaktiven Reaktion auf Stress (erhöhte Spiegel der Stresshormonspiegel, CRH, Kortisol und Katecholamine, Adrenalin und Noradrenalin) in Verbindung stehen, welche in einer nachfolgenden Unterdrückung der Schilddrüsenhormonfunktion, des reproduktiven Systems (Sexualhormone) und der Signalwege der Wachstumshormonausschüttung sowie einer Unterdrückung der Funktion des Immunsystems resultieren.

Hans Seley beschreibt, dass eine exzessive und chronische Aktivierung des Stresssystems einen Zustand ernsthafter chronischer Erkrankungen verursachen kann(19).

Es bleibt die Frage, ob diejenigen, die übertrainiert sind, genauso anfällig für ernsthafte Gesundheitsprobleme sind, wie Personen die chronischem Stress ausgesetzt sind. Die Antwort ist ein vielleicht.

Wenn Übertraining in den schädlichen psychologischen und physiologischen Symptomen resultieren kann, die mit chronischen Erkrankungen in Verbindung gebracht werden, dann könnte dies der Fall sein.

Der einzige Unterschied besteht jedoch darin, dass Sportler ein Maß für diesen Stress besitzen: ihr sportliches Training. Als Resultat hiervon müssen sie ihren Stress reduzieren, um wieder in Form zu kommen. Diejenigen, die ein Leben mit chronischem Stress führen, erkennen dies eventuell nicht, bevor es zu spät ist. Zusätzlich hierzu profitieren Sportler und Menschen, die körperlich fit sind, mit großer Wahrscheinlichkeit von den gesunden Anpassungen durch sportliches Training und erlangen so einen gewissen Schutz vor Erkrankungen, den nicht fitte Menschen nie besitzen werden.

Im Bezug auf Störungen der Gemütslage wird man ohne weitere Untersuchungen nicht wissen, wie hoch die Anzahl der Sportler ist, die unter ernsthaften Störungen der Gemütslage, einer psychischen Erkrankung oder Störungen, die mit einem Ausbrennen des Stresssystems in Verbindung stehen, leiden und wie lange diese Symptome anhalten.

Bei der Zusammenfassung der Verbindung zwischen Übertraining und Gemütslage wird das Konzept, dass endokrines System, Immunsystem und Nervensystem als ein großes zusammenhängendes System angesehen werden sollten, welches integrale Funktionen erfüllt, von den meisten Medizinern nicht berücksichtigt. Vielleicht leben wir in einer Welt der Spezialisierung, was darin resultiert, dass Experten auf ihr Fachgebiet beschränkt sind und es unbeabsichtigt vernachlässigen den Körper als hoch integrierte Sammlung von Systemen zu behandeln.

Aus irgendeinem Grund wird oft nicht erkannt, dass das Übertrainingssyndrom und schwerwiegende Depressionen sehr ähnliche Signale und Symptome besitzen, ähnliche Gehirnstrukturen, Neurotransmitter und endokrinen Signalwege betreffen und ähnliche Immunreaktionen hervorrufen(7). Es scheint als ob die meisten Psychologen sich der Auswirkungen, die Komponenten des Immunsystems (Cytokine) oder intensive körperliche Aktivitäten auf das zentrale Nervensystem haben können, nicht bewusst sind.

Gleichermaßen sind sich Physiologen und Trainer nicht über den dynamischen Zusammenhang zwischen hormonellem System und Immunsystem und darüber, wie ein Ungleichgewicht im Bereich dieser Systeme zu Veränderungen der Gemütslage führen kann, welche die mentale Stärke ihrer Sportler beeinflussen könnten, im Klaren. Dieser Punkt unterstreicht die Wichtigkeit eines guten ausgeprägten physiologischen und psychologischen Grundwissens für Trainer im Bereich des Sports.

In diesem Teil des Artikels habe ich Stress im Allgemeinen behandelt, bin auf die Unterschiede zwischen trainingsbedingtem und nicht trainingsbedingtem Stress eingegangen und habe über einige sehr interessante Verbindungen zwischen Gemütslage und Trainingsstatus geschrieben. Im nächsten Teil des Artikels werde ich darauf eingehen, was man gegen das Übertraining unternehmen kann.

Teil 3 findet ihr hier.





Referenzen

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