Natürlich bin ich hierbei genauso schuldig wie jeder andere auch. Ich mache mir über solche Sachen Gedanken und meine Bücher tragen häufig noch zu diesem Problem bei, da sie recht detailorientierte Ansätze zum Thema Training und Ernährung liefern. Ich schreibe jedoch häufig für eine recht kleine Population (die versucht das untere extreme Ende auf der Skala der Schlankheit zu erreichen), für die solche Details eine Rolle spielen könnten.
Meiner Erfahrung nach fühlen sich viele Menschen von komplexen Ansätzen angezogen, egal ob sie diese benötigen oder nicht – es ist ganz einfach ein Teil ihres psychologischen Profils. Gleichzeitig sind genauso viele Menschen mit nichts außer grundlegenden einfachen Richtlinien voll und ganz zufrieden.
Letztendlich ist all dies nur eine Einleitung zum Thema dieses Artikels, welcher sich damit beschäftigt, wie detailorientiert man im Bezug auf Training und Ernährung/Diät sein muss. Natürlich lautet die kurze Antwort "das hängt ganz von den Umständen ab", doch schauen wir uns die lange Antwort an.
Die lange Antwort
Wie detailorientiert man sein muss, hängt von vielen Faktoren ab. Einer dieser Faktoren ist der Ausgangspunkt. Jemand der von 30% Körperfett auf 25% Körperfett kommen oder einfach nur ein paar Pfund verlieren möchte, muss nicht annähernd so sehr auf die Details achten wie jemand, der versucht von 10% Körperfett auf 5% Körperfett zu kommen, ohne hierbei Muskeln zu verlieren.Möchte man Gewicht verlieren? Das ist einfach: man muss einfach nur weniger essen und mehr trainieren. Man muss auf ein paar grundlegende Dinge achten und das ist auch schon alles, was man wissen muss, wenn man nicht gerade versucht super schlank zu werden. Alles andere sind ganz einfach nur Details. Dasselbe gilt in umgekehrter Richtung auch für den Muskelaufbau. Wenn es einem egal ist, wie viel Fett man hierbei aufbaut, reicht es aus, ganz einfach viel zu essen, hart zu trainieren und sich ansonsten nicht viel zu bewegen.
Da die zweite Gruppe, die Personen, die sich Gedanken um die letzten wenigen Prozentpunkte machen, wahrscheinlich sowieso nur einen geringen Prozentsatz ausmachen, wird sich der Leser vermutlich fragen, warum ich überhaupt hierüber spreche. Um es drastisch zu übersimplifizieren habe ich, wenn es um Diät und Training geht, aus psychologischer Sicht zwei Typen von Individuen gefunden.
Gruppe 1: Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht
Die erste Gruppe ist nicht wirklich besonders detailorientiert. Diese Menschen möchten ganz einfach nur ein paar grundlegende, einfach zu befolgende Ratschläge, die ihnen dabei helfen, ihren Zielen näher zu kommen. Sie wollen wenn sie anfangen für gewöhnlich die geringstmöglichen, am wenigsten einschränkenden Veränderungen an ihrem Trainings- und Ernährungsprogramm vornehmen und sie neigen dazu Angst davor zu haben, mit zu vielen Details belastet zu werden.Wenn kleine Veränderungen einen ans Ziel bringen werden, dann ist das schön und gut. Ich werde mit Sicherheit der erste sein, der dem Leser sagen wird, dass er die geringstmöglichen Veränderungen vornehmen soll, so lange diese die gewünschten Resultate produzieren werden. Im Grunde genommen sollte man die Dinge einfach halten, so lange dies funktioniert. Ich beobachte häufig Leute, die die Dinge lange bevor dies nötig ist, drastisch überkomplizieren, was uns zu Gruppe 2 bringt.
Gruppe 2: Das komplette Paket
Dann gibt es da noch die zweite Gruppe: diese Menschen wollen all die Details. Einige bezeichnen dies als "das komplette Paket". Aufgrund der Fragen, die ich regelmäßig per E-Mail gestellt bekomme, bin ich es gewöhnt alle Arten von Fragen in diese Richtung gestellt zu bekommen. Wie ich oben bereits erwähnt habe, sind die Leute an jedem noch so kleinen Detail bezüglich des Trainings und der Ernährung interessiert, auch wenn diese Details nicht wichtig sind. Sie timen ihre Trainingseinheiten auf die Minute, ihre Sätze auf die Sekunde und sie messen ihre Drinks nach dem Training bis aufs Gramm genau ab. Sie machen sich über Details Gedanken, die so minimal sind, dass sie auf die Resultate in der realen Welt keinerlei Einfluss besitzen werden.Man kann diese Gruppe in zwei getrennte Untergruppen unterteilen. Die erste umfasst diejenigen, die bereiter dafür sind, Veränderungen an ihrem Trainings- und Ernährungsprogramm vorzunehmen, wenn alles bis ins kleinste Detail vorgegeben ist. Sie neigen dazu, von sehr komplizierten Diätansätzen angezogen zu werden, die eine Menge Details umfassen, die beachtet werden müssen (zyklische ketogene Diäten sind ein gutes Beispiel hierfür), da dies einen psychologischen Aspekt der Diät erfüllt. Ich weiß, dass ich auch einmal zu dieser Gruppe gehört habe und bis zu einem gewissen Grad immer noch gehöre. Ich möchte an dieser Stelle klarstellen, dass das Erreichen der psychologische Ziele genauso wichtig wie das Erreichen der physiologischen Ziele ist.
Die zweite Gruppe besteht aus einem noch kleineren Prozentsatz aller Personen: Sie möchten das komplette Paket, da sie es wirklich brauchen. Sie sind steroidfreie Bodybuilder, die während einer Diät zu viel Muskelmasse verliere und hoffen, dass es eine magische Lösung für dieses Problem gibt (oder noch besser eine magische Pille). Oder Sprinter, die für einen Wettkampf innerhalb von 8 Wochen 5 Kilo verlieren müssen, ohne an Leistungsfähigkeit zu verlieren (das war eine E-Mail, die ich vor einiger Zeit bekommen habe und ich habe dem Typen gesagt, dass er ohne die Verwendung von Steroiden wahrscheinlich kein Glück haben wird). Diese Menschen sind bezüglich der Details penibel genau, da sie es sein müssen und nicht weil sie es möchten. Ich vermute, dass es dieser Gruppe lieber wäre, wenn sie nicht so sehr auf die Details achten bräuchten, wenn sie dies nicht müssten.
Es gibt viel über die Mitglieder von Gruppe 2 zu sagen – zumindest bezüglich der kurzfristigen Erfolge. Personen in dieser Gruppe neigen aufgrund ihrer Detailfreudigkeit dazu, schnellere und bessere Resultate zu erzielen. Doch langfristige Erfolge können für sie ein Problem darstellen.
Wenn sie auf Diät sind, dann sind sie AUF DIÄT (!!!) und die Resultate kommen als Konsequenz hiervon. Doch wenn sie einen Diätausrutscher haben, dann fällt dieser extrem aus. Sie neigen dazu, zwischen zwei Extremen hin und her zu schwanken: einer pedantischen Einhaltung der Diät und dem absoluten Gegenteil. Diese Extreme korrespondieren damit, in Form zu sein oder nicht in Form zu sein.
Das richtige Gleichgewicht
Es wäre relativ sicher zu sagen, dass ein Mittelweg zwischen den beiden unterschiedlichen Gruppen wahrscheinlich für die meisten Anwendungsfälle ideal wäre (ausgenommen der Untergruppe von Gruppe 2, die auf alle Details achten muss oder riskiert zu versagen). Etwas zwischen totaler Hingabe/Getriebenheit und totaler Nachlässigkeit wird für die meisten funktionieren.Es ist ziemlich sicher zu sagen, dass Bodybuilder und Sportler (aber insbesondere Bodybuilder) unabhängig davon, ob sie sehr gut sind oder nicht, fast immer in die zweite Gruppe fallen. Zu sagen, dass diese Menschen besessen zwanghaft sind, wäre eine Untertreibung. Psychologisch besessen würde dies besser beschreiben. Selbst Leute die nicht die geringste Chance haben, jemals den Level eines Wettkampfbodybuilders zu erreichen, werden sich über jedes Detail unter der Sonne Gedanken machen. Die Psychologie scheint in diesem Fall die Aktivität zu begleiten. Dies bedeutet, dass Personen, die dazu neigen vom Bodybuilding angezogen zu werden, von vorneherein dazu neigen, detailbesessene Kontrollfreaks zu sein. Ich meine dies nicht notwendigerweise negativ - es ist ganz einfach eine Tatsache.
Eine Nebenbemerkung: Einige Psychologen haben angemerkt, dass die meisten Top Athleten im wahrsten Sinn des Wortes etwas zwanghaft besessen sind. Andere haben sogar versucht, hieraus ein negatives psychologisches Syndrom zu machen. Wie auch immer. Ich würde behaupten, dass die meisten Menschen, die in einem Bereich an der Spitze stehen, ein wenig zwanghaft sind – wenn sie es nicht wären, dann hätten Sie niemals die Spitze erreicht, da es immer jemanden gäbe, der gewillt ist, etwas härter zu arbeiten und sie überholen würde.
Natürlich ist eine zwanghafte Hingabe ein Teil des Preises, den man für hohe Leistungen und maximale Resultate zahlen muss. Dies ist ein großer Teil des Grundes dafür, dass die Personen in Gruppe 2 die Resultate erzielen, die sie erzielen. Natürlich kann man genetische Veranlagung, gutes Training, leistungssteigernde Substanzen, usw. nicht verleugnen, doch die Tatschache, dass diese Menschen ZU JEDER ZEIT so sorgfältig auf ALLE Details achten, macht den großen Unterschied bezüglich des Grades der Leistungsfähigkeit aus, den diese Individuen letztendlich erreichen. Auf Elite Level neiden Genetik, Equipment und alles andere dazu, recht gleichmäßig verteilt zu sein und es kommt darauf an, wer am härtesten und intelligentesten arbeitet. Es gibt natürlich auch Ausnahmen.
Daneben gibt es eine Menge sehr engagierter Menschen, die nicht die Resultate erzielen, die sie gerne erzielen möchten (oder denken erzielen zu müssen), was für gewöhnlich auf schlechten Ratschlägen beruht. Man sollte Besessenheit und Hingabe also nicht automatisch mit Erfolg gleichsetzen. Ein bescheidener Trainings- oder Ernährungsplan bleibt unabhängig davon, wie engagiert man ist, ein bescheidener Trainings- oder Ernährungsplan. Eine Menge Menschen bleiben viel länger bei einem bescheidenen Trainings- oder Ernährungsplan, als dies ein vernünftiger Mensch tun sollte – für gewöhnlich weil ihnen ein "Guru" gesagt hat, dass dies der richtige Weg ist, die Dinge anzugehen. Dies bringt mich zu meiner wichtigsten Regel bezüglich Training und Ernährung. Man könnte dies als Lyles Regel #1 bezeichnen:
Wenn etwas nicht funktioniert, dann sollte man es verändern
Meine generelle Faustregel ist, dass wenn eine Ernährungs- oder Trainingsänderung nicht innerhalb von 4 Wochen irgendwelche Fortschritte bewirkt hat, es an der Zeit ist, etwas anderes auszuprobieren. Sicher, es gibt Ausnahmen, doch etwas, das innerhalb eines Monats nichts bewirkt hat, wird nicht plötzlich auf magische Art und Weise zu funktionieren beginnen. Egal wer der Guru ist oder für wie intelligent er sich hält, es ist an der Zeit, zu etwas anderem überzugehen. Man hat nicht viel zu verlieren (man macht sowieso keine Fortschritte und schlechter kann es nicht laufen) und alles zu gewinnen.Ach ja, das gilt auch für alle Ratschläge, die ich gebe: wenn etwas nicht innerhalb einer vernünftigen Zeitspanne zu wirken beginnt, dann sollte man etwas anderes ausprobieren. Ich bin genauso fehlbar wie jeder andere auch und ich habe in meinem Leben schon eine Menge schlechte Ratschläge gegeben. Wie ich bereits zuvor erwähnt habe, bin ich hierbei völlig ehrlich.
Wenn ich schon beim Thema bin, denke ich, dass ich die logische Folgerung zu Regel #1 erwähnen sollte, die folgendermaßen lautet:
Wenn etwas nicht kaputt ist, dann sollte man nicht versuchen es zu reparieren.
Ja, ich weiß, das ist keine neue Idee, doch sie ist absolute wahr. Es kommt recht häufig vor, dass jemand. der alles richtig macht – er verliert Fett ohne Muskeln zu verlieren oder baut Muskeln mit einer gute Rate auf – Veränderungen ganz einfach um der Veränderung Willen macht.Dies ist bei Bodybuildern in der Wettkampfvorbereitung oder Anfängern ein weit verbreitetes Phänomen – sie flippen zwei Wochen vor dem wichtigen Termin aus und beginnen dümmliche Sachen zu mache. Sie verändern ihre Diät und experimentieren mit einer ungetesteten Strategie und verursachen hiermit mehr Schaden, als sie positives bewirken. Wenn etwas funktioniert, dann sollte nicht daran herumbasteln.
Man sieht so etwas auch ganz einfach aus Ungeduld: eine Rekompositionierung des Körpers bedarf seiner Zeit und Menschen sind nicht gut darin zu warten. Wir wollen es JETZT und diese Einstellung neigt dazu, Leute dazu zu bringen, die Dinge zu verändern, um hierdurch zu versuchen schnellere Resultate zu erzielen. Doch im Ernst, wenn das, was man macht, die Resultate generiert, die man will, dann sollte man verdammt noch mal alles so lassen wie es ist. Veränderungen nur um der Veränderungen Willen zu machen, ist genauso schlecht, wie nichts zu verändern, wenn etwas nicht funktioniert. An geeigneter Stelle werde ich dem Leser Richtlinien bezüglich dem geben, was ich bezüglich Fettabbau oder Muskelaufbau als gute Fortschritte ansehe. Wenn man diese Werte bereits erreicht, dann ist das, was man tut, das Richtige und man sollte nicht daran herumspielen.
Die Wahl zwischen den Gruppen treffen
Es gibt keinen Grund dafür, dass man in der einen oder anderen Gruppe sein muss. Es ist nichts Ungewöhnliches in Gruppe 1 zu beginnen (und kleine machbare Veränderungen an Ernährung und Training vorzunehmen), einige nette Fortschritte zu sehen und dann im Lauf der Zeit – oder wenn solche Details notwendig werden, um die nächste Stufe zu erreichen – detailorientierter zu werden. Es spricht in der Tat vieles dafür, die Veränderungen schrittweise vorzunehmen, da diese dann leichter zu einem Teil des Tagesablaufs werden, anstatt direkt zu einem extremen Ansatz überzugehen, den man mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf lange Sicht durchhalten wird.Welche Gruppe ich für besser halte? Wie ich bereits in de Einleitung gesagt habe, hängt das ganz von den Umständen ab. Wenn man als Athlet zu mir kommt, der nur 5 Wochen Zeit hat, um ein nahezu unmögliches Ziel zu erreichen, dann würde ich sagen, dass man besser auf die Details achten sollte. Wenn man jedoch ein Anfänger ist, der gerade erst mit einem Diät- oder Trainingsprogramm beginnt, dann wäre ich eher geneigt zu sagen, dass man es am Anfang einfach halten und bei Bedarf detailorientierter werden sollte.