Da bin in ich nun und schreibe diese Zeilen. Eigentlich wollte ich in diesem Augenblick noch in Belgien oder den Niederlanden sein. Eigentlich wäre ich noch im Urlaub. Uneigentlich schreibe ich diese Zeilen von Deutschland aus, unterbrochen von einer Trainingseinheit. Aber ich beginne von vorn..

Vor heute auf den Tag genau drei Monaten schaute ich mir aktuelle Fotos von mir an und bemerkte für mich selbst, dass ich unzufrieden war. Ich verstehe mich nicht als Bodybuilder, geschweige denn als jemand, der im Freibad irgendwelche Mädels beeindrucken müsste. Aber dennoch fühlte ich mich unwohl. Nackt zumindest für die eigenen Maßstäbe ertragbar aussehen, ist wohl ein Grundbedürfnis, was jedem inne liegt. Was wiederum im Widerspruch zu einem anderen Grundbedürfnis von mir führt: Ich esse gerne. Das heißt nicht, dass ich sinnlos in mich reinstopfen würde, oder gar mich ungeplant unsauber ernähre. Auch saubere Mahlzeiten können sehr lecker sein, so dass der Teller nicht groß genug sein kann. Und eines morgens wachst du auf und stellst fest, dass du die letzten zehn Monate ein paar Kilos zugenommen hast und dein Körperfettanteil zumindest deinen eigenen Maßstäben nicht mehr entspricht.

Da kam es mir gelegen, dass ich mir als persönliches Ziel dieses Jahr wieder die Teilnahme an einem Wettkampf (in der Sportart war ich flexibel) vorgenommen hatte und kurze Zeit zuvor die Deutsche Meisterschaft der GRAWA im Kreuzheben aufgrund meines Umzuges verpasste, denn Ende September stand der nächste Wettkampf der GRAWA vor der Tür: Die Deutsche Meisterschaft im Kniebeugen.

Doch kaum war das erste Problem gelöst, stand bereits das nächste vor der imaginären Tür. Abgesehen davon, dass ich mit knapp 81kg Körpergewicht zwischen den Gewichtsklassen -75kg oder -95kg wählen konnte, konnte ich aus diversen Gründen an zwei Händen abzählen, wie oft ich die letzten 12 Monate Kniebeugen trainiert hatte. Da stand ich also. Mit 6kg Übergewicht und den ersten Kniebeugeversuchen mit 120kg 4 Wiederholungen - nicht unbedingt wettkampfverdächtig.

Aber es war nicht meine erste Diät und da ich von Anfang an geduldig war, ging ich den Weg Schritt für Schritt. Um niemanden hier mit Details zu langweilen, schraubte ich meine Kalorien nach und nach runter und begann gezielt das Kniebeugen selbst und Hilfsübungen zu trainieren. Der Wettkampf ist in weniger als 10 Tagen und für den zweiten Versuch sind die 160kg als saved eingeplant (,die im Training mit 2 Wiederholungen gut kamen), sowie die 170kg nach jetzigem Stand für den dritten Versuch. Immer noch keine weltmeisterliche Leistung, aber für mich Halbtagspowerlifter eine raw Leistung, die ich vor drei Monaten nicht ganz erwartet hätte.

Doch das eigentliche Problem war eher das eigene Körpergewicht. 170kg raw sind in der -75kg nicht die Welt, wären aber in der -95kg vermutlich noch nicht einmal ein Aufwärmversuch meiner Gegner. Die Frage, in welcher ich also starten sollte, löste sich quasi von ganz allein, so dass ich die letzten drei Monate kontinuierlich Diät hielt und bis zwei Wochen vorm Wettkampf gut 4,5kg abgenommen hatte. Dabei war ich keinesfalls ein Heiliger. Ich lebte weiterhin relativ normal, trank auch gern mal den ein oder anderen Tropfen Alkohol und gönnte mir auch in der Diät mal Tage, an denen das Kalorienbeachten ruhte. - Inkonsequent? Nun, ich bin, wie bereits gesagt, kein Vollblutpowerlifter, auch wenn ich 2006 bereits mehrere Wettkämpfe erfolgreich mitnahm, und noch weniger Bodybuilder. Ich muss am Wettkampftag 75kg auf der Waage wiegen und im Wettkampf soviel Eisen wie möglich bewegen. Ich hätte weder in drei Monaten aus dem Nichts Weltleistungen gebeugt, noch muss ich besonders hübsch aussehen, wenn der Leser versteht, was ich meine.

Doch das hieß nicht, dass die Diät mal so nebenbei gemacht wurde. Meine Mitbewohner sprachen mich bereits darauf an, ob ich überhaupt noch etwas essen würde. Bisher waren sie von mir gewohnt, dass ich 6-8 (kleinere) Mahlzeiten über den Tag zu mir nahm. Und auf Arbeit merkte ich, dass ich gerade die letzten Tage etwas dünnhäutig wurde. Also entschloss ich mich, die letzten Tage bis zum Wettkampf eine Auszeit zu nehmen und wollte ein paar Tage nach Westeuropa fahren. Ich war wie Udo Jürgens noch niemals in New York, aber auch Frankreich und die Beneluxländer hatte ich bisher noch nicht gesehen - also zumindest das Zweite schon mal erledigen.

Also fuhr ich nach Westeuropa und wollte eigentlich bis mindestens Ende der Woche bleiben. Wenig Essen konnte ich auch in Westeuropa und hätte so wenigstens ein wenig meine Ruhe. Doch keine Diät ist wie die andere und so hatte ich durchaus bereits so einige Diäten in den letzten Jahren hinter mir und probierte immer mal etwas anderes aus. Diesmal verzichtete ich beispielsweise komplett auf das Kalorienzählen und Abwiegen, nach wenigen Wochen komplett auf Cardio, nahm erstmals BCAAs und entschied mich von Anfang an dafür, das letzte Kilo zu entwässern.

Und während die ersten drei Punkte keinesfalls Probleme mit sich brachten, sondern im Gegenteil eher Vorteile: Zwei Mal die Woche Beintraining waren trotz weniger Kalorien kein Problem für die Regeneration und ich hatte keinerlei Krafteinbußen, sogar im Gegenteil, und das in allen Bereichen selbst bis zum jetzigen Zeitpunkt. Dafür stellte sich der letzte Punkt als deutlich anstrengender heraus. preview

Erstmals also Entwässern. Das heißt seit einigen Tagen keine Milchprodukte mehr, seit gestern mindestens 12Liter Flüssigkeit am Tag, Protein aus den Quellen Pulver, Eiklar und Thunfisch und Salz auf Teelöffeln, das runtergespült wird, für die nächsten Tage. Ich bin es gewohnt, viel zu trinken, und gerade in der Diät ist es ganz angenehm Wasser mit LowCarb-Getränkesirup wenigstens für den Geschmack herunter zu kippen. Aber das Ganze schon mal im Urlaub versucht?

Nun, ich war gestern noch in Belgien. Belgische Waffeln, belgische Pommes Frites, Schokolade aus Belgien, Häagen Dazs Eiscafes und über 100 belgische Biersorten. Und wäre das verbunden mit einem unwiderstehlichen Geruch nicht bereits Folter genug, so gab ich mehr Geld für öffentlichen Pissoirs aus, als für Lebensmittel. Verbunden mit der Tatsache, dass ich die letzten Tage ein wenig Matsch im Kopf bin, entschloss ich mich, als ich die fünfte Packung Kaugummis an diesem Tag anbrach, dazu, den Urlaub abzubrechen. Ich fuhr zurück nach Deutschland. Ich habe die letzten Wochen zu viel zurückgesteckt, als dass ich entweder die Diät abbrechen oder den Urlaub auf Biegen und Brechen durchziehen und am Ende mir nur selbst versauen würde. Solange die Erderwärmung und das Schmelzen der Polkappen sich noch ein wenig Zeit lassen, wird Holland auch in ein paar Monaten noch da sein, wo es heute ist.

Also sitzte ich nun uneigentlich hier. Schreibe diese Zeilen, werde die nächsten Tage ein wenig die Zeit tot schlagen und vor allem Hungern und viel Trinken. Inzwischen ist klar, dass wohl nicht all zu viele Starter in Bad Doberan dabei sein werden. Mit tiefen Kniebeugen sind die Kumpels eben immer noch schlechter zu beeindrucken, als mit Bankdrücken. Ich habe keine Ahnung, wie viele in meiner Gewichtsklasse starten werden, und wie viel stärker meine Konkurrenz sein wird. Aber ich werde mein Bestes geben und das optimale Ergebnis zu erreichen versuchen. Ich verstehe den Wettkampf in erster Linie als Kampf gegen mich selbst. So wie jeden Wettkampf bereits zuvor. Und auch jede Diät. Diäten ist immer ein Kampf gegen sich selbst und fordert gerade in den letzten Tagen Opfer.