Wie die UNO uns gesünder machen will – ein Kommentar
In großen Teilen der westlichen Welt ist von Hunger jedoch nichts zu sehen. Ganz im Gegenteil: maßlose Völlerei ist hier das Problem. Ein Alltag, der durch mangelnde Bewegung und eine zu kalorienreiche und vor allem auch unausgewogen und daher ungesunde Kost bestimmt ist, führt hier zu den bekannten Zivilisationskrankheiten: Adipositas, Krebs und cardiovaskuläre Krankheiten nehmen mehr und mehr zu.
Seit Jahrzehnten kann man diese Entwicklung nun schon beobachten; die Fakten sind bekannt, geändert hat sich nichts. Die Armen dieser Welt leiden immer noch Hunger, die Reichen mästen sich zu Tode und in den Schwellenländern lässt sich der neu gewonnene Wohlstand an der Anzahl der Fast Food-Restaurants ablesen. preview
Gestern, am Tag der gesunden Ernährung, legte der UN-Sonderberichterstatter Olivier de Schutter seinen Ernährungsbericht dem Menschenrechtsausschuss der Vereinten Nationen vor. Sein Urteil der bisherigen Praxis ist vernichtend:
"Die derzeitigen Ernährungssysteme sind zutiefst dysfunktional. […] Die Welt zahlt einen exorbitanten Preis dafür, dass sie es nicht schafft, gesundheitliche Aspekte bei der Regulierung der Nahrungsmittelindustrie zu berücksichtigen."
Erstmals richtet sich ein Bericht der Vereinten Nationen zum Thema Ernährung damit auch explizit an die Industrienationen:
"Das Menschenrecht auf Ernährung ist nicht das Recht, nicht zu hungern. […] Es ist ein Recht der Inklusion, ein Recht auf adäquate Ernährung, die all die Bestandteile beinhaltet, die ein Mensch braucht, um ein gesundes und aktives Leben zu führen."
Er attestiert der westlichen Welt, explizit deren politischen Führern, einen mangelnden Willen, dies auch durchzusetzen. Zwar verfolge man seit Jahrzehnten eine Strategie der Ausweitung der Lebensmittelproduktion, doch habe die keineswegs dazu geführt, den Hunger der Armen zu stillen, sondern nur dazu geführt, dass die Anzahl der Menschen, die an Übergewicht leiden und die daraus resultierenden gesundheitlichen Probleme massiv angestiegen sind. Und dieses Problem scheint sich zu verschärfen, nicht nur in den reichen Ländern. Olivier de Schutter prognostiziert, dass auch in den armen Ländern der Welt die Problematik des zunehmenden Übergewichts der Menschen zunehmen wird. Und er fordert Veränderungen.
Was genau ist aber schief gelaufen? Warum greifen die bisher beschlossenen und umgesetzten Methoden nicht? Warum haben die Milliardensummen, die hier verpulvert wurden, keinen Erfolg gebracht? Für de Schutter liegt das Hauptproblem in einer fehlgeleiteten Subventionspraxis. Gefördert durch internationale Organisationen wie die Weltbank oder den IWF hätten sowohl Industrie- als auch Entwicklungsländer massiv die agrarische Massenproduktion verstärkt, was zu einem deutlichen Anstieg der Lebensmittelproduktion insgesamt führte. Nur landeten die hierfür aufgebrachten Subventionen zumeist bei großen Lebensmittelproduzenten, die diese primär für den verstärkten Anbau von Öl, Soja, Fleisch und Zucker verwendeten. In der Folge sanken die Preise für Fett und Zucker deutlich, die Hauptbestandteile von industriell verarbeiteter Nahrung. Die Preise für Obst, Gemüse und andere gesunde Lebensmittel jedoch waren hiervon kaum betroffen, stiegen häufig noch an. So entstand die absurde Situation, dass ungesunde Ernährung vielfach deutlich günstiger ist, als eine ausgewogene und gesunde Ernährung aus frischen Produkten. Dazu de Schutter:
"So werden die Armen dafür bestraft, dass sie arm sind."
Diese Feststellung ist nicht neu. In jedem Supermarkt kann man die Probe aufs Exempel machen. Da kostet ein Dreierpack TK-Pizza beim Discounter keine drei Euro, ein Preis, für den man kaum drei frische Paprika bekommt. Doch trotz alarmierender Zahlen, trotz der massiv zunehmenden gesundheitlichen Probleme durch eine Fehlernährung in den Industrieländern und der andauernden Mangelernährung in der 3. Welt wurde bisher an der bestehenden Praxis festgehalten. Für den UN-Berichterstatter eine absurde Situation, die nicht nur moralisch verwerflich sei, sondern vor allem auch ökonomisch zutiefst unlogisch:
"Heute zahlt der Steuerzahler dreimal für die Anleitung zum ungesunden Leben."
Was er damit meint: Neben den Subventionen, die aus Steuergeldern stammen und die Herstellungskosten der industriell verarbeiteten Nahrungsmittel, zahle der Steuerzahler auch für die Marketingkosten der Lebensmittelbranche, welche diese steuerlich geltend macht und vor allem für die Spätfolgen der fehlgeleiteten Ernährung, die dazu führe, dass die Belastung der Gesundheitssysteme in unbezahlbare Dimensionen abdrifte. Eine Studie aus den USA ergab, dass die durch Adipositas verursachten Gesundheitskosten in den USA von 1998 bis 2006 von 6,5% auf 9,1% anstiegen, das entspricht Mehrbelastung von 147 Milliarden US-Dollar.
Um diesen Problemen Herr zu werden, schlägt de Schutter verschiedene Maßnahmen vor. Zunächst nennt er den massiven Um- und Abbau der Agrarsubventionen, da diese nachweislich zu keiner Verbesserung geführt hätten. Weiterhin empfiehlt er eine Regulierung für Nahrungsmittelmarketing, sprich die deutliche Einschränkung der Werbung für Junk Food in Verbindung mit staatlich finanzierten Aufklärungsprogrammen, sowohl in den reichen, als auch in den armen Ländern. Doch verspricht all das kaum Besserung, wenn nicht auch die dritte entscheidende Forderung von de Schutter umgesetzt wird: eine reformierte Besteuerung von Lebensmitteln.
Geht es nach dem Willen de Schutters, soll eine Sondersteuer auf ungesunde Nahrungsmittel erhoben werden. Die hierdurch eingenommenen Geldmittel sollen direkt wieder in die Subvention gesunder Lebensmittel wie Obst und Gemüse fließen um den Menschen den Zugang zu diesen Lebensmitteln auch zu ermöglichen.
Wie zu erwarten ist die Protestwelle auf diesen Bericht immens. Dr. Holger Meireis, Leiter des Gesundheitsamts in Wiesbaden äußerte sich hierzu wie folgt:
"Wo wollen Sie denn da anfangen? […] Soll die Fleischwurst, die auch nicht eben wenig Fett enthält, besteuert werden? Wird es irgendwann eine "Couch-Liege-Steuer" geben für Leute, die sich nicht gerne bewegen?"
Die Kommentare zu entsprechenden Artikeln auf den Seiten großer Tageszeitungen fallen oft genauso aus. Von staatlicher Bevormundung ist da die Rede, Willkür und Panikmache. Doch was ist falsch daran, wenn man versucht allen Menschen den Zugang zu frischen Lebensmitteln zu erleichtern? Was ist falsch daran, wenn ein Schokoriegel teurer ist als ein Apfel?
Sicher, solche Listen sind problematisch. Wo fängt man an, wo hört man auf? Und spätestens seit Paracelsus wissen wir:
"Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, daß ein Ding kein Gift sei."
Aber für was haben wir denn all unsere Experten? Es sollte wohl nicht unmöglich sein einen Pool an frischen Lebensmitteln herauszuarbeiten, die man für gesund genug hält um subventioniert zu werden. Und dass Chips und Softdrinks der Gesundheit zumindest einmal nicht zuträglich sind, das wird wohl kaum jemand bestreiten.
Sicher, es bedarf mehr um die oben beschriebene Situation zu ändern. Es bedarf eines massiven Wandels in der Wertschätzung der Nahrung. Solange die meisten Menschen ihre Ernährung nach dem Prinzip "Hauptsache es schmeckt, ist schnell verfügbar und billig!" ausrichten, wird sich wenig ändern. Solange das vorherrscht, werden wir weiter Videos von Massentierhaltung ertragen müssen, werden weiter mit Medikamenten vollgepumptes Fleisch essen und Erdbeerjoghurt verzehren, der nie auch nur aus der Entfernung eine reale Frucht gesehen hat. Hier ist Aufklärung dringend nötig! Doch oft reagieren die Menschen erst, wenn es an den Geldbeutel geht, daher ist diese Schraube aus meiner Sicht durchaus eine, an der man drehen kann und auch muss.
Und sicher, den Welthunger wird man auch damit nicht in den Griff bekommen. Hierfür sind weit komplexere Konzepte notwendig. Dennoch: Die Empfehlungen dieses Berichtes sind ein Schritt in die richtige Richtung!