Bevor ich Trainer für Kraft und Konditionierung wurde, ging ich einer Karriere als Physiotherapeut nach. Während ich mich in einigen physiotherapeutischen Kliniken umsah und als Praktikant mitarbeitete, fiel mir schnell eine Gemeinsamkeit bei Athleten auf: Rehabilitation → Wettkampfsport →Verletzung → Operation → Rehabilitation → Wiederholung.

Über einige Monate hinweg, konnte ich bezeugen, wie eine Person die Klinik als "funktionsfähig" verließ, nur um dann mit derselben Verletzung an einem anderen Körperteil, oder wegen einer anderen Verletzung, nahe der ursprünglichen Stelle, wiederzukommen. Manchmal war es sogar noch schlimmer und sie kamen mit derselben Verletzung am gleichen Körperteil wieder.

Was war die Ursache dieses offensichtlichen Problems? Lag es an der Inkompetenz der Physiotherapeuten? Oder am Chirurgen? Hat sich der Athlet im Kraftraum oder auf dem Spielfeld für die falschen Dinge entschieden? Sehr oft war keine dieser Möglichkeiten die Ursache. Nachdem ich diese Frage mit dem Physiotherapeuten besprach, mit dem ich zusammenarbeitete, war die Antwort recht schnell klar.

Die meisten Physiotherapeuten müssen ihre Patienten entlassen, nachdem sie wieder ein bestimmtes Maß an Funktionalität erreicht haben, da die Krankenversicherungen keine fortführende Therapie bezahlen, wenn der Patient einige festdefinierten Aktivitäten sicher ausführen kann. Nun, die Kriterien für dieses “Maß an Funktionalität“ unterscheiden sich unter den Krankenversicherungen, und genau darin liegen die meisten Probleme versteckt.

Für eine pensionierte Person kann diese Funktionalität einfach nur bedeuten, vom Fernseher zur Couch gehen zu können oder die Treppen hoch ins Bett zu bewältigen. Für einen städtischen Geschäftsmann kann Funktionalität bedeuten, die Kraft zu haben zehn Blöcke gehen zu können, ohne dass seine Hüfte in Schmerzen aufflammt. Für einen Athleten bedeutet Funktionalität jedoch sprinten zu können, sowie schnelles stoppen und Richtungsänderungen ausführen zu können, ohne vor Schmerzen umzufallen. Leider kontrollieren die Krankenversicherungen den Fortschritt des Patienten in der physiotherapeutischen Klinik, und sie entscheiden oftmals einen Patienten zu entlassen, wenn er ein Minimum an Bewegungen (Gehen, Beugen, sowie Überkopf-Greifen ohne nennenswerte Schmerzen) ausführen kann. preview

Das Problem und eine praktikable Lösung

Es existiert eine große Kluft - speziell bei Athleten - zwischen Funktionalität und den körperlichen Bedürfnissen eines Wettkampfsports. Solche Athleten, die an keinem akademischen Kraft-, und Konditionierungsprogramm teilnehmen, verlassen die Physiotherapie ohne eine feste Richtung und ohne zu wissen, wie die sich zu verhalten haben, um einen erfolgreichen Wiedereinstieg in den Wettkampfsport zu schaffen. Das Resultat dessen, ist in der Regel alles andere als schön.

Als Fachmänner für Kraft und Konditionierung haben wir eine Chance diesen Athleten zu helfen, sich von der Verletzung zu erholen. Ein Weg diese Möglichkeit anzupacken, ist, solche Gesundheitsfachmänner auszuwählen, die auch einen vernünftigen Ansatz mit Krafttraining hochschätzen, der über das normale Rehabilitationstraining hinausgeht. Viele Physiotherapeuten werden Athleten (und auch Laien aus der Bevölkerung) gerne an einen Krafttrainer überweisen. Natürlich nur, wenn der Physiotherapeut sich sicher ist, dass der Trainer ein vernünftiges Training erstellt und damit die Wahrscheinlichkeit für weitere Verletzung in der Zukunft senkt.

Schauen wir uns als Beispiel an, wie diese Situation zwischen dem Athleten, dem Physiotherapeuten und einem Krafttrainer umsetzbar ist. In diesem Beispiel, werde ich eine häufige Verletzung verwenden: Riss des vorderen Kreuzbandes.

Der wichtigste Punkt, der während den ersten Wochen nach einer Verletzung/Operation zu beachten ist, ist, dass der Kraft-, oder Konditionierungstrainer solange wenig beteiligt ist, bis der Physiotherapeut festgelegt hat, dass der Athlet mit der Rehabilitation beginnen kann.

Sobald der Arzt, Physiotherapeut und Trainer (falls dieser beteiligt ist) ein kontrolliertes Trainingsprogramm erlauben (wahrscheinlich in der 8-12 Woche), kann der Krafttrainer eine aktivere Rolle übernehmen. Er wird dem Athleten helfen, die wichtigen Übungen aus der Klinik durchzuführen (z.B. Stehendes Beinheben mit einem Band als Widerstand, propriozeptives Training, cone walking, Rückwärtsgehen auf dem Laufband (um die Kniestreckung zu unterstützen), cone walking für die Gangsicherheit, Sprungseil (in der Regel ungefähr in der zehnten Woche) uvm.).

Hierzu sollte der Trainer mit dem Physiotherapeuten sprechen, um zu sehen, was dieser gemacht hat und um Informationen über spezielle zu vermeidende/unterstützende Bewegungsformen über den Athleten einzuholen.
  • Schrittweises Fortschreiten zu einfachem plyometrischem Taining auf ebenem Untergrund und sportspezifische Übungen (seitliche Bewegungen ab Woche 16 einbauen).
  • Abhängig wie es vertragen wird, open-chain Kräftigungsübungen einbauen.
  • Den Athleten immer fragen, ob eine Bewegung schmerzt. Dies ist eine Ja oder Nein Frage. Falls sie Ja sagen (und es kein typischer Schmerz wegen Übersäuerung ist), dann halte Dich zurück, diese spezielle Übung auszuführen.
  • Das Ziel setzen, in sechs Monaten wieder den Sport ausführen zu können. Aber nur, falls andere Ziele erreicht wurden:
    • Der volle Bewegungsradius ist wieder hergestellt.
    • Das Gelenk “gibt nicht auf“.
    • Symmetrischer Pivot shift Test (Dreh-Rutsch-Test).
    • Lachman’s Test ist verglichen mit dem kontralateralen Knie innerhalb eines Grad.
    • Funktionelle Tests liegen bei 90% des entgegengesetzten Beins.
    • Weitere Tests des Physiotherapeuten/Arztes wurden bestanden.
Bezüglich genereller Strategien zur Verminderung von Verletzungen des vorderen Kreuzbandes, sagt Mike Boyle sehr treffend: "Die Verhinderung von Verletzungen des vorderen Kreuzbandes ist nur Training. Wir verwenden mit jedem dasselbe Programm, um Verletzungen des vorderen Kreuzbandes zu verhindern. Wir als Trainer sollten uns bewusst werden, dass wir mit allen unseren Athleten und Wochenend-Kämpfern, Konzepte zur Verhinderung von Verletzungen üben sollten."

Laut Boyle gibt es einige essentielle Strategien, die im Besonderen angewendet werden sollten:
  • Aktives Aufwärmen
  • Kraft und Stabilität (exzentrische Kraft kommt Falltechniken gleich)
  • Entwicklung von Kraft (Betonung eines einzelnen Beins)
  • Konzepte zu Richtungswechseln (lernen zu bremsen)
  • Konditionierung von Richtungswechseln (Entwicklung der Konditionierung)
Als letzten Punkt, sollte man noch die Masse von Komplikationen anzumerken, welche oft bei verletzten Athleten, die sich von einer Verletzung erholen, auftreten. Sagen wir beispielsweise, ein Trainer bekommt einen Athleten überwiesen, der sich von einer Verletzung des vorderen Kreuzbandes erholt. Ein aufmerksamer Kraft- und Konditionierungstrainer wird oftmals bereits während der Aufwärmphase eine Menge an biomechanischen Problemen bemerken, die allesamt besorgniserregender sind, als das frisch aufgebaute Kreuzband.

Häufig, betrifft dies Schwächen des Gluteus und der Hamstrings, sowie Versteifungen der Hüftflexoren, Innenrotationen der entgegengesetzten Hüfte, schlechte Beweglichkeit der Fußgelenke, ungenügende Beweglichkeit des Thorax, eine geringe kinästhetische Wahrnehmung und Propriozeption. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren diese Probleme die Hauptfaktoren, die den Athleten auf den Operationstisch beförderten. Wenn diese nicht behoben werden, so wird sich der Athlet mit höchster Wahrscheinlichkeit bald wieder unter dem Messer befinden.

Zusammenfassung

  • Suche Dir Fachleute aus, um die Kluft zwischen reiner Rehabilitation und leistungsorientiertem Training zu schließen. Vergewissere Dich, dass Du den Unterschied zwischen deinem "Fachbereich" und dem der Fachleute erkennst. Ein CSCS Zertifikat zu haben ist etwas anderes, als ein lizensierter Physiotherapeut zu sein, und es ist notwendig dass die Krafttrainer, bezüglich jeder Grauzone, den Physiotherapeuten aufsuchen.
  • Übungen zur Verringerung des Verletzungsrisikos, sollten auch mit gesunden Athleten durchgeführt werden. Der Krafttrainer kann eine sehr wichtige Rolle dabei spielen, den Athleten gesund zu halten und dabei helfen, dass der Athlet bei stark verringertem Verletzungsrisiko, Spaß an seinem Sport hat.

Quellenangabe

  1. Boyle M (2010) Advances in Functional Training. Aptos, California: On Target Publications.
  2. Parker D (2005) “Anterior Cruciate Ligament Reconstruction Post-Operative Rehabilitation Protocol.” Commonwealth Orthopedics and Rehabilitation.
  3. Springer B, Murphy K (2003) "ACL Reconstruction." Physical Therapy Section. Walter Reed Army Medical Center.