Wissenschaftliche Artikel werden quasi überall zitiert. Die Botschaft ist diese: solange ein Wissenschaftler meine These unterstützt, habe ich recht. Das Problem ist, dass man sich etwas verloren fühlen kann, wenn man nachforschen will, was dieser Wissenschaftler tatsächlich postuliert hat. Um es ein bisschen zu erschweren, erhält man auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage "Wie lese ich einen wissenschaftlichen Artikel?", hauptsächlich Informationen für Studenten, die solche Artikel wissenschaftlich beurteilen sollen. Wenn man allerdings nur wissen will, worauf man achten muss und wie man das Gute vom Schlechten trennen kann, bekommt man kaum Hilfe geboten. Der Sinn dieses Artikels ist, dem Otto-normal-Leser zu helfen, in die Fachliteratur einzutauchen und diese zu verstehen.

Wenn Ihr überprüfen wollt, ob die zitierte Studie tatsächlich die gemachte Behauptung einer Supplement-Firma oder eines Forenhelden unterstützt, reicht es oft, sich Titel und Abstract durchzulesen. Falls Ihr aber mehr wissen wollt, benötigt Ihr den gesamten Artikel. In beiden Fällen müsst Ihr stets kritisch bleiben und Fragen stellen.

Beim Beurteilen eines Artikels ist es sehr wichtig, immer daran zu denken, welche Aussage von diesem Artikel gestützt werden soll. Wenn der zitierte Artikel Euch zum Beispiel erzählen soll, dass Ihr wirklich Haferflocken zum Frühstücken essen solltet, der Titel lautet aber "Protein Metabolism and Endurance Exercise (Gibala 2007)", ist es richtig anzunehmen, dass Ihr darin nicht viel über Haferflocken und Frühstück finden werdet. Ebenso wird Euch der Artikel nicht helfen, wenn Ihr Bodybuilder seid, die herausfinden möchten, wie viel Protein sie benötigen. Was uns zum ersten Teil der Beurteilung eines Artikels bringt.

Schaut euch den Titel an

Es scheint offensichtlich, mit dem Titel anzufangen, da meist vorausgesetzt wird, dass der zitierte Artikel und die Aussage, die mit diesem gestützt werden soll, übereinstimmen. Setzt niemals etwas voraus! Die harte Wahrheit ist, dass es genug Fälle gibt in denen das nicht zutrifft. Man ist schnell beeindruckt von einem Titel wie "Muscle glycogen resynthesis rate in humans after supplementation of drinks containing carbohydrates with low and high molecular masses (Aulin et al 2000)", dieser Titel sagt Euch aber nicht, was die Resultate waren. Es kann möglicherweise einfach nichts dabei passiert sein. Andere Titel versprechen viel, wie zum Beispiel "Protein co-ingestion stimulates muscle protein synthesis during resistance type exercise (Beelen et al 2008)", aber, wenn man genau hinschaut, wird auch hier keine klare Aussage getroffen.

Der Schlüssel zum Lesen eines Titels und beim ganzen restlichen Prozess ist, kritisch zu bleiben und die ganze Zeit zu hinterfragen, was man gerade liest. Lasst uns den zweiten Artikel nehmen: "Protein co-ingestion stimulates muscle protein synthesis during resistance type exercise (Beelen et al 2008)". Dieser wurde zitiert, um die Aussage zu unterstützen, dass man nach dem Training Whey und Glucose in Wasser zu sich nehmen sollte und man könnte tatsächlich glauben, dass er diese Aussage stützt. Immerhin beinhaltet der Titel die Wörter "Protein" und "zusätzliche Einnahme (co-ingestion)", nun, Whey ist ein Protein und zusätzliche Einnahme bedeutet, dass man es zusammen mit irgendetwas anderem nimmt, also Whey mit Glucose – sieht gut aus! Außerdem steht da noch "stimuliert die Synthese von Muskelprotein", was sich stark nach Muskelwachstum anhört und es ist die Rede von Widerstandstraining, was, wie wir alle wissen, der wissenschaftliche Ausdruck für Gewichtstraining ist – Auftrag erfüllt!

Leider unterstützt der Artikel aber in keinster Weise die Aussage, man solle Whey und Glucose nach einem Workout trinken. Schaut mal genauer hin: "während (during)" bedeutet, dass man das Protein genommen haben muss, bevor das Workout beendet ist und "Training mit Widerstand (resistance type)", bedeutet nicht, dass es ordentliches Gewichtheben war. Um genau zu sein, kann ein Wissenschaftler daraus schließen, dass es eben kein Gewichtstraining war, sondern nur etwas Ähnliches. Der Artikel hat also schon verloren. Aber, machen wir trotzdem mal weiter: "zusätzliche Einnahme von Protein", mit was denn? Im Titel steht nicht, dass dieses Protein zusammen mit Kohlenhydraten eingenommen wurde. Man kann also sehen, dass selbst der Titel des Artikels die Aussage nicht unterstützt.

In der Welt der Wissenschaft, ist der Titel ein wirklich wichtiger Teil eines Artikels. Oft ist der Titel alles, worauf man Zugriff hat. Mit etwas Glück, kann man auch das Abstract lesen. preview

Das Abstract

Ein Abstract ist eine kurze Zusammenfassung eines Artikels, oder genauer gesagt, sollte ein Abstract eine kurze Zusammenfassung eines Artikels sein. Es gibt wirklich gute Abstracts. Dann gibt es noch solche, die wirklich gut darin sind, nichtssagend zu sein. Wenn Ihr das Abstract habt, ist das schon mal ein guter Anfang, wenn nicht, müsst Ihr nicht verzweifeln, geht einfach auf http://www.pubmed.com und sucht dort nach dem Titel. Pubmed ist eine riesige Datenbank aus wissenschaftlichen Artikeln. Ich muss ehrlich sagen: wenn der Artikel, nach dem Ihr sucht, nicht auf Pubmed zu finden ist, dann ist er entweder zu alt oder zu undurchsichtig, um die Mühe wert zu sein.

Sobald Ihr das Abstract habt, ist es Zeit, ein bisschen genauer zu lesen und es auseinander zu nehmen, um zu sehen, was es tatsächlich aussagt. Die erste Frage kommt jetzt.

Mit wem wurde die Studie durchgeführt?

Das ist eine wesentliche Überlegung. Viele Studien wurden nicht an Menschen durchgeführt: "Orally administered Endoxifen is a new therapeutic agent for breast cancer (Ahmad et al 2010)", sieht nach einen Durchbruch aus, etwas, über das man sich freuen kann. Die Studie wurde allerdings an Ratten durchgeführt. Deswegen kann es überhaupt wichtig sein, sich das Abstract anzuschauen. Ratten sind keine kleinen Menschen, wir besitzen Ähnlichkeiten, aber wir sind auch sehr verschieden, gerade was unseren Stoffwechsel angeht. Wenn die Studie an Ratten durchgeführt wurde, so sind wir tatsächlich noch sehr weit von menschlichen Studien entfernt. Um genau zu sein, ist nur eine Studie im Reagenzglas (in vitro), weiter davon entfernt.

Wenn die Studie an Menschen durchgeführt wurde, so ist es wichtig, was für Menschen daran beteiligt waren. In sportwissenschaftlichen Studien wird oft der Ausdruck "Gesunde Probanden" verwendet. Leider sind "Gesunde Probanden" nicht das, was wir brauchen. Mit der Zeit hat regelmäßiges Training einen gewissen Effekt auf den Körper, das ist immerhin auch der Grund, warum wir trainieren. Das Problem ist, dass die Effekte von Ausdauer- und Widerstandstraining bei Anfängern ungefähr die gleichen sind und der Körper erst mit der Zeit spezifische Veränderungen zur jeweiligen Trainingsart zeigt. Hier ein Beispiel: Ein Ausdauersportler besitzt mehr Mitochondrien, zusammen mit einem veränderten Fett- und Kohlenhydrat-Stoffwechsel. Ein Athlet der Widerstandstraining ausführt, besitzt hingegen eine verringerte Dichte an Mitochondrien und größere Phosphocreatin- und Glycogenspeicher, zusammen mit einem effizienteren Protein-Stoffwechsel. Das ist nur der Anfang der verschiedenen Veränderungen, die mit regelmäßigem Training einhergehen.

Wir wissen jetzt also, mit wem die Studie durchgeführt wurde. Was kommt als nächstes?

Was in der Studie gemacht wurde

Das ist wichtig, da viele Studien nichts mit dem zu tun haben, was Athleten tatsächlich beim Training machen. Wir wissen ja inzwischen, dass es wichtig ist, Athleten in der Studie zu verwenden. Genauso wichtig ist es, einen Studienaufbau zu haben, der repliziert, was tatsächlich im Studio passiert. Ein gutes Beispiel hierfür sind Studien über Glutamin. Unter normalen Umständen, bekommt der Körper alles benötigte Glutamin durch Umbau von anderen Aminosäuren. Allerdings gibt es Ausnahmen, wie starke Verbrennungen oder Traumata, in denen der Körper zusätzliche Hilfe benötigt. Man könnte meinen, dass ein Athlet, nach einem harten Training, von der Einnahme von Glutamin profitieren kann. Das Problem ist: wir wissen es nicht! Und eine der größten Ursachen, warum wir es nicht wissen, ist, dass in keiner Studie die Probanden wirklich hart genug trainiert wurden, um das zusätzliche Glutamin zu benötigen. Das ist als würde man sagen, Regenreifen würden keinen extra Grip liefern, obwohl man sie bisher nur im Trockenen getestet hat!

An diesem Punkt kann man oft aufhören. Mit ein bisschen Hintergrundwissen und Recherche sieht man oft, ob die Studie tatsächlich eine Chance hatte herauszufinden, was sie herausfinden wollte. Wenn es keine Hoffnung für die Studie gibt, wie bei unseren Glutaminstudien, wird sie keinerlei Aussage unterstützen können – es sei denn, die Aussage war, dass die Studie nutzlos ist.

Manche Studien schaffen es bis hier her. Wie geht es dann weiter?

Was wurde gemessen?

Dieser Punkt unterscheidet sich davon, welche Tests mit welchen Probanden durchgeführt wurden. Hier geht es darum, was unsere Freunde in den weißen Kitteln nach allem tatschen, stoßen und foltern für Messergebnisse erhalten haben. Als Beispiel: "Recovery from a cycling time trial is enhanced with carbohydrate-protein supplementation vs. isoenergenic carbohydrate supplementation (Berardi et al 2008)" nahm trainierte Radfahrer, setzte sie auf eine stationäres Rad und ließ sie eine Stunde durch ein simuliertes Zeitrennen radeln. Wir haben also die richtigen Probanden und der Test simuliert, was sie im echten Leben tatsächlich tun. Die Wissenschaftler gingen sogar sicher, dass alle das gleiche Frühstück eingenommen hatten. Das Studiendesign sieht also wirklich gut aus, da es tatsächlich die Erholung von einer Trainingseinheit messen könnte.

Das Maß für die Erholung war in diesem Fall, dass die Probanden die Simulation nach 6 Stunden wiederholten, nachdem sie entweder Kohlenhydrate oder Kohlenhydrate und Protein zu sich genommen hatten. Man muss hier fragen: ist die Leistung der Radfahrer tatsächlich ein Maß für die Erholung, bzw.: stützt diese Messung die anfänglich gemachte Aussage? Immerhin, ich könnte auch sagen: "Könnt Ihr mehr Wiederholungen Kniebeugen ausführen, nachdem Ihr Kohlenhydrate und Protein genommen habt?", das wäre aber keine Studie über Erholung nach dem Training.

Titel und Abstract – wie alles zusammen kommt

Wenn Ihr Titel und Abstract lest, betrachtet sie zusammen. Fragt Euch, ob sie mit dem, was sie in der Studie gemacht haben, herausfinden könnten, was sie laut dem Titel herausfinden wollten. Wenn Ihr nicht überzeugt seid, dass das funktionieren kann, ist es unwahrscheinlich, dass euch der volle Artikel überzeugen kann.

Versucht das mit: "Effects of 28 days of resistance exercise and consuming a commercially available pre-workout supplement, NO-Shotgun®, on body composition, muscle strength and mass, markers of satellite cell activation, and clinical safety markers in males (Shelmadine et al 2009)" und fragt Euch, ob dieses Supplement einer erfahrenen weiblichen Athletin vor einem Wettkampf helfen könnte. Die Antwort ist: man wird es nicht erfahren, die Studie wurde an untrainierten Männern durchgeführt.

Es ist ein Review Artikel

An diesem Punkt habt Ihr unter Umständen herausgefunden, dass die Studie an niemandem durchgeführt wurde und dass die Wissenschaftler nichts gemessen haben, da Ihr einen Review Artikel vor Euch habt. Es gibt zwei Arten von Review Artikeln: das normale Review und das systematische Review. Systematische Reviews sind leicht zu erkennen, sie sind oft hilfreich und haben einen Schriftzug "Systematisches Review" am Anfang. Wenn nicht, werdet Ihr sehen, dass sie einen Methodologie-Teil besitzen, in dem erklärt wird, wie sie die betrachteten Artikel gefunden haben. Das Ziel eines systematischen Reviews ist, Verzerrungen vorzubeugen und eine aktuelle, verlässliche Aussage über das betrachtete Thema zu treffen. Als Beispiel das hilfreich betiltete Review "Systematic review of the effect of the co-ingestion of protein with carbohydrate post exercise on recovery in athletes (Willis 2010 unpublished)". Im Titel seht Ihr bereits, worum es im restlichen Artikel geht. Ihr werdet ebenfalls bemerken, dass der Inhalt des Reviews sehr speziell und fokussiert ist. Systematische Reviews haben oft einen engen Fokus, um eine wirklich verlässliche Aussage treffen zu können.

Die andere Gattung von Reviews ist um einiges allgemeiner und man muss viel vorsichtiger damit umgehen. Im Gegensatz zum systematischen Review, ist ein Review nicht verpflichtet unvoreingenommen zu sein und wird nicht offen legen, wie die betrachteten Artikel gefunden wurden. Es kann sein, dass die Verfasser zu ihren Aktenschränken gegangen sind und einfach irgendwas heraus genommen haben.

Eine nähere Betrachtung

Hier kann es nun interessant werden, Ihr könnt viel herausfinden, ohne den Artikel ganz lesen zu müssen.

Als erstes solltet Ihr auf Pubmed gehen und den Artikel suchen. Das kann ein paar Versuche brauchen, aber wenn Ihr den ganzen Titel habt, sollte es kein Problem sein (manchmal muss man den Titel ein wenig abkürzen). Wenn Ihr es nicht mit dem Titel findet, probiert es mit dem Autor und zwei Schlüsselwörtern. Zum Beispiel würdet Ihr mit "Shelmadine", "effects" und "exercise", den oben genannten Artikel von Shelmadine finden. Damit kann man oft besonders scheue Artikel ans Licht holen. Falls Ihr ihn nicht findet könnt, fragt die Person, die den Artikel zitiert hat, nach einem Link oder einer Kopie (mehr darüber gleich).

Wenn Ihr den Artikel in der Datenback gefunden habt, müsst Ihr ihn Euch als nächstes besorgen. Manche Artikel sind frei verfügbar oder können sogar runtergeladen werden. Im zweiten Fall gibt es dort dann einen Link, mit dem Ihr Euch den Artikel als nette PDF Datei zum Lesen herunterladen könnt. Bei vielen Artikeln geht es leider nicht so einfach. Falls der gesuchte Artikel nicht frei verfügbar ist, fragt die Person, die zitiert hat, nach einer Kopie (was Ihr machen könnt, wenn sie Euch diese nicht geben (kann), erkläre ich später).

Wenn Ihr nach dem Artikel sucht, könnte es sein, dass das Original nicht in Englisch ist. Das sollte einiges an Misstrauen schüren, nicht weil Wissenschaft nur auf Englisch funktioniert, sondern, weil die Person welche den Artikel zitiert hat, nicht hinzugefügt hat, dass dieser nicht auf Englisch ist. Das bedeutet oft, dass diese Person den Artikel selbst nicht ganz gelesen hat.

Wenn Ihr nach dem Original fragt, solltet Ihr keine Probleme damit haben, dieses auch zu bekommen. Supplement-Hersteller sollten sich freuen, wenn Ihr das ganze Ding lesen wollt und wenn es jemand im Forum gepostet hat, sollte er eigentlich eine Kopie davon besitzen, die er Euch schicken kann. Natürlich gibt es immer Leute, die versuchen sich mit halbherzigen Entschuldigungen rauszureden – hier solltest Ihr besonders misstrauisch sein, dass diese Leute, wenn überhaupt, nur das Abstract gelesen haben.

Es ist die traurige Wahrheit, dass viele Leute in irgendwelchen Foren irgendwas behaupten, bei Pubmed nach ein paar Key-Wörtern suchen und dann einige Artikel auf der ersten Ergebnisseite als Unterstützung zitieren, um so zu tun, als wären sie unglaublich intelligent und man müsste ihnen alles glauben. Ein Trick ist, selbst nach solchen Key-Wörtern zu suchen. Wenn so jemand zum Beispiel über Proteineinnahme nach dem Training schreibt, gebt einfach ein "Protein" und "post exercise". Man muss die Suche oft begrenzen, so dass nur Titel oder Titel und Abstracts durchsucht werden. Falls ihre Quelle das erste Ergebnis und nicht frei verfügbar ist, konfrontiert sie damit und stellt sie bloß.

Warum nach Artikeln fragen, die ich nicht frei lesen kann?

Erstens, weil es Euch interessiert und zweitens, weil ein Abstract immer nur die bearbeiteten Highlights eines Artikels umfasst. Wenn Ihr den Artikel lest, könnt Ihr genau nachvollziehen, was gemacht wurde. Oft steht im Abstract nicht genug, um herauszufinden, was Ihr wissen wollt, oder das Abstract enthält einige interessante Details nicht, die die Aussage des Artikels verändern. Hier ein Beispiel: eine Studie über den Effekt von Protein und Kohlenhydraten nach dem Training verwendete Weizenprotein. Wer verwendet unter realen Umständen schon Weizenprotein? Dieses wertvolle Detail ist nicht im Abstract enthalten. Ein anderer Artikel behauptete im Abstract, dass an der Studie Männer mit Erfahrung im Widerstandstraining teilnahmen. Heraus kam, dass diese Männer in einer Zeit von 12 Monaten vor der Studie keinerlei Supplements genommen hatten, auch kein Protein. Kennt Ihr irgendwelche konsequenten, ernstzunehmenden Athleten, die das machen?

Wenn eine Person ihre Aussage nach ausschließlicher Lektüre des Abstracts auf einen Artikel stützt, wollen sie so aussehen, als wüssten sie mehr, als das wirklich der Fall ist. Das ist nie gut. Wenn ein Unternehmen so handelt, sollte man von dessen Produkten Abstand nehmen.

Tipps zum Lesen eines ganzen Artikels

Erstens ist eine oft geäußerte Kritik an sportwissenschaftlichen Artikeln, dass die Zahl an Probanden sehr klein ist. Medizinische Studien werden oft mit tausenden Menschen in verschiedenen Forschungszentren auf der ganzen Welt durchgeführt. Wenn man in der Sportwissenschaft 30 Leute findet, hatte man Glück und wenn noch Muskelbiopsien durchgeführt werden, muss man sich oft mit weniger als 10 zufrieden geben. So ist das nun mal und eine solche Studie für die kleine Zahl an Probanden zu kritisieren, ist, als würde man sagen: "Ich höre nicht auf Leute aus Deutschland und ihr seid aus Deutschland". Kurzsichtig, ignorant und man könnte sich eine fangen.

Zweitens liest man einen ganzen Artikel genauso wie Titel und Abstract. Stellt kritische Fragen. Lasst euch von langen Wörtern und Fachsprache nicht beeindrucken. Habt keine Angst, wenn Euch die Ergebnisspalte vorkommt, als wäre sie in einer fremden Sprache verfasst. Und wenn Ihr am Schluss denkt, dass die Studie nicht zu gebrauchen ist, müsst Ihr nicht glauben was drin steht.

Studien in Zeitschriften sind nicht das letzte Wort. Sie stellen dar, was eine Gruppe von Leuten herausgefunden hat und wie sie ihre Ergebnisse interpretiert haben. Natürlich haben die Autoren Abschlüsse und Titel und manche dieser Leute sind vielleicht sogar kleine Einsteins. Das bedeutet nicht, dass sie die Ergebnisse richtig interpretiert haben, dass sie an alles gedacht haben oder dass Ihr ohne nachzufragen akzeptieren müsst, was sie Euch erzählen.

Es geht immer darum, die richtigen Fragen zu stellen

Ein Beispiel: In meiner Studie habe ich untrainierte Teenager genommen, sie einbeiniges Beinstrecken ausführen lassen und untersucht, ob es einen Unterschied bei der Wiederholungszahl macht, wenn ich sie zum Frühstück Seetang essen lasse. In meinen Ergebnissen habe ich gesehen, dass meine Teenager ein oder zwei Wiederholungen mehr schafften, wenn sie zum Frühstück ein Kilo Seetang gegessen hatten. Daraus habe ich geschlossen, dass eine Supplementierung des Frühstücks von Hochleistungs-Radfahrern mit Seetang diese befähigen wird, länger zu fahren.

Ist das eine gute Studie? Ist das eine glaubhafte Schlussfolgerung? Selbst wenn ich Recht habe, würde irgendwer ein Kilo Seetang essen? Ich habe vielleicht viel darüber geschrieben, wie wichtig Leistung ist, im Kapitel zu meinem Ergebnissen sieht man, dass die Ergebnisse signifikant sind, das habe ich mit jedem Statistik Programm auf meinem PC beweisen können und vielleicht habe ich sogar einige sehr lange Wörter benutzt. Aber was ich gemacht habe, war bescheuert und die Ergebnisse sind Dünnschiss. Genau so ist es auch mit jeder richtigen Studie, die Ihr lesen werdet. Wenn die Studie nicht viel wert ist, müsst Ihr nicht darauf hören. Stellt Fragen und seid offen für Antworten, denn man weiß ja nie, man könnte dabei auch etwas lernen.

Wenn Ihr einen Artikel lest, sei es der Titel oder das Abstract oder auch alles, scheut Euch nicht nachzudenken und zu schließen, dass die Studie Dünnschiss ist, denn es gibt wirklich so schlechte Studien. Und seid nicht zu feige, nach weiteren Informationen zu fragen, vor allem, wenn es sich um einen Eintrag im Forum handelt. Stellt dem Poster Fragen und lasst ihn die zitierte Studie erläutern. Wenn der Kerl wirklich helfen möchte und nicht nur online beweisen will, was für einen großen Schwengel er hat, wird er das sicherlich für Euch machen.

Ich hoffe, dass Ihr Euch nun etwas mutiger fühlt, um die wissenschaftliche Literatur in Angriff zu nehmen. Vieles davon sieht weit komplizierter aus, als es wirklich ist. Sicherlich gibt es Artikel wie "Distinct anabolic signalling responses to amino acids in C2C12 skeletal muscle cells (Atherton et al 2009)", ich muss aber sagen, dass Ihr die niemals lesen werden müsst. Es gibt aber auch andere Artikel, zum Beispiel: "Cereal and non-fat milk support muscle recovery following exercise (Kammer et al 2009)", die sehr leserfreundlich und sicherlich eine Betrachtung wert sind.

Das war es also! Seid kritisch, denkt nach und entdeckt das Wissen, auf dem Eure Kraft basiert!