Auf dem einzigartigen Bord, für das ich diese Texte schreiben darf, mit all seinen Usern, die ich für ihre Kompetenz, ihr Engagement und ihre Unterhaltungsqualitäten sehr schätze, sind derzeit gefühlte 100 Threads aktiv, in denen leidenschaftliche Kämpfe zwischen Crossfitgegnern und –befürwortern ausgetragen werden. Im Prinzip entbrennen Diskussionen in jedem Topic, das in irgendeiner Weise das Wort "Crossfit" im Titel trägt. Da ich nun beide Seiten gesehen habe frage ich mich umso mehr: Warum eigentlich?

Eines steht fest: Bodybuilder sind die Radikalsten unter den Radikalen. Selbst ich, die nie über den Leistungsstand eines "fortgeschrittener Anfängers" hinauskam, kann ein Lied davon singen, wie dieser Sport das Leben von früh bis spät beansprucht. Da kommt schnell Geringschätzigkeit gegenüber allen anderen auf. Seltsamerweise sind für einige Akteure artverwandter Sportarten friedliche Koexistenzen vorhanden. Strongman, Gewichtheber und Kraftdreikämpfer sind trotz ihrer unterlegenen Ästhetik akzeptiert. Wohl weil sie stark sind und so etwas Gemütliches an sich haben. Kampfsportler haben diesen Bruce Lee-Heiligenschein. Nur Crossfiter müssen draußen bleiben.
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    Zu viel Militarismus. Zu viel Englisch. Zu viel Marketing. Zu betont elitär. Zu reißerisch. Zu neu und zu alt gleichzeitig.
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Die Untrennbarkeit zwischen der Sportart Crossfit und der gleichnamigen Handelsmarke ist in dieser Form einzigartig. In Wirklichkeit ist es vor allem diese Tatsache, die die Hater befeuert. Sport ist Ehre, der Kampf Mann gegen Mann oder auch Mann gegen sich selbst, nicht Umsatzsteigerung und Gewinnmaximierung. Es liegt nahe, den Crossfitern Naivität zu unterstellen, zahlen sie doch horrende Beträge an ihre Boxen für unflexible Öffnungszeiten und ein Equipment, mit dem sich kein 20EURO-Discounter am Markt behaupten könnte. Für diese Art von Training, die man jederzeit auch unter freiem Himmel ausführen könnte. Nur, um sich "Crossfitter" nennen zu können.

Und das, was durch die Öffentlichkeitsarbeit der Crossfit Inc. nach außen gestrahlt wird, ist einem sympathischeren, vor allem bescheideneren Image auch nicht grade dienlich. Das fortwährende Gestänkere gegen alle anderen Trainierenden zum Beispiel, besonders gegen die Kraft- und Ausdauersportler. Wer sich selbst als "the fittest Athlete on Earth“ bezeichnet degradiert ja automatisch jeden anderen Athleten. Was insbesondere deswegen sauer aufstößt, weil zur Legitimation eine ganz eigene Definition des Begriffes "fit" erschaffen wurde, verankert in einem hauseigenen Regelwerk, dass in Umfang und Dringlichkeit der Verfassung eines Kleinstaates gleicht (und ich bin bis heute noch auf der Suche nach einer passenden Übersetzung, bzw. Definition des Wortes "Stamina").

Mein New York City Crossfit-Abenteuer


Hinzu kommen aufdringliche Youtube-Videos, an deren Ende jeweils ein oder mehrere Crossfitter gezeigt werden, wie sie theatralisch zu Boden gehen vor lauter Erschöpfung. Wie, um all die Ironmen-Triathleten, Freeclimber und Langdistanzschwimmer zu verhöhnen.
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    Ich bin jetzt eine von diesen Draufreingefallenen. Der Masochist in mir will gedrillt werden und das Herdentier in mir braucht die Gemeinschaft. Dafür spare ich mir meine Mitgliedsbeiträge vom Munde ab, trage Kniestrümpfe und bin fest davon überzeugt, dass es keinen Ort gäbe, wo ich mich so weiterentwickeln könnte wie in dieser umgebauten Garage. Ich brauche dieses Kribbeln im Bauch, während der Countdown zum WOD auf der Digitaluhr abläuft. Oder ich glaube zumindest, es zu brauchen.
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Irrationalität betrifft uns doch alle, sie ist Teil unseres menschlichen Daseins. Mal ganz ehrlich: Muss eigentlich wirklich irgendwer die Taufe empfangen, Kirchensteuer zahlen und sich jeden Sonntag auf eine harte Holzbank setzen, um Gott nah zu sein? Beten und glauben könnte man doch theoretisch auch für sich daheim. Kennt ihr Lessings Ringparabel? Welche Religion ist denn die richtige? Oder welche Sportart? Es kann keine Empfehlung für alle geben. Muss sich jeder Bodybuilder auf eine Stufe stellen mit diesen Youtube-Helden und 16-Jährigen-Hardcore-Justin Biebers? Ich bin so und so immer für gepflegte Abstufungen, für mindestens 50 Shades of Grey zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Bewundern und Verachtung.

Es lag mir schon immer fern, völlig unkritisch an Dinge heranzutreten. Manchmal frage ich mich schon, weshalb sie mich in ein WOD stecken, in dem ich die Olympischen Lifts auf Zeit ausführen muss, wo meine Technik doch immer noch jedem Kenner die Tränen in die Augen treibt. Oder warum sie nicht wenigstens einen Tag meine Schultern in Ruhe lassen. Oder auch einfach, warum ich da so viele Dollars auf den Tisch legen muss. Und ja: Ich weiß, dass Crossfit nichts komplett noch nie Dagewesenes ist!

Aber welche Beziehung ist schon perfekt? Irgendwie muss man seinem Partner doch immer hinterher räumen und komische Geräusche im Schlaf macht auch jeder. Mein Vertrag ist monatlich kündbar (bzw. es gibt gar keinen Vertrag, wir befinden uns schließlich in den USA). Ich wäre schon längst weg, wenn es hier nicht so schön wäre. Und ich doch nicht schon so viel gelernt hätte.

Ich zumindest für meinen Teil möchte lernen. Mich hat es massiv gestört, ungelenkig zu sein, keine Sprintkraft zu haben und bei sämtlichen Turnelementen zu versagen. Wem das keine schlaflosen Nächte bereitet, der darf Crossfit gern weiterhin als lästiges Übel der kommerzialisierten Neuzeit betrachten (und dies schreibe ich ohne jeden Ihr-werdet-schon-sehen-was-ihr-davon-habt-Unterton!, sondern voller ehrlichem Verständnis).

Die Diskussionen um Crossfit werden und sollen weitergehen. So wie es immer Diskussionen geben wird um den Effekt von Kohlenhydraten am Abend, den Zusammenhang zwischen Muskelkater und Muskelwachstum und die Vor- und Nachteile der EU für die deutsche Binnenwirtschaft. Unsere tagtäglichen Überlegungen sind geprägt von Pro und Contra-Abwägungen, die sich am Ende doch immer nur mit einem "eindeutigen Jain" beantworten lassen. Und selbst in dem Bewusstsein darum gehen wir ihnen mit Leidenschaft nach.

Es wäre nur wünschenswert, wenn die Debatten mit etwas mehr Offenheit und neutraler Herangehensweise geführt werden würden. Trainieren und trainieren lassen und so. Man kennt das ja. Am Ende soll sich niemand für seine Vorgehensweise rechtfertigen müssen. Am Ende eint uns nämlich doch alle diese eine Sache: Das Hinausgehen über die eigenen Grenzen, auf dem Weg zu neuen Zielen - und dieses Hinausgehen braucht keinen eigenen Namen.