Die Tage erschien der Artikel Bodybuilding – Quo vadis? in dem Frank die historische, wie auch die aktuelle Entwicklung des Bodybuildings in Frage stellte. Reduziert man den Artikel auf die elementarsten Aussagen, bleiben folgende Thesen:
  • Bodybuilding im Allgemeinen, speziell aber das Frauenbodybuilding haben sich des allgemeinen Verständnisses von Ästhetik so weit entfernt, dass sich das Randgruppendasein zunehmend verstärkt und der Sport in den Augen Außenstehender zur Freakshow verkommt.
  • Bodybuilding im Sinne einer athletischen Fortentwicklung findet nicht statt; im Gegenteil: Bodybuilding verhindert eine vielfältige Athletik.
  • Die angestrebten Extreme im Bodybuilding führen zu einer massiven Dopingproblematik.
Auf dieser oberflächlichen, gar plakativen Ebene teile ich Franks Meinung absolut. Doch lohnt es sich tiefer zu graben, denn dann eröffnen sich Sichtweisen, die diese Thesen nicht widerlegen wollen, sie jedoch in einem anderen Licht erscheinen lassen können.

Beginnen wir mit dem Aspekt der Ästhetik. Was ist ästhetisch? Alfred Rosenberg, seines Zeichens einer der führenden Ideologen der NSDAP schrieb hierzu in Mythus des 20. Jahrhunderts: "Die Ästhetik hat es unter anderem mit Geschmacksurtilen zu tun, d. h. sie fordert, dass ein Kunstwerk nicht nur einem Menschen gefalle, sondern "allgemein" Anerkennung finde. Das Suchen nach diesem allgemeinen Gesetz des Geschmacks hat die Köpfe seit Jahrzehnten erhitzt. Dabei ist eine Vorbedingung der Polemik missachtet worden: "Gefallen kann ein Kunstwerk nur, wenn es sich im Rahmen eines organisch umgrenzten Schönheitsideals bewegt. Der Anspruch auf Allgemeingültigkeit eines Geschmacksurteils folgt nur aus einem rassisch-völkischen Schönheitsideals und erstreckt sich nur auf jene Kreise, die bewusst oder unbewusst, die gleiche Idee von Schönheit im Herzen tragen."

Egal wie man über Rosenberg und seinen ideologischen Hintergrund denken mag, so ist dieses Zitat sehr treffend. Wie kann es einen homogenen Ästhetikbegriff in einer heterogenen Gesellschaft geben? Bei Peter Möller findet man folgende Aussage: "Ob wir etwas schön oder häßlich finden, hat – naturwissenschaftlich betrachtet – zumindestens teilweise etwas zu tun mit Mustern, die in uns gespeichert sind und mit denen wir unbewusst Äußeres vergleichen. Im Rahmen einer rein philosophisch-ästhetischen Reflexion ist kein Grund dafür zu finden, dass wir einen Busen oder Po schön finden. Schon unser nächster Verwandter, der Schimpanse, wird die – aus unserer menschlichen Sicht häßliche – Schimpansin vorziehen." Folgt man dem Gedanken, so ergibt sich, dass ein gewisser Anteil der Menschheit – aus welchen Gründen auch immer – riesige Muskelberge schön findet, ungeachtet der direkten Umgebung, die ihn sozialisiert.

Nach welchen Mustern diese Klassifizierung erfolgt, ist in der Wissenschaft bis heute nicht endgültig geklärt. Klar scheint, dass die Sozialisierung hier massiven Einfluss nimmt, doch entsprechend der obigen Aussage sind es nicht allein äußere Einflüsse, vielmehr scheinen auch andere, tiefer sitzende Muster zu definieren, was wir als schön, was wir als ästhetisch betrachten. Entspricht dieses Empfinden der gängigen Norm (welche selbst zeitgeschichtlichen Trends unterworfen ist, man denke an das weibliche Idealbild im Barock und heute), so trifft man auf allgemeine Zustimmung. Je weiter sich jedoch der eigene Geschmack von der Norm entfernt, desto mehr nähert man sich einer Position an, die von der Mehrheit als abnormal, oft gar als Perversion beschrieben wird. Doch ist es pervers große Muskelberge als ästhetisch zu bezeichnen? Ich möchte diese Frage an der Stelle unbeantwortet lassen, jedoch auf einen weiteren Faktor hinweisen: die positive Verstärkung durch das Umfeld.

Es ist allgemein bekannt, dass man dazu neigt sich ein Umfeld zu schaffen, dass die eigenen Werte und Ansichten (zumindest teilweise) teilt, so entstehen Subkulturen. Je exotischer die eigene Denk- und Handlungsmaxime ist, desto mehr wird man geneigt sein, sich mit Menschen zu umgeben, die diese teilen, sei es im realen Leben (in Fitnessstudios, auf Meisterschaften etc.) oder auch im virtuellen Leben (wie eben beispielsweise TEAM-ANDRO). Denn hier erhält man das, wonach man strebt: Anerkennung für die erbrachte Leistung. Anerkennung, die Außenstehende nicht geben, Anerkennung, die das eigene Handeln legitimiert, ihm einen Sinn gibt. So sehr manch einer auch schreiben mag, er tue das nur für sich, selbst wer davon wirklich überzeugt ist, der verdrängt nur das allgemeine Streben nach Anerkennung. Blaise Pascal formulierte dies so: "Das ganze Glück der Menschen besteht darin, bei anderen Achtung zu genießen." Oder mit den Worten von Lothar Schmidt: "Leistung allein genügt nicht. Man muß auch jemanden finden, der sie anerkennt." Was auch immer einen zum Bodybuilding gebracht hat, man wird nach Anerkennung für die erbrachten Mühen suchen, sei es bewusst oder unbewusst. Dies führt schnell in eine Spirale in der positive Resonanz als Bestätigung, negative Resonanz ebenfalls als Bestätigung aufgefasst wird: Wenn mich die breite Masse nicht gut findet, treffe ich genau den Geschmack meiner Subkultur.

Was passiert also hier? Menschen, die im Inneren einen Entwurf von Ästhetik tragen, der von der allgemeinen Norm abweicht, scharen andere um sich, die diesen Entwurf teilen und verstärken ihn so. Dies erlaubt dem Ästhetikbegriff immer extremer zu werden, sich immer weiter von der Norm zu entfernen, bis er für die Mehrheit die Grenze zur Perversion erreicht oder gar überschreitet. In diesem Sinne stimme ich Frank natürlich zu, doch stellt sich die Frage, ob es notwendig ist dem allgemeinen Konsens darüber, was Ästhetik nicht bedeutet (denn was es bedeutet, das ist eine Frage, welche kaum einheitlich beantwortet werden kann) Folge zu leisten. Muss Bodybuilding dem allgemeinen Ästhetikempfinden der Masse entsprechen? Wenn ja, wo zieht man da die Grenze? Nehmen wir den oft herangezogenen Frank Zane. Ist er noch ästhetisch? Ist er kein Freak? Und noch viel wichtiger: Wie wurde das zu seiner aktiven Zeit gesehen? Denn eines darf man nie vergessen, wir betrachten diesen Athleten aus der Retrospektive, aus einer Sicht, die Athleten wie Ronnie Coleman, Dorian Yates und Markus Rühl kennt.

Zu Zeiten Zanes waren diese jedoch nicht vorhanden. Zu Zeiten Zanes waren auch Arnold, Lou, Franco, Sergio und wie sie alle heißen in den Augen der großen Masse Freaks, nicht anders als heute die Cutlers, Greenes und Warrens dieser Welt. Denn eines wird bei dieser Debatte oft vergessen: Es fand eine massive Entwicklung, eine umwälzende Veränderung in der Bewertung von Athletik im Sport statt. In den 70er Jahren wäre kein Trainer der Welt auf die Idee gekommen, seine Fußballer in den Kraftraum zu schicken, ganz im Gegenteil. Heute ist das gängige Praxis, die natürlich auch das äußere Erscheinen der Spieler verändert hat. Der Durchschnittssportler des Jahres 2011 ist um ein Vielfaches muskulöser als der des Jahres 1961. Entsprechend erscheinen heute Bodybuilder der sogenannten goldenen Ära nicht als Freaks. Wie auch, wenn heute ein Weltklassesprinter kaum weniger muskelbepackt ist.

All das macht aus einem Nasser el Sonbaty kein Musterbeispiel für Ästhetik, man sollte es jedoch im Hinterkopf haben, wenn man die heutigen Athleten als Freaks abstempelt. Zumal auch das moderne Bodybuilding sehr ästhetische Athleten (aus der Sicht eines Bodybuilders) hervorgebracht hat. Man denke an Shawn Ray, an Kevin Levrone, an Flex Wheeler. Im Vergleich zu einem Frank Zane sind sie sicher Freaks, im Vergleich zu einem Ronnie Coleman fast grazil. Oder ist es vermessen, hierbei von Ästhetik zu sprechen.

Bodybuilding - Quo vadis?
preview

Dennoch muss sicher die Frage erlaubt sein, wohin die Reise führen soll. Masse und Härte um jeden Preis, selbst wenn hierfür Bewertungskriterien wie Proportionen und die vielbesungene Linie verloren gehen? Die Tendenz ist zu erkennen, die großen Shows der Szene werden schlicht mit Masse gewonnen, es dominieren Massemonster wie Yates, wie Coleman. An dieser Stelle muss sicherlich hinterfragt werden, ob es denn Sinn macht, diesen Weg immer weiter zu verfolgen, oder doch eher Athleten zu bestärken, die letztlich nur die Ästhetik eines Frank Zanes auf ein neues Level gehoben haben.

Besonders heikel ist dieses Thema immer im Zusammenhang mit den Frauen in unserem Sport. Noch viel massiver als bei Männern wird weiblichen Athletinnen jegliche Ästhetik abgesprochen. Muskeln sind ein Zeichen für Maskulinität, so ist der breite Konsens. Weiblichkeit und stahlharte Muskeln, das ist für den allergrößten Teil der Menschheit nicht vereinbar. Doch auch hier muss man den gesellschaftlichen Wandel im Hinterkopf behalten. Vor einigen Jahrzehnten war es undenkbar, dass Frauen Fußball spielen, heute feiern Millionen den Weltmeistertitel der Nationalmannschaft. Nicht auszuschließen, dass sich auch hier noch eine Entwicklung hin zu mehr Muskeln bei Frauen eröffnet, denn schaut man sich weibliche Athletinnen einer beliebigen Sportart von heute an und vergleicht sie mit solchen aus vergangenen Dekaden, so wird man eine massive Zunahme der Muskelmasse feststellen. Dennoch ist man sicher gut beraten sich Gedanken zu machen, ob es sinnvoll ist, im Frauenbodybuilding die gleichen Maßstäbe wie bei den Männern anzulegen, da der Weg dorthin für Frauen noch sehr viel größere Opfer fordert, als es bei Männern der Fall ist.

Und das bringt mich nun auch zu der nächsten These von Frank: die Dopingproblematik. Haben wir eine Dopingproblematik im Bodybuilding? Nein, nicht im Bodybuilding, im Leistungssport allgemein. Seit Menschen sich miteinander messen gibt es bei einigen die Suche nach der Möglichkeit der illegalen Verschaffung eines Vorteils. Dies ist zumeist der letzte Schritt, der letzte Schritt der getätigt wird, um sich in einem Wettkampf einen Vorteil zu verschaffen, nachdem alle anderen Wege ausgereizt sind. Und das erleben wir in allen Sportarten, je größer der Anteil der Athletik am Erfolg ist, desto massiver der Drang pharmazeutisch nachzuhelfen. Man kann das verwerflich finden, doch sollte man nicht vergessen, was für eine Geschichte dahinter steht. Ein fiktives Beispiel:

Athlet X hat seine komplette Kindheit und Jugend dem Sport geopfert. Partys, Trinkgelage, Mädchen – dafür war kein Platz. Jahrelang hat er sich geschunden, alles um am Ende durch Erfolg belohnt zu werden. Und dann stellt er plötzlich fest, dass er für den letzten Schritt Hilfe benötigt, Hilfe ohne die er seine Ziele nicht verwirklichen kann, Ziele die ihm von außen auferlegt wurde, aber auch Ziele, die er tief in sich trägt, die seine Identität bestimmen, ihn geformt haben. Soll er nun einfach aufgeben? Alles, wofür er immer gekämpft hat?

Diese Entscheidung ist nicht so leicht, wie sie viele immer hinstellen, das sieht man deutlich im berühmt gewordenen Goldman Dilemma. Zwischen 1982 und 1995 wurden im Rahmen von Umfragen unter Elitesportlern festgestellt, dass die Hälfte ein Präparat verwenden würde, dass ihnen sicher sportlichen Erfolg garantiert, sie aber definitiv in 5 Jahren sterben lassen würde. Als man 2009 eine Telefonumfrage mit 250 zufällig ausgewählten Australiern durchführte, welche dieselbe Frage stellte, waren es nur zwei Befragte, die diesen Deal eingehen würden. Es zeigt sich also eine deutliche Differenz zwischen solchen Menschen, die Jahre der Aufopferung für ein Ziel hinter sich haben und solchen, die diesen Hintergrund nicht kennen und auch nicht nachempfinden können.

Es gibt übrigens einen ganz anderen Bereich, in dem exakt das gleiche Phänomen aufzufinden ist: Eliteschulen und –universitäten, an denen die Zahl von Schülern/Studenten, die zu pharmazeutischer Hilfe greifen um Ihr Lernpensum zu bewältigen, immer mehr ausufert. Die Motive sind hier im Grunde exakt die gleichen. Wir sprechen nicht von einem Problem im Bodybuilding, wir sprechen von einem Problem in der Gesellschaft. Ich denke man sollte die Dopingproblematik allgemein, aber auch im Bodybuilding vor diesem Hintergrund etwas kontrastiver betrachten. Jedoch: Erschreckend ist, wie viele Hobbysportler, solche die keinerlei wettkampforientierten Ambitionen haben, solche die eine weitere typisch menschliche Eigenschaft bedienen: Faulheit. Frei nach François Marie Voltaire: "Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach Herrschaft, Reichtum und Vergnügen sowie einem starken Hang zum Nichtstun auf die Welt." Hier ist die Motivation zu pharmazeutischer Hilfe zu greifen schlicht die fehlende Bereitschaft sich anzustrengen.

Ich will Doping im Elitesport nicht rechtfertigen, doch habe ich vor der Entscheidung dieser Menschen pharmazeutisch nachzuhelfen weit größeren Respekt und kann es weit besser verstehen, als im Falle des Faulpelzes, der schlicht nach einer Abkürzung sucht, die möglichst bequem ist. Gefährlich ist es in beiden Fällen, das steht außer Frage. Und dennoch nehmen Millionen von Freizeitsportlern dieses Risiko in Kauf, sei es aus Unwissenheit (was schon dumm ist), oder aus Ignoranz (was noch dümmer ist). Warum? Klar, weil sie faul sind. Doch warum wollen sie überhaupt mehr? Die Antwort ist so simpel wie fundamental: Weil es der Natur des Menschen entspricht.

Im gleichen Maße wie er den Hang zur Faulheit in sich trägt, trägt er auch den Drang nach Fortschritt in sich (sie jeweiligen Ausprägungen differieren sicherlich von Person zu Person). Fortschrittsdenken ist es, was den Menschen antreibt, ohne ihn gäbe es keine Entwicklung. Das Vorhandene, das Erreichte, das wird schnell langweilig, es befriedigt den Drang nach Neuem, nach Besserem keineswegs. Höher, schneller, weiter – diese Maxime tragen alle Menschen in sich, die einen mehr, die anderen weniger. Darf das Haus etwas größer sein? Das Auto schneller? Der Mensch strebt nach mehr, immer mehr.

Ronald Inglehart hat das in seiner Theorie des Wertewandels mit einem (zugegeben nicht unumstrittenen) Dreistufenmodel dargestellt. Die erste Stufe stellt hierbei die vormoderne Gesellschaft dar, welche durch Mangel gekennzeichnet ist und daher als primäres Ziel die Sicherung der eigenen Existenz hat. Ist diese gewährleistet, hat man die zweite Stufe erklommen, welche Inglehart als moderne oder Industriegesellschaft betitelt. Nachdem das Überleben gesichert ist, strebt der Mensch nun danach, der Armut zu entfliehen, Wohlstand und die Sicherung desselben zu erreichen. Letztlich resultiert dies in der postmodernen Gesellschaft, welche primär durch das Streben nach Selbstverwirklichung definiert ist. Dies ist eine Erklärung für die zunehmende Verstärkung der Extreme. Solange die Menschen sich primär um Ihr Überleben kümmern mussten, war schlicht keine Zeit sich Gedanken um Dinge wie den Aufbau von immensen Muskelbergen zu machen.

Und noch eines geht mit dieser Entwicklung einher: Nicht nur die eigenen Grenzen, auch die anderer werden von Interesse. Was wäre eine Olympiade ohne neue Weltrekorde? Was Spitzensport ohne neue Spitzenleistungen? Hier zeigt sich die Bigotterie, die Scheinheiligkeit, mit der die breite Masse den Spitzensport verfolgt. Will man immer neue Bestleistungen? Sicher, aber wehe dem, der erwischt wird, hierfür nachzuhelfen, er kann sich dem Spott und der Verachtung sicher sein. Ist es nicht absurd? Ist nicht der Griff zu Dopingpräparaten die logische Konsequenz dieser Erwartungshaltung?

Niemand sollte die Moralkeule schwingen, der gleichzeitig immer neue Höchstleistungen erwartet. Der Unterschied zwischen Bodybuilding und anderen Sportarten ist hierbei schlichtweg die Vergleichbarkeit. Sieht man einen Schwimmer Rekorde pulverisieren, so ist das beeindruckend, doch hat man keinen Vergleich zur eigenen Leistungsfähigkeit. Erklimmt ein Radprofi nach Hunderten von Kilometern im Sprint eine steile Bergankunft, dann weiß man, dass man dies nicht schaffen würde, doch wie weit diese Leistung von der eigenen Leistungsfähigkeit entfernt ist, davon hat man keinen Schimmer. Sieht man jedoch einen Profibodybuilder, so genügt ein Blick in den Spiegel um die Differenz zu erkennen. Bodybuilding macht den Unterschied zum Normalbürger plastisch, greifbar. Und das macht es viel leichter herablassend auf unseren Sport zu zeigen. Doch ist das die Schuld des Sports?

Kommen wir zum Schluss, zu der letzten aufgeworfenen These: Bodybuilding hat sich von der Förderung der allgemeinen Athletik entfernt. Richtig, dem kann nicht widersprochen werden, sofern wir uns über Leistungssport unterhalten. Doch auch hier stelle ich die Frage: Ist dies ein Problem des Bodybuildings?

Spezialisierung ist ein gesellschaftliches Phänomen, ein Phänomen, welches durch die industrielle Revolution angetrieben wurde und zu einer Gesellschaft führte, die aus lauter Spezialisten besteht. In der modernen Gesellschaft kann kein Mensch mehr alle für ihn nötigen Aufgaben alleine erfüllen, zu komplex sind die Anforderungen geworden. War es früher ein Mann, der eine ganze Kutsche baute, sind es heute unzählige Fachkräfte, die jeweils nur einen kleinen Teil beisteuern, damit wir am Ende am Steuer unseres neuen Autos sitzen können. Der Sport hat diese Entwicklung kopiert. Leistungssport bedeutet Spezialisierung, das hat man vor allem in der ehemaligen UdSSR sehr früh erkannt.

Die berühmt gewordene DDR-Sportförderung bestand im Wesentlichen daraus, früh zu erkennen, für welchen Sport ein Kind ein Talent hat und es speziell hierin zu fördern. Es entsteht eine Trainingsphilosophie, die alles ausblendet, was dem Vorankommen in der eigenen Sportart nicht förderlich ist. Vor diesem Hintergrund einem Bodybuilder mangelnde aerobe Kapazitäten vorzuwerfen ist schlicht unfair. Doch auch hier ist eine Differenzierung zwischen Freizeitsportler und Wettkampfathlet angebracht. Wer nur zum Spaß trainiert, wer nur trainiert um fit zu bleiben, wer nur trainiert um einen sportlichen Körper zu haben, der sollte vielfältig trainieren. Wer jedoch Wettkämpfe bestreiten will, der muss sich irgendwann entscheiden, andere Komponenten der Athletik zu vernachlässigen oder gar ihnen zu schaden.

Quo vadis Bodybuilding? Eine schöne Frage. Muss man seitens der Verbände eingreifen? Muss man Richtlinien, Bewertungskriterien ändern? Muss man Kontrollen verschärfen? Eine schwierige Frage.

Ich beginne mit dem für mich leichter zu beantwortendem Punkt: der Frage nach schärferen Kontrollen. Haben schärfere Dopingkontrollen den Radsport vom Doping befreit? Kann man aufgrund schärferer Kontrollen davon ausgehen, dass Olympiaden weitgehend frei von Doping sind? Wer das glaubt, dem ist vor lauter Naivität nicht mehr zu helfen. Selbst wenn es "nur" um den sportlichen Erfolg ginge, wäre es in meinen Augen unmöglich den Sport vom Doping zu befreien, doch es geht um viel mehr, es geht um Geld.

Sport ist ein Business, ein Millionengeschäft. Und wenn man sich einmal anschaut, wie viel Geld im Spitzensport eingenommen wird und welche Mittel Anti-Dopingagenturen zu Verfügung haben, wird klar, dass man hier einen sinnlosen Kampf führt, der vielleicht medienwirksam ist und die breite Masse besänftigt, aber man kämpft mit stumpfen Waffen. Sollte man diesen Kampf dennoch führen, aufgrund von Prinzipien? Hier möge sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden.

Kommen wir zur zweiten aufgeworfenen Frage: Sollten die Verbände im Bezug auf das Reglement eingreifen? Das ist nicht nötig, das Reglement erlaubt nämlich durchaus andere Kriterien als pure Muskelmasse in den Vordergrund zu rücken. Ich möchte an dieser Stelle auf die Bewertungsrichtlinien des DBFV verweisen. Kein Wort davon, dass allein der Grad an Masse die Entscheidung bringen sollte. Es liegt also nicht am Regelwerk, sondern der Umsetzung.

Doch gibt man den Fans damit das was sie sehen wollen? Ich möchte mir hierzu kein Urteil erlauben. Kann man Bodybuilding gesellschaftsfähig machen? Ich bezweifle es. Bodybuilding ist eine Subkultur und wird eine Subkultur bleiben (es sei denn man fasst den Begriff weiter, doch das ändert nichts an der eigentlichen Sache). Und auch wenn die nationalen Meisterschaften heute vielleicht nicht mehr so gut besucht sind, wie in den 90ern, so hat uns doch gerade erst vor wenigen Wochen die wieder einmal gewachsene FIBO Power gezeigt, dass das Interesse ungebrochen ist, im Gegenteil es sogar wieder steigt. Und vor allem: Wohin soll Bodybuilding denn zurückkehren?

Zu Sandow? Park? Zane? Haney? Levrone? Wo liegt das Ideal begraben? Frank macht es sich hier leicht, er wirft eine - zugegeben durchaus berechtigte - Frage auf. Doch lässt er uns über seine Antwort im Unklaren. Quo vadis Bodybuilding? Ich warte auf Deine Antwort Frank.

Hinweis des Autors: Gerne bieten wir auch eine individuell auf euch zugeschnittene Betreuung an. Alle Informationen hierzu findet ihr unter www.ironhealth.de! Ihr habt Fragen? Dann kontaktiert uns doch einfach unter info@ironhealth.de!