Die diesjährige Fibo, die alljährlich in Köln stattfindende, europaweit größte Messe für Fitness und Bodybuilding, zeigte für den Geschmack einiger allzu deutlich die Entwicklungstendenzen der Szene auf. Während diese sogenannten "Fitness-Youtuber" Karl Ess, Tim Gabel und Co. von den Messebesuchern nahezu überrannt wurden, lümmelten (ehemalige) Weltstars der Wettkampf-Elite unbeachtet an leeren Ständen herum. Auch das allgemeine Publikum hatte sich nach Meinung vieler Beobachter zum Negativen entwickelt: Stringer, Tokyo Hotel-Haarschnitte und Körpergröße-minus-110 statt breiter Kreuze und Melonenwaden. Und eine ganze Randgruppe haut in die Tasten, um das Offensichtliche in Worte zu packen.
FIBO 2015: Das Ende der Bauchtasche
Zur Erinnerung: Lange Jahre war die FIBO, genauer die FIBO Power DIE Anlaufstelle für Bodybuildingfans aus ganz Deutschland und den umliegenden Nachbarländern. Mit großen Augen und heruntergefallener Kinnlade stand man dann erstmals vor seinen Idolen, realisierte wie brachial diese "Monster" im real life, wie man heute ja sagt, aussehen.Es war die Zeit, in der man in XXXL-Trainingshosen, Schlabberpulli und der obligatorischen Bauchtasche um die Hüfte die Stände nach den Größen der Szene abklapperte, stundenlang für ein Autogramm anstand, für das man dann auch noch bezahlen durfte. Verirrten sich Nicht-Bodybuilder in die geheiligten Hallen, musste man sie nicht mal mit halb spöttisch, halb bemitleidenden Blicken davon überzeugen, hier falsch zu sein. Das erkannten die von selbst und verzogen sich wieder in die Hallen, wo eben das andere Zeug gezeigt wurde, also die Hallen, durch die man auf dem Weg zur Toilette mal durchkam, wo es alles gab, was nicht hardcore war. Ja, so war das…die Welt war noch in Ordnung, jeder wusste, wo er hingehört.
2015 war aber nicht wie die Jahre zuvor. 2015 war anders. 2015 bedeutete eine Zäsur.Ein Trend, der online längst abzusehen war, bahnte sich nun mit aller Gewalt seinen Weg in die Offline-Welt: Fitness-Youtube übernahm die FIBO Power!
Der geneigte Bodybuilder kratzte sich noch verwundert an der Glatze und kramte eine Reiswaffel aus der Bauchtasche, standen ihm doch auf einmal Hunderte junger Männer und Frauen gegenüber, die so gar nicht waren wie er und seine östrogenbefreite "Frau".
Diese jungen Menschen sahen eher aus wie die Recall-Kandidaten von DSDS denn wie Bodybuilder. Und während unser Bodybuilder sich noch fragte, wie eine derartige Frisur physikalisch überhaupt möglich ist, begann das Drama seinen Lauf zu nehmen.

Maria, Maria I like it loud
Hätte man eine Umfrage unter den Besuchern der FIBO Power 2016 gemacht, wer zusammen mit Ronnie Coleman die meisten Sandows auf dem Kaminsims stehen hat, hätte man wohl nicht mehr als ungläubige Blicke und verständnisloses Kopfschütteln in den meisten Fällen nicht geerntet."Lee Haney…nie gehört. Ist der auf Snapchat?"
"Wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht sind die Stars der alten (und heutigen) Tage ja auf der FBIO…hier, direkt vor eurer Nase…zum Greifen nahe…"
"Ey, da ist Karl…" [Ende des Interviews]Eine Gruppe, für die Kai Greene halt ein Freak ist, sowas wie die Zwerge im Zirkus. Eine Gruppe, für die die Selbstvermarktung im Social Web darüber entscheidet, wem man sein Interesse schenkt. Eine Gruppe, die nicht nach Köln gegangen war, um den Superstars der Bodybuildingszene zuzujubeln, sondern um mit ihren Social Media-Stars zu feiern.
Laute Bässe, schreiende Menschenmengen, Ekstase pur auf der einen, gähnende Leere und Stars von gestern, die nicht so ganz fassen konnten, was da passierte, auf der anderen Seite.

Das hat mit Bodybuilding nichts zu tun
Wer im knallgelben Stringer erst mal den richtigen Booster nehmen muss, um in den #beastmode zu kommen und sich die wertvollen #gainz zu sichern, kann kein Bodybuilder sein. Denn Bodybuilder sind ja ein lustiges Völkchen: Toleranz für den eigenen Lifestyle (Moment, ist das nicht auch so ein Hipster-Wort…) einfordern, aber anderen Interessengruppen gegenüber keine Toleranz zeigen.Weil die das nicht verdient haben. Weil die ja noch nie was geleistet haben. Weil die ja den wahren Sinn von Bodybuilding verkennen. Oder vielmehr, weil die mehr Aufmerksamkeit bekommen? Weil die ihr Leben leben und es genießen? Weil die den wahren Sinn von Bodybuilding neu oder anders definieren? Wer weiß das schon so genau. Zumindest war die Welle der Empörung groß.

Die (wahre) Szene wollte vor allem eines: Diese Fitness-Hipster raus aus ihren Hallen. Sollen die doch irgendwo anders rumhampeln, beim Zumba oder beim Mutter und Kind-Turnen. Sollen sie da ihre komischen Klamotten kaufen und komisch aussehen…
[Gedankenpause, Satz wirken lassen, weiterlesen]
Wenngleich sicherlich nicht begeistert von dem sich verändernden Publikum, kamen jedoch einige Top-Athleten zu dem Schluss, dass man sich vielleicht auch an die eigene Nase fassen muss. Allen voran Markus Rühl, dessen Video-Kommentar am Freitag die Debatte in den sozialen Netzwerken erst so richtig ins Rollen brachte.
Doch nicht nur Markus schien zu begreifen, dass es nicht damit getan ist, auf die Besucher oder Fitness-Youtuber zu schimpfen. Dass erst die Untätigkeit der sportlichen Stars in den sozialen Netzwerken den Aufstieg der Youtuber ermöglichte. Auch Manuel Bauer äußerte sich im Anschluss an die FIBO 2015. Dabei stellte Manuel den Vorschlag zur Diskussion, Oldschool und Newschool räumlich zu trennen.
Soviel sei verraten: Dieser Vorschlag wurde nicht umgesetzt.
Auch 2016 werden die Hallen 10.1 und 10.2 einen bunten Strauß an Ständen beheimaten. Spannend wird die Frage, ob die alten Hasen was aus dem Vorjahr, eher den letzten Jahren gelernt haben.Erinnern wir uns nochmal an das letzte Jahr zurück: Wo war denn noch was los, wenn nicht bei den Youtubern?
An den Ständen, an denen Party war. Laute Musik, Stars zum Anfassen. Es ist nicht mehr damit getan, drei Bodybuilder an den Stand zu stellen und Riegel zu verkaufen. Die Besucher wollen unterhalten werden, wollen Party, ein Erlebnis. Sicher kann man sich über die allgegenwärtige Beschallung beklagen, sich fragen, was Rapper und Erotiktänzerinnen auf der FIBO zu suchen haben. Dann schaut man sich die Stände an, wo man diese antrifft und weiß es. Dort ist Stimmung!
Die Zeiten, in denen die FIBO ein reines sehen und gesehen werden war, sind vorbei. Die Besucher heute wollen mittendrin, statt nur dabei sein, wollen teilhaben. Für sie gleicht die FIBO einer großen Party, zu der all ihre Idole, aber eben auch sie geladen sind.

Auf neuen Wegen
Wir haben im letzten Jahr die Realität gezeigt und wurden dafür vehement kritisiert. "Solchen Typen darf man keine Bühne geben! ", "Ihr habt eure Wurzeln vergessen? " und so weiter.TEAM-ANDRO 2015, das schien nur noch Karl, Bob und Konsorten zu bestehen, so konnte man denken. Letztlich war dem nicht so. Letztlich gab es auch 2015 Bodybuilding vom Feinsten, plus Unterhaltung. Ulrike verwies in ihrem Artikel auf die Abonnentenzahlen von Youtube-Channeln diverser Szenegrößen. Schauen wir uns doch mal an, was in diesem einen Jahr passiert ist:
Channel | Abonnenten 16.04.2015 | Abonnenten 06.04.2016 | Differenz |
Karl Business Lifestyle | 50.000 | 46.400 | -3.600 (-7,2%) |
Karl Ess | 346.000 | 377.300 | +31.300 (+9%) |
Tim Gabel | 211.800 | 294.700 | +82.900 (+39,1%) |
Road to Glory | 54.000 | 74.500 | +20.500 (+38%) |
Markus Rühl | 10.000 | 74.150 | +64.150 (+641,5%) |
Dennis Wolf TV | 3.200 | 3.200 | 0 (seit 2013 inaktiv) |
Nehmen wir Dennis mal aus der Rechnung, da sein Channel seit 2013 inaktiv ist (Dennis aber dennoch einer der Athleten ist, die am meisten für ihre Popularität tun, dazu gleich mehr). Den mit riesigem Abstand größten Zuwachs konnte Markus Rühl verbuchen, ein Oldschool-Bodybuilder. Da kommt weder Tim Gabel, noch die Jungs von Road to Glory mit. Bei Karl scheint es sogar zu stagnieren, bzw. zumindest auf einem Channel rückläufig zu sein.
Was sagt uns das? Markus hat verstanden. Er hatte auf der FIBO noch angekündigt, künftig aktiver soziale Netzwerke zu bespielen und das mit großem Erfolg.
Nun war Markus schon immer beliebt und immer einer derjenigen Athleten, die auch 2015 von Fans belagert wurden. Daher hat er wohl verhältnismäßig wenig neue Fans gewonnen, vielmehr alte Fans animiert, ihm auch online zu folgen.
Dennoch sollte das ein klares Signal sein: Hardcore zieht auch 2016 noch, man muss die Fans aber abholen und kann sich nicht zurücklehnen und griesgrämig dreinblickend am Stand stehen und sich wundern, warum keiner zu einem kommt.
Das mag früher so gewesen sein, aber die Zeiten sind vorbei. Hoffen wir, dass sich 2016 mehr Athleten ein Beispiel an einem Markus Rühl, einem Dennis Wolf nehmen, die auch die Hundertste Frage geduldig und freundlich beantworten, für die Fans greifbar sind.
Schon 2015 haben wir, beinahe gebetsmühlenartig, erklärt, dass wir keinesfalls vom "rechten Weg" abgekommen sind, aber eben aufkommende Strömungen nicht ignorieren werden. Wir haben uns der "dunklen Seite" geöffnet und dafür viel Kritik eingesteckt. Vielleicht haben wir aber auch bei manchem für ein Umdenken gesorgt.
Genug von gestern
Zurück in Köln, April 2016, FIBO Power. Was erwartet euch?Auf jeden Fall das größte Treffen der #fitfam (Neudeutscher Oberbegriff für Bodybuilder, Kraftsportler und Fitness-Hipster) im deutschsprachigen Raum mit all seinen Facetten. Wenngleich der Hype um den ein oder anderen Youtuber nachgelassen zu haben scheint, kann man davon ausgehen, dass auch 2016 wieder Scharen von Fans an deren Stände strömen werden.
Gekommen, um zu bleiben – es ist nicht abzusehen, dass die FIBO wieder frei von dieser "Plage", wie oft zu hören war, ist. Und wenn es manch alteingesessenem Hardcore-Fan noch so sauer aufstoßen mag:
Der Trend scheint ungebrochen. Wir erwarten aber auch einen Ruck im Bereich der "alten Garde".Stillstand ist Rückschritt, das müssten spätestens seit 2015 alle Anbieter begriffen haben. Wer immer noch meint, mit Konzepten von anno 1990 richtig zu fahren, der wird noch mehr ins Hintertreffen geraten.
FIBO Power 2016, das wird eine laute, eine bunte, eine vielschichte Veranstaltung. Gefragt sind mehr denn je kreative Ideen, innovative Konzepte, das besondere etwas. Die Boxen noch lauter drehen und noch größere Titten, das alleine reicht nicht, wenngleich laute Musik und Titten durchaus ein Zugpferd sein werden.
Und wo wir gerade bei Titten sind: Natürlich wird es auch 2016 die berühmt-berüchtigten Rundgänge mit unserem Mr. M Steve Benthin geben.
Was wollt ihr sonst noch sehen? Worauf freut ihr euch? Was sollen wir für euch einfangen? Schreibt es uns in die Kommentare!
FIBO 2016 – wir freuen uns darauf!