Sucht Euch einen Wettkampf
Bevor Ihr damit loslegen könnt, an Eurem Kampfschrei zu üben und den Siegersex bei Eurer Freundin oder, falls Ihr keine habt, Nachbarin vorzumerken, solltet Ihr Euch darüber Gedanken machen, wo Ihr überhaupt starten wollt. Mit dem kleinen Powerlifting-Verbandsguide habt Ihr eine umfassende Übersicht an Verbänden, die in Deutschland Powerlifting-Wettkämpfe veranstalten und das Beste ist: Kreuzheben ist so beliebt, dass es inzwischen bei praktisch jedem Verband mindestens einen selbstständigen Wettkampf für diese Disziplin gibt und Ihr nicht zum schäbigen Bankdrücken genötigt werdet und Euch gleichzeitig vorm Kniebeugen drücken könnt.Während Ihr, wie Ihr sicherlich noch nicht im verlinkten Artikel gelesen habt (Verdammt, warum verlink' ich das Teil für Euch?), beim BVDK eine Vereinsmitgliedschaft benötigt und ein Start dadurch unnötig verkompliziert wird, müsst Ihr bei anderen Verbänden eine Einzelmitgliedschaft zahlen, während Ihr bei der GRAWA lediglich das Startgeld, das bei jedem Verband anfällt, auf den Tisch legen müsst.
Dazu muss jedoch gesagt werden, dass der klare Vorteil beim BVDK ist, dass es inzwischen neben der Deutschen Meisterschaft auch mehrere regionale Meisterschaften im Kreuzheben gibt. Wie dem auch sei, es gibt einige Möglichkeiten, dass Ihr Euren Gegner den Hintern versohlt!
Weightwatchers...
Bevor Ihr nun endlich an die Hantel dürft, wartet jedoch bereits die nächste Hürde: die Waage. Diese Etappe hat nicht den Sinn, Euch möglicherweise zu zeigen, dass Ihr die letzten Monate unbemerkt ein fetter Bastard wurdet und die Idee, das Geld für neue Batterie für die Waage lieber zu sparen, keine so gute war, sondern dient in erster Linie dazu, Eure Leistung im Vergleich zu anderen Teilnehmern in Relation zu setzen. Mehr dazu weiter unten.Je nach Verband sind die Bestimmungen auf der Waage mehr oder weniger streng. Beim BVDK wird beispielsweise darauf Wert gelegt, dass man im eng anliegendem Slip auf die Waage steigt. Das hat nichts mit gewissen Neigungen von bestimmten Personen zu tun, sondern dient dazu, zu erkennen, dass keine unterstützenden Unterhosen getragen werden. Auch dazu weiter unten mehr.
Nachdem nun das eigene Körpergewicht ermittelt wurde und Ihr festgestellt habt, dass Gummibärchen direkt nach dem Training sich auf die ersten Minuten und nicht Stunden nach dem Training bezogen, werdet Ihr nach Eurem ersten Versuch gefragt.
Auch wenn es einem selbst sehr beeindruckend erscheinen mag, wenn man zu der eigenen bisherige Bestleitung 10kg addiert und diese Zahl als Anfangsversuch angibt, so hat der Plan zwei mehr oder weniger bedeutende Fehler:
- Weiß vermutlich kein Arsch, dass Ihr so viel heben wollt, wie noch nie zuvor in Eurem Leben und die beeindruckende Wirkung wird sich stärker an Null annähern, als f(x)=1/x
- Habt Ihr zwar drei Versuche im Wettkampf, jedoch darf man nach dem ersten Versuch das Gewicht nicht mehr nach unten korrigieren
- Ice-Breaking-Versuch: Man hat ein Gewicht, dass man auf jeden Fall schafft und zieht davon 10kg ab. Dies ist das Gewicht für den ersten Versuch, mit dem man in den Wettkampf reinkommt, sich die Aufregung nimmt und man am Ende vielleicht mit kaputter Bandscheibe, aber auf keinen Fall ohne gültigen Versuch nach Hause gehen wird.
- Regulärer Versuch: Dieser liegt 10kg über dem ersten Versuch. In der Zwischenzeit sollten genug Starter an der Hantel gewesen sein, dass die Zeit zur Erholung lang genug war, um nun das Gewicht in die Wertung zu bringen, dass man bereits im Training bewältigte.
- All or Nothing: Hier kommt die Bandscheibe ins Spiel. Im letzten Versuch gilt es nun neue persönliche Rekord aufzustellen und gleichzeitig nicht aus falschem Ehrgeiz seine Gesundheit zu gefährden und somit Verletzungen zu vermeiden. Drei gültige Versuche sind toll. Zwei gültige Versuche sind bitter. Aber zwei gültige Versuche und eine kaputte Bandscheibe sind dämlich!
Des Kaisers neuen Kleider
Auch wenn Hans Christian Andersen den Kaiser noch ohne Kleider durch die Straßen laufen lies und dies von der Allgemeinheit anerkannt wurde, so sind die Kleidungsbestimmungen auf Wettkämpfen teilweise noch klarer, als im Fitnessstudio. Wer sich also im Eisentempel schon nicht traute die Shirtpflicht aufzuheben, sollte auch von einem Versuch bei seinem ersten Wettkampf absehen.Generell muss man zwischen raw und equipped Wettkämpfen unterscheiden. Unter "raw" versteht man einen Wettkampf ohne unterstützendes Equipment, wie die meisten es vermutlich ganz normal bereits im Studio ausführen. Ein Gewichthebergürtel ist erlaubt, Bandagen oder Anzüge dagegen nicht. Wer jetzt nur "Bahnhof, Koffer klaun!" versteht, kann beruhigt sein, die Erklärung folgt unverzüglich im nächsten Absatz.
Doch noch ein paar Worte zu raw-Wettkämpfen, die größtenteils auch für die andere Kategorie gelten: Generell gilt nach wie vor, was im zweiten Teil dieser Artikelserie über Kleidung geschrieben wurde. Kniestrümpfe sind nun allerdings in aller Regel Pflicht, zumal statt einer Hose ein eng anliegender Einteiler getragen wird. Manch ein Außenstehender mag dies als nicht so männlich empfinden, aber mal im Ernst: Was ist männlicher als eine Stange voll mit unglaublichem Gewicht zu bewältigen? Da ist es scheiß egal, ob selbst Batman das Outfit für zu gewagt halten würde. preview
Equipped Wettkämpfe
Bereits im zweiten Teil wurde Equipment fürs Kreuzheben, das beim Training genutzt werden kann, erwähnt. Der Gürtel ist dabei das einzige Equipment, dass auch bei raw-Wettkämpfen genutzt werden darf und durchaus empfehlenswert ist, da damit in aller Regel das ein oder andere Kilogramm mehr zu bewältigen ist. Griffhilfen sind dagegen im Wettkampfpowerlifting gänzlich verboten und werden durch Magnesia und den Kreuzgriff ersetzt, die allerdings erst im nächsten Teil thematisiert werden sollen.Kreuzhebeanzüge
Kreuzhebeanzüge sind Einteiler, die aus einem Nylon/Spandex-Material bestehen und möglichst eng am Körper getragen werden sollten. Der Anzug bringt durch sein unelastisches Material eine entsprechende Spannung vor allem im unteren Bereich der Bewegung und hilft so in diesem Bereich mehr Gewicht zu bewältigen. Der Teil, an dem die unterstützende Kraft des Anzuges geringer wird, nennt sich Lockout, der im nächsten Teil von All you need to know about... Kreuzheben noch einmal in den Fokus gelangen wird.Jeder, der schon einmal eine zu enge Jeans an hatte und dann versuchte in die Kniebeuge zu gehen, kennt das Gefühl, wenn der Stoff der Bekleidung so sehr spannt, dass man fast schon dagegen ankämpfen muss. Ähnlich muss man es sich bei einem Kreuzhebenanzug vorstellen. Wenn das Ding vernünftig sitzt, werdet Ihr Probleme haben, Eure eigenen Schnürsenkel zu binden. Dies mochte in Zeiten von Klettverschlüssen der ein oder andere bereits vor diesem Tag gehabt haben, aber nun kommt Ihr wenigstens noch nicht einmal an die Schuhe heran.
Entsprechend gilt die Faustregel, dass ein Kreuzhebenanzug, den man allein an bekommt, ganz einfach zu groß ist und Babypuder, Mülltüten und Slip Ons sind nicht selten notwendige Begleiter in den Trainingstaschen von Athleten, um den Kreuzhebenanzug selbst mit Hilfe anzuziehen.
Aufgrund der hohen Preise für neuwertige Anzüge der jüngsten Generation verzichten viele Athleten auf einen speziellen Kreuzhebeanzug und nutzen statt dessen ihren Kniebeugeanzug auch für diese Disziplin (mit der Option ihn umgekrempelt zu tragen). Wer jedoch das nötige Kleingeld bereit ist auszugeben, kann sich speziell Anzüge je nach Standart, die im dritten Teil der Serie aufgelistet wurden, auswählen. Wichtig ist dabei, dass der Anzug bei dem Verband, bei dem man starten möchte, zugelassen ist. Generell kann dazu gesagt werden, dass ein beim BVDK erlaubter Anzug auch bei anderen Verbänden getragen werden darf. Zum Teil stärkere Anzüge, wie sie bei der WPC beispielsweise getragen werden dürfen, hingegen nicht.
Die Leistungssteigerungen sind dabei jedoch auch nicht in solchem Maße, wie beim Kniebeugen zu erwarten. Bis zu 20kg sind eine übliche Grenze, mit der man rechnen kann, ich selbst konnte 2006 meine auf meinem ersten Wettkampf aufgestellte persönliche Bestleistung einen Monat später mit Hilfe eines Anzuges sogar um 30kg verbessern.
Weitere Equipment
Neben dem Kreuzhebeanzug und dem bereits in Teil 2 erwähnten Gürtel sind auch weitere Hilfsmittel denkbar.Zum einen wären da die aus dem Kniebeugen bekannten Wickelbandagen, die einen theoretischen Druck von unten bringen könnten, jedoch kann ich mich nicht erinnern, jemals einen Athleten mit solchen Bandagen gesehen zu haben. Anders dagegen haben ich bereits des öfteren von Athleten gehört, die auf Termobandagen auch beim Kreuzheben schwören. Weniger aus leistungssteigernden Gründen als viel mehr aufgrund der wärmenden Wirkung auf die Gelenke.
Handgelenkbandagen, wie sie beim Beugen und Drücken durchaus sehr sinnvoll sind, dürfen zwar beim Kreuzheben genutzt werden, haben aber lediglich einen möglichen psychischen Effekt und können somit in aller Regel bei den Kniebandagen in der Sporttasche bleiben.
Einige Athleten geben zudem dem Babypuder, das möglicherweise bereits am Anziehen des Anzuges Hilfestellung leisten konnte, eine weitere Verwendung, indem sie es auf die Oberschenkel verteilen. Der Gedanke dahinter ist, dass die Hantel leichter auf den Oberschenkeln nach oben rutschen könnte, wenn diese daran gelangt, wobei dies meiner Meinung nach eher unnötig ist, da ein bewusstes Unterstützen mit den Oberschenkeln ein Grund ist, den Versuch als ungültig zu erklären. Aber auch hier gilt wie in der deutschen Rechtssprechung: In dubio pro reo, so dass das Kampfgericht zur Ausführung das letzte Wort hat.
Durchführung des Versuches
Nachdem man nun umfassend eingekleidet ist und sich bereit fühlt, es Jorkel Ravndal gleich zu tun, geht es auf die Wettkampfplatzform.In aller Regel hat man ab dem Augenblick, dass die Hantel freigegeben wird, eine Minute Zeit seinen Versuch durchzuführen. Jeder Versuch, die Hantel nach oben zu bewegen, wird als Beginn gewertet, ab dem die Aufwärtsbewegung zwar stocken, aber nicht durch mögliche Abwärtsbewegungen unterbrochen werden darf. Die Bewegung, die ausführlich im ersten Teil dieser Artikelserie betrachtet wurde, gilt als beendet, sobald der Athlet mit durchgestreckten Knien und nach hinten gezogenen Schultern da steht.
Erst dann gibt der Kampfrichter das "down"-Signal und der Heber darf die Hantel ablassen. Wichtig ist dabei, dass die Hantel nicht fallen gelassen, sondern nach unten geführt wird, auch wenn dies zügig erfolgen darf.
Auch wenn das Ganze relativ einfach klingt und Kreuzheben zugegeben am wenigsten Anspruch an den Athleten stellt, was eine wettkampfgültige Ausführung betrifft, so gibt es doch einige Punkte, die dazu führen können, dass der Versuch als ungültig deklariert wird.
Neben dem nach hinten ziehen der Schultern, das oftmals ein entscheidendes Problem werden kann, wurde das Nachschieben mit den Oberschenkel bereits weiter oben thematisiert. Das Fallen lassen ist weiterhin ein Problem, wobei ich persönlich in der Praxis mehrfach erlebt hatte, dass in diesem Punkt ein Auge zugedrückt wurde – in drei verschiedenen Verbänden.
Wertung
Hat man den Versuch gültig in die Wertung gebracht, wird es spannend, was die Konkurrenz so bewegt hat. Nachdem man vor dem Wettkampf gewogen wurde, wurde man in eine verbandsübliche Gewichtsklasse gesteckt, innerhalb derer das eigene gezogene absolute Gewicht in Relation zu den anderen Wettkämpfern gesetzt wird.Lediglich in der GRAWA findet eine Sonderregelung statt, indem ähnlich wie bei kleineren Wettkämpfen im Gewichtheben vom bewältigten Gewicht noch das eigene Körpergewicht abgezogen wird, so dass es innerhalb einer Gewichtklasse damit durchaus vorkommen kann, dass ein Sportler weniger Gewicht bewegt und dennoch vor einem Kontrahenten platziert wird.
Ansonsten spielt ein Gewichtsunterschied innerhalb einer Gewichtsklasse lediglich beim gleichen bewegten Gewicht eine Rolle.
Interessant wird es dann noch einmal in der Relativwertung. Dafür wird das bewegte Gewicht nach einem detaillierten Schlüssel mit einem Koeffizienten, der von Gewicht und Geschlecht abhängt, multipliziert und das Ergebnis in Relation zu allen Sportlern über die Gewichtsklassen hinaus gestellt. Die bekannteste Tabelle dürfte dabei die Auflistung des australischen Powerlifters Robert Wilks sein, der die nach ihm benannte Wilks-Tabelle entwarf.
Die GRAWA und die WPC werten dagegen nach der Reshel-Tabelle und die WDFPF nutzt die Schwartz/Malone-Formel, wobei die Schwartz-Tabelle für Männer und die Malone-Tabelle für Frauen genutzt wird.
Letztendlich haben aber all diese Tabellen den gleichen Sinn: Den relativ stärksten Teilnehmer zu ermitteln.
Ausblick auf den nächsten Teil
Dies soll der fünfte Teil von All you need to know about... Kreuzheben gewesen sein, der dem Leser den wettkampfmäßigen Ablauf vermitteln sollte. Ihr wisst ja, die Antwort auf die Frage "Was hebst Du?" ist nur legitim, wenn sie auf einem Wettkampf gegeben wurde.Im nächsten Teil wollen wir uns Möglichkeiten anschauen, wie die Griffkraft trotz des Wegfalls von Griffhilfen auch im Wettkampf gesichert wird. Zudem soll thematisiert werden, welche Vor- oder Nachteile die verschiedenen Standbreiten des Kreuzhebens im Wettkampf haben können und wir beschäftigen uns mit der Frage, warum die immer weiter steigenden absoluten Kreuzheberekorde immer nur im klassischen Stil gehoben wurden.