Der Kebs-Atlas und die China Study

Die ursprüngliche China Study, die Campbell wie beschrieben als Krebs-Atlas betitelt, kam somit zur rechten Zeit. Streng genommen haben die chinesische Studie und Campbells Ratten nicht viel gemeinsam. Campbell vergiftete, wie wir gesehen haben, im Labor Ratten und schaute, wie schnell er Krebs wachsen lassen kann. Die Chinesen wiederum führten eine groß angelegte sozialstrukturelle Befragung durch, die vermutlich am ehesten mit dem Mikrozensus in Deutschland zu vergleichen ist. Ergebnisse daraus würde auch niemand als Grundlage für seine Rattenforschung heranziehen.

Aber wer stirbt, hat unter Umständen auch Krebs gehabt und so wurde in der ursprünglichen chinesischen Studie offensichtlich auch dieser Punkt statistisch erhoben. Eine Krebsstudie war es aber nicht.

Dennoch erlangte die Erhebung Campbells Aufmerksamkeit, da die die Krebsrate in China ganz offensichtlich geringer war, als in den USA. Ein paar Gedanken dazu jedoch erst später, bleiben wir zunächst beim Buch.


Fett und raffinierte Kohlenhydrate

Nachdem der gedankliche Einstieg zum Buch eine Kritik am tierischen Protein war und die Rattenstudie schließlich tierisches und pflanzliches Eiweiß verglich, schwenkt Campbell nun auf Fett als Sündenbock um. Das ist extrem bemerkenswert. Über lange Passagen hinweg findet Protein zunächst keine Erwähnung mehr. Stattdessen arbeitet er Folgendes heraus:
"Was zeigt die China Study bezüglich dieser Risikofaktoren? Höhere Mengen Nahrungsfett sind mit höheren Blutcholesterin assoziiert, und beide dieser Faktoren sind zusammen mit höheren Spiegeln weiblicher Sexualhormone wiederum mit erhöhtem Auftreten von Brustkrebs und der Menarche [Anmerkung: Einsetzen der ersten Menstruation] in jungem Alter assoziiert." – Seite 87
Nach einem kurzen Loblied auf die Ballaststoffe, das in aktuellen Büchern zur Biochemie deutlich gemäßigter formuliert wird – das Buch ist nun auch bereits vor über 10 Jahren erstmals erschienen – kommt der Autor zur "Wahrheit über Kohlenhydrate".

Was zunächst komisch wirkt, da Protein doch der Sündenbock sein soll, ist nur das zwangsläufige Ergebnis der Argumentation. Wenn es schon kein tierisches Protein sein soll (Pflanzen haben rein prozentual einfach nicht sonderlich viel Protein) und auch Fett nicht gut ist, bleiben nur noch Kohlenhydrate und Schnaps. Alkohol spielte allerdings lediglich bis Anfang des 20. Jahrhunderts in einzelnen Wunderdiäten eine positive Rolle, so dass nur noch die Carbs übrig bleiben.

Raffinierte Kohlenhydrate – die kleinen Schlingel

Nachdem Campbell den damaligen Hype um LowCarb-Diäten kritisierte, fasst er die Ernährungssituation der USA zum damaligen Zeitpunkt kurz und prägnant zusammen:
"Unglücklicherweise konsumieren die meisten Amerikaner riesige Mengen einfacher, raffinierter Kohlenhydrate und dürftige Mengen komplexer Kohlenhydrate." – Seite 98-99
Und weiter:
"[...] so wird deutlich, dass die Amerikaner sich beinahe ausschließlich mit raffinierten, einfachen Kohlenhydraten vollstopfen […]" – Seite 99
Streng genommen hat sich Campbell an diesem Punkt selbst entwaffnet. Die vollkommene Kapitulation folgt umgehend:
"Chinesen sind viel aktiver als Amerikaner […]." – Seite 100
Damit sind wir schließlich beim eigentlichen Problem der immer wiederkehrenden Diskussionen angekommen.

You can put lipstick on a pig, it's still a pig!

Niemand wird darüber diskutieren, dass fette, scheiße fressende Menschen vermutlich deutlich eher krank werden, als körperliche aktive Personen, die hauptsächlich unverarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen. – Das möchte man zumindest glauben. Dennoch wird dieser Punkt immer wieder bei veganen Grabenkämpfen übersehen.

Dazu kommt eine geradezu fahrlässige Reduktion der Komplexität. Obwohl Campbell schreibt
"Je mehr wir glauben, dass ein einzelner Bestandteil ein ganzes Nahrungsmittel ausmacht, desto mehr verirren wir uns in Schwachsinn." – Seite 107
macht auch er genau das und reduziert tierische Lebensmittel auf den Bestandteil tierisches Protein. Zu Beginn des Buches sogar explizit am Beispiel der Milch, die als Pfütze bezeichnet wird, wenn das Protein weggedacht werden würde.

Nachdem ich im Vorfeld einiges zu dieser Studie aus beiden Lagern gehört und gelesen hatte, weiß ich nicht, ob ich Campbell für einen Schizophrenen oder einen geschickten Autoren halten soll, der es schafft, dass die in den insgesamt drei Teilen dargestellten offensichtlichen Punkte dem Großteil seiner Leser nicht ins Auge springen.

Meinen zweiten Beutel Whey setze ich darauf, dass Veganer, die sich von Keksen und Kokosöl-Dosen ernähren und sich keine 1000 Schritte am Stück bewegen, verdammt schlecht bei der Untersuchung der körperlichen Gesundheit abschneiden werden, wenn die andere Gruppe körperlich aktiv ist und eine ausgewogene Ernährung inklusive tierischem Protein nutzt.

Verlege ich nun meine körperlichen Aktiven sogar noch in das ländliche China der 1980er dürften die medizinischen Methoden dort schlecht genug sein, dass ein Großteil möglicher Krankheiten noch nicht einmal erkannt werden. – Unter dem Aspekt wäre dieselbe Erhebung mit einem Vergleich zu Kuba zur damaligen Zeit interessant und aussagekräftiger gewesen.

Die Leiden des (nicht mehr ganz so) jungen C.

Wie bereits im ersten Teil angeführt, bringt Campbell die ein oder andere Anekdote aus seinem Leben mit ins Spiel. Mit Ende von Kapitel 1.4 und dem damit auch eigentlichen Ende des Buches, da die namensgebende Studie im weiteren Buch keine relevante Rolle mehr spielt, liefert uns Campbell tatsächlich noch des Pudels Kern:
"Vor 15 Jahren hörte ich auf, Fleisch zu essen. […] ich bin jetzt körperlich fitter als mit 25 Jahren und wiege 45 Pfund weniger (ca. 20,5 kg) als mit 30 Jahren." – Seite 108
Beim Lesen dieser Passage hätte ich nicht genügend Essen können, um A) so viel zu kotzen, wie ich gewollt hätte oder B) solche körperlichen Dimensionen zu erreichen.

Ich bin knapp über 30 Jahre alt und könnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wie viel ich fressen müsste, um ganze 20 Kilogramm Übergewicht aufzubauen. Ein anderer Ausdruck ist dafür nicht zu finden.

Natürlich wird es geradezu unmöglich sein, diese Ausmaße mit einer rein veganen, möglichst unverarbeiteten Ernährung zu erreichen. Aber das ist in etwa so, als ob ein Alkoholiker mich vor dem Verzehr einer einzelnen Mon Cherie Praline warnen würde.

Das ist keinesfalls kreativ oder gar neu: Wie auch bei Campbell ist die Geschichte der Ernährung voll mit einer schier unüberschaubaren Anzahl an Personen, die ihre Fettleibigkeit mit Hilfe einer radikalen Ernährungsform in den Griff bekamen und diese anschließend als den heiligen Gral durchs Land trugen. – Wenn ein paar Taler dabei abfielen, um so besser. Sonst würde man sich an die meisten heutzutage auch gar nicht mehr erinnern.

Ob Fleisch mit Wein, Trinkkuren, Grapefruit Diät oder weiß der Teufel was. – Die Geschichte lehrt uns, dass praktisch alles schon dagewesen ist.


Radikalität: (K)Ein veganes Problem

Was die radikale Verteidigung des eigenen heilbringenden Konzepts angeht, so ist dies auch keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Der Arzt George Cheyne, der als einer der ersten Mainstream-Veganer betitelt werden könnte, verglich bereits den Verzehr von Menschenfleisch mit dem von Tierfleisch und wird noch heute von einigen veganen Verfechtern zitiert.

Cheyne soll gemäß den Recherchen von Anja Dostert um die 200 Kilo auf die Waage gebracht haben und hatte ähnlich wie Campbell erfolgreich mit der veganen Ernährung abgenommen und diese im Anschluss als die Lösung der Ernährungsprobleme angepriesen. Wenn man nun bedenkt, dass dies über 300 Jahre her ist, stellen sich Campbells Ausführungen noch nicht einmal als besonders kreativ dar.

Die Chinesen vom Land hatten im übrigen dennoch ein Leberkrebsproblem, wie Campbell einräumte, ohne den Widerspruch zu seinen bis dahin aufgestellten Schlussfolgerungen anzusprechen. Das Ganze wurde vielmehr mit der starken Verbreitung von Hepatitis B relativiert. Die leucinarme Ernährung war somit keinesfalls der Garant für unendliches, krebsloses Leben.

Campbell gibt die Antwort selbst... und sie ist nicht vegan!

Campbell ist kein Idiot. Sein Buch ist meist vorsichtig formuliert, so dass bestimmte Zusammenhänge viel mehr suggeriert und von diversen Lesern hineininterpretiert werden.

Die letzten drei Viertel, und damit der Großteil des Buches, haben, wie bereits angeführt, nichts mehr mit den genannten Erhebungen zu tun. Vielmehr wird auf heute weit verbreitete Krankheiten eingegangen und das Thema Lobbyismus in der in früheren Teilen erklärten Form veranschaulicht.

Campbell schreibt selbst:
"Allen diesen Erkrankungen, und vielen anderen, liegt dieselbe Ursache zugrunde: Eine ungesunde, größtenteils toxische Ernährungs- und Lebensweise, die einen Überschuss von krankheitsfördernden Faktoren und einen Mangel an gesundheitsfördernden Faktoren aufweist […]" – Seite 115
Der Fehler ist, dass Campbell den Schuldigen lediglich in der "westlichen Ernährung" sucht, wie er schlussfolgert, und diese wiederum auf tierisches Protein beschränkt.

Wessen einzige körperliche Aktivität aus dem Grillen fetter Schweinehälfte besteht, wird mit großer Wahrscheinlichkeit über kurz oder lang gesundheitliche Probleme bekommen. Aber das hat nichts mit einer tierischen oder pflanzlichen Ernährungsweise zu tun.

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Bilder: Robert Cause-Baker | Paul Downey

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