Forscher würden Ratten nutzen
"Studien konnten belegen, dass Ratten..." – so, oder so ähnlich müsste so mancher Beleg ominöser Supplement-Artikel, aber auch anderer "wissenschaftlich begründeter" Texte eigentlich begonnen werden. In der Realität ist dies nicht immer der Fall, was nichts daran ändert, dass Mäuse und Ratten beliebte Untersuchungsobjekte sind.Die Ursachen sind vielfältig. Der Lebenszyklus ist überschaubar, die Kosten gering, die Reproduktionsrate dieser Arten hoch und ein Teil des Erbguts entspricht dem des Menschen. Darstellungen wie "nah verwandt", "ähnlich" oder andere Formulierungen sollten dabei mit Vorsicht genossen werden. Genetisch trennten sich die Wege bereits vor gut 90 Millionen Jahren. Für Geologen vielleicht ein verschwindend kleiner Zeitraum. Wer sich jedoch nicht nur für Gesteinsbrocken interessiert, wird sich mit mir darüber einig sein, dass es eine verdammt lange Zeit ist.

Weiterhin sollte bei der "Ähnlichkeits-Argumentation" darüber nachgedacht werden, dass Schweine-DNA sogar zu 90 % mit dem Menschen übereinstimmt. Wir haben uns als Kinder vielleicht auch mal im Sandkasten dreckig gemacht, aber einen Ringelschwanz hat hoffentlich niemand vorzuweisen.
Während man vor gut einem Dutzend Jahren noch glaubte, dass Mäuse- und Menschen-DNA zu 99 % identisch wären, mussten die Zahlen nach neusten Erkenntnissen deutlich unter das Schwein korrigiert werden. Während uns Mäusegene zur bewussten Wahrnehmung gewisser Gerüche fehlen, dürften Mäuse weniger Probleme mit Netzhauterkrankungen haben. Unser Genpool ist eben doch recht unterschiedlich.
Klingt absurd, aber absurd sind eigentlich die Diskussionen, wenn man Forschungsergebnisse aus Laborversuchen an Ratten und Mäusen auf den Menschen als gesicherte Erkenntnis übertragen will. Wenn man dann noch bedenkt, dass Ratten- und Mäuse-DNA zum Teil gezielt manipuliert wird, um gewisse Effekte zu verstärken, wird man den nächsten Supplement-Artikel vielleicht zweimal lesen.
Die Forschung mit Ratten und Mäusen hat also in erster Linie praktische, aber auch ethische Gründe: Wenn einzelne Personen darüber philosophieren, dass Kinder beispielsweise zu Ernährung XY greifen würden, wenn ihre Eltern sie nicht anders erziehen würden, so sind das schlicht Mutmaßungen, die aus forschungsethischen Gründen nicht überprüft werden können. Mit Ratten und Mäusen würde dies generell kein Problem darstellen.Vor knapp 100 Jahren sah das die Kinderärztin Clara Marie Davis entspannter, aber spätestens mit dem historischen Negativbeispiel Josef Mengeles ist die gesamte Welt auch fernab der Grenzen, die Mengele überschritt, sensibilisiert.
Aus diesem Grund wird Grundlagenforschung an Ratten und Mäusen durchgeführt und genau so ist auch der Einstieg von Campbell in seinem Buch. Nachdem der Leser erfährt, dass Campbells Vater Milchbauer war und an einem Herzinfarkt verstarb und Campbell die üblichen Geschichten, die in jede Veganismusdiskussion gehören, präsentiert (Wir schauen uns das Ganze erst weiter unten an!), stellt er seine Krebs-Forschung dar, die den Ursprung für die durch ihn durchgeführte China Study legte.
Bemerkenswerterweise steigt Campbell auch hier mit einem Kommunikationstrick ein, deren Funktion oben dargestellt wurde. Die Nitrite-Hotdog-Geschichte der 1970er: Damals erlangte es in den USA große Aufmerksamkeit, dass Nitrite in Wurst vorkommen würden.
Dazu muss man wissen, dass Nitrite chemische Verbindungen sind, die eine Nitritverbindung, also NO2, beinhalten. Die E-Stoffe E 249 und E 250 stehen für Kalium- bzw. Natriumnitrit und finden in der Wurstproduktion übliche Verwendung.
Aus diesen chemischen Stoffen können sich mit Nahrungsprotein Nitrosamine bilden, die als krebserregend gelten. In Rattenexperimenten starben nun bis zu 100 % der Versuchstiere an Krebs, was für entsprechende Aufruhr sorgte.
Campbell relativiert dies an dieser Stelle jedoch absolut richtig:
Das ist in etwa so, als wenn ich in möglichst vielen Orten feststellen will, ob es diese Woche dort regnet und mich lediglich auf meine Beobachtungen verlassen kann. Würde ich warten, bis tatsächlich Tropfen kommen, würde dies sehr lange dauern und ich könnte in der Woche nur wenige Orte überprüfen. Reicht mir dagegen die Beobachtungen von dunklen Wolken, kann ich schnell weiter reisen. Ich muss nur verschweigen, dass mich jeder Philosophiestudent nach Beendigung seiner Logik-Vorlesung im ersten Semester darauf aufmerksam machen würde, dass diese Schlussfolgerung lediglich auf Annahmen beruht.Doch schauen wir uns die Untersuchung weiter an.
Im Rahmen des Experiments gab Campbell den Tieren zunächst Kasein, ein relativ vollständiges Protein, das wiederum verstärkt zur Entwicklung der Foci führte. Im Anschluss verglich Campbell die Ergebnisse, wenn statt Kasein Soja- oder Weizenprotein genutzt wurde und stellte fest, dass diese nicht annähernd zu den gleichen Ergebnissen führten: Der Krebs in den Ratten wuchs nicht.
Was Campbell nicht erwähnt: Eine der wichtigen Aminosäuren für das Zellwachstum, die vom Körper auch nicht hergestellt werden kann, stellt Leucin dar. Dieses wiederum ist in Soja- und Weizenprotein in deutlich geringerem Anteil als in Kasein vorhanden. Dass eine isolierte Leucin-Gabe wiederum Krebs schneller zum Wachsen bringt, wurde inzwischen mehrfach dargestellt. – Auf der anderen Seite wäre es natürlich zu einfach, Krebswachstum nur auf den Faktor Leucin zu minimieren. Dann hätte Walter White kein Meth kochen, sondern einfach nur an der Porree-Stange knabbern müssen.
Zu Campbells Verteidigung muss man sagen, dass seine Rattenstudie Anfang der 1980er erschien. Wenn er sich dieser Aspekte bewusst gewesen wäre, hätte er jedoch den Vergleich zum Erbsenprotein herstellen müssen, welches wiederum genauso viel Leucin enthält wie Kasein (etwas mehr als 8 g Leucin je 100 g Protein). Berücksichtigt man die aktuellen Erkenntnisse bezüglich des Krebswachstums, würde ich einen Beutel Whey darauf setzen, dass pflanzliches Erbsenprotein zu denselben Ergebnissen geführt hätte wie tierisches Kasein-Protein.
Und somit bleibt als einzige Erkenntnis aus dieser Rattenstudie aus den 1980ern:

Aflatoxin ist ein Pilzgift, von dem unbestritten gilt, dass es bei entsprechenden Dosierungen Leberkrebs auslöst. Die Ratten waren also nicht gesund, sondern vereinfacht gesagt bereits infiziert.
Streng genommen hat die Rattenstudie damit folgende Aussagekraft: Wenn Glut vorhanden ist (Aflatoxinbelastung) führt Spiritus (Leucin) zu Feuer, Sand (Weizen und Soja) dagegen nicht. – Diese Verbildlichung ist übrigens doppelt anschaulich, wenn man schon einmal Weizenprotein getrunken hat.An dieser Stelle sollte der aufmerksame Leser verwundert sein, dass Campbell scheinbar Methodiken nutzt, die er zuvor zum Teil im Buch hinterfragte. Rhetorisch betrachtet handelte es sich bei der Rattenstudie lediglich um einen kleinen Kunstgriff.
Kurz gesagt wurde die Botschaft
tierisches Protein = Krebs suggeriert. Kritische Leser werden allerdings ebenfalls zum Abschluss von Kapitel 1.3 wieder "abgeholt". Campbell kommt nicht umhin, zu betonen, wie wichtig diese Forschungsergebnisse wären, geht aber ebenfalls in die Offensive, dass es Humanstudien benötige, um diese Ergebnisse für den Menschen zu bestätigen.Das Ethik-Problem
Damit sind wir am bereits oben angeführten Punkt angekommen. Die 1:1 Übertragung dieser Studie auf den Menschen ist schlichtweg nicht möglich. Man stelle sich vor, das Studiendesign würde die gezielte Intoxikation mit Pilzgiften vorsehen und die Erwartung der Forscher wäre, dass die Kasein-Gruppe bis zum Ende der Studien komplett vom Krebs dahingerafft worden sei.Sind wir uns einig, das kann nicht machen! Aus diesem Grund nutzt Campbell einen kleinen Trick...
Bilder: Jason Snyder | Jean-Etienne Minh-Duy Poirrier
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