Der Veganismus hat ein Problem. Er ist hip, ethisch korrekt und wird sich aktuell nicht über eine mangelnde Anhängerschaft beklagen können. Dennoch gibt es einen Punkt, den man drehen und wenden kann, wie man möchte, mit dem sich aber jeder vegane Krieger auf seinem Kreuzzug im fleischfressenden Abendland auseinander setzen muss: das Protein. Es ist Tatsache, dass naturbelassene vegane Lebensmittel einen geringen Anteil an Protein haben, der sich nicht wegdiskutieren lässt. Bleibt also nur die Offensive!

Tierisches Protein ist scheiße!

So oder zumindest in abgeschwächter Form lautet daher stets die Botschaft, die im Rahmen von (v)erbitterter Überzeugungsarbeit mehr oder weniger charmant an den Leser gebracht wird. Je nach Zielgruppe, wird diese Thematik mit ethischen, politischen und schließlich polemischen Argumenten gefüttert, um letztendlich immer wieder zu derselben Message zu gelangen:
Tierisches Protein ist die Wurzel allen Übels.

In dieses Horn bläst auch Colin Campbell, Autor des Bestsellers China Study – Die wissenschaftliche Begründung einer veganen Ernährung.


Doch halt, Campbell geht einen vermeintlich anderen Weg: Während manch veganer Autor vor dem Verzehr von (kiloweise) Huskyleber warnt, ist Campbell bis an die Zähne bewaffnet. Eine Vielzahl an aufgeführten Studien erwecken beim Leser den Eindruck hier ein fundiertes Sachbuch vor sich zu haben.

Wissenschaft, so steht es schließlich auch im Untertitel, wobei man zur Verteidigung von Campbell sagen muss, dass dies eine Andichtung seines deutschen Verlages ist. Das englische Original wirbt viel mehr mit einer umfangreichen Studie zum Thema Ernährung. Vom Veganismus oder gar der wissenschaftlichen Begründung einer vegangen Ernährungsweise ist auf dem englischen Cover nichts zu lesen.

(K)Ein Fachbuch

Zunächst sollte daher richtig gestellt werden, dass die China Study weder "wissenschaftliche Fachliteratur", noch ein Sachbuch ist. Das Zitieren von Quellen würden schließlich auch einen Aufsatz über das schönste Ferienerlebnis nicht zu einer akademischen Facharbeit machen.
Wer sich das Buch kauft, bekommt vielmehr eine Ansammlung von Lebensanekdoten des Colin C.
Henning Ahrens legte einst einem seiner Romanfiguren den Satz "Über sich selbst, man schreibt immer über sich selbst." in den Mund. Wer diesen Punkt überschreitet, hat die Grenzen des wissenschaftlichen Arbeitens hinter sich gelassen.
Campbells Werk ist also mehr Belletristik als Sachbuch, was zugegeben geschickt dargestellt ist und mit Hilfe kommunikativer Taschenspielertricks sicherlich auch den ein oder anderen Skeptiker zu überzeugen vermochte.

Campbell trifft den Zahn der Zeit, vermittelt mit anekdotischen Geschichten ein Gefühl den Leser mit ins Boot zu holen. Ehrlich gesagt hätten die ersten paar Seiten auch die Einleitung zu einem Buch zur Artgerechten Ernährung, einer Vollwertkost oder der Schnaps-Diät sein können. Charmant wie austauschbar zugleich.

Was macht Campbell aber anders?

Ein Blick hinter die Wissenschaftsbühne?

Campbell geht zu Beginn des ersten Kapitels, aber auch immer wieder später im Buch, geschickt vor, indem er dem Leser den ein oder anderen "wissenschaftlichen" Begriff durchaus korrekt und kritisch erläutert.

Wer im Rahmen seines Studiums als Erstsemestler niemals die Methoden der empirischen Sozialforschung kennenlernen durfte, erhält im Buch zumindest ein kurzes Briefing und eine kleine Einordnung, wie weit die Aussagekraft von Studien gehen kann. Campbell schreibt ganz richtig:
"Wissenschaftliche Beweise sind schwer definierbar. Sogar mehr als in den 'Kernwissenschaften' Biologie, Chemie und Physik ist die Aufstellung eines absoluten Beweises in Medizin und Gesundheit beinahe unmöglich." - Seite 40
Diese Hinweise und Ausführungen sind absolut lobenswert. Die wenigsten (interessierten) Laien werden sich Gedanken über Unterschiede zwischen Korrelation und Kausalzusammenhang gemacht haben und noch weniger werden sich in ihrem Leben tatsächlich einmal etwas intensiver mit Wissenschaftssoziologie und -geschichte befasst haben.

Das ist keine Kritik an mündiger Leserschaft und vermutlich ist es auch besser, wenn es der ein oder andere auch in Zukunft lässt, da sein gesamtes Weltbild sich verändern könnte.

Aber kommen wir zu den oben angesprochenen Kommunikationstricks zurück: Solche Blicke hinter die Kulissen sind generell hervorzuheben, jedoch auch immer schwierig.

Schon der Soziologe Erving Goffman verglich in seiner weltbekannten Arbeit "Wir alle spielen Theater" (im übrigen das am häufigsten von Nicht-Soziologen gelesene Buch der Soziologie) menschliches Agieren mit einer Theatervorstellung. Und jeder wird sich darüber im Klaren sein, dass das Ensemble, was die Vorstellung gibt, auf der Bühne in Rollen schlüpft, die es hinter der Bühne wiederum ablegt. Absprachen, Streit, Ungereimtheiten, kleine Tricks und Kniffe – von all dem soll der Zuschauer nichts mitbekommen.

Was Goffman für die Interaktion von Individuen beschrieb, kann ohne Probleme auf eine Meta-Ebene übertragen werden, wenn es darum geht, die Erkenntnisgewinnung und vor allem Verbreitung von "wahrem Wissen" (übrigens ein spannender Begriff, wer sich für Wissenschaftsphilosophie interessiert) zu verstehen.
Campbell gibt hier einen kleinen, ausgewählten und zum Teil durchaus kritischen Einblick, der für den Großteil der Leser vermutlich neu sein wird. Der Trick besteht darin, mit Hilfe dieser Vorgehensweise Vertrauen zu schaffen.

Der Autor erzählt mir mehr als andere "Eingeweihte", erlaubt mir einen vermeintlich exklusiven Blick hinter die Kulissen. Wer im Folgenden aufpasst, hofft Lektionen fürs Leben zu lernen.
Bekommen wird er zumindest solche, die der Autor einem vermitteln will.

Dieses Prinzip wird im Übrigen auch von guten Vertrieblern genutzt. Wobei die wirklich guten Jungs und Mädels geschickt genug sind, diese Tricks und Kniffe, die in jedem Einführungskurs der Kundenbindung vermittelt werden, zu verschleiern.

Das Problem ist der Twist, den der Laie nur schwer unterscheiden kann: Wo endet der Rundgang hinter die Kulissen und wo beginnt ein weiteres Schauspiel hinter der Bühne? Wer Inception für Mindfuck hielt, sollte beim nächsten Gespräch mit einem Menschen, der einem langfristige Verträge andrehen will, zumindest kritisch aufpassen.

Ähnlich gestaltet es sich mit dem vermeintlichen Buch zur China Study...


Die China Study, also... ja, welche jetzt?

Streng genommen ist das Buch eine Mogelpackung. Nicht wegen der kreativen Untertitelauswahl des Verlages, sondern bereits wegen des eigentlichen Titels, dessen Wahl man Campbell immer wieder vorwirft.
Wer sich eine der nicht wenigen Kritiken zu Campbells Buch durchliest, wird schnell mit dem Vorwurf konfrontiert werden, dass es sich ja gar nicht um DIE China Study handeln würde. Eine mühsame Diskussion, die auf einen wichtigen Punkt hinweist, aber die falschen Schwerpunkte setzt.
Bevor Campbell für seine Untersuchung nach China ging, wurde eine im Buch meist als Krebs-Atlas-Studie betitelte Erhebung in China durchgeführt. Dieses Buch, für Preise im vierstelligen Bereich für jedermann zu erwerben, trägt im Original den Titel "Diet, Life-Style, and Mortality in China" und wird in Fachkreisen (und einführend einmal auch von Campbell) als China Study bezeichnet.

Für seine eigene Erhebung gewann Campbell den Forscher Junyao Li, der an dieser ursprünglichen China Study beteiligt war, und Junshi Chen, den stellvertretenden Direktor des durchführenden Gesundheitsforschungszentrums in China.

Exkurs: Kann so eine Kombination an Wissenschaftlern zu seriösen Ergebnissen führen?


Ohne das methodische Wissen dieser drei Männer beurteilen zu können, die streng genommen eine demographische Arbeit durchführen wollten (Demographie ist die Wissenschaft über Bevölkerungsstrukturen, die dummerweise selbst in sozialwissenschaftlichen Studiengängen nur nebenbei gelehrt wird), ist zumindest zu beachten, dass Campbell und Chen Ernährungswissenschaftler sind, die sich in ihrem Studium mit chemischen Vorgängen im Reagenzglas auseinandergesetzt haben. Der letzte im Bunde war Richard Peto, ein Epidemiologe (also dem Bereich Medizin zuzuordnen).

Solche interessengeleiteten Kombinationen sind nichts ungewöhnliches. Schließlich soll ein Forschungsteam harmonisch miteinander arbeiten können. Darüber hinaus müssen sich nicht wenige "Wissenschaftler" im Rahmen ihrer Promotion erstmals selbst aneignen, was Statistik-Studenten in den ersten Wochen ihres Studiums um die Ohren geworfen bekommen haben.

Das sagt also nichts über die Qualität einer Arbeit oder die Fähigkeiten eines Forschers aus, ist jedoch immer ein Punkt, den man kennen sollte, um sich selbst eine Meinung bilden zu können.
Das Problem, was viele Kritiker offenbar ebenfalls verwirrte, ist jedoch, dass Campbell im Folgenden seine eigene Erhebung nun ebenfalls als China Study betitelt.
Wenn Campbell Aussagen zur China Study trifft, meint er seine eigene Erhebung. Aussagen über die "ursprüngliche China Study" werden unter dem Begriff "Krebs-Atlas" geführt, wobei sich Campbell praktisch nie auf diese Arbeit bezieht.
Wer also unermüdlich kritisiert, dass diese oder jene Behauptung gar nicht in DER China Study bewiesen worden sei, tut Campbell und seinem Buch unrecht, da eine Verwechslung vorliegt.

Nachdem dies geklärt wurde, schauen wir uns im nächsten Teil das Buch etwas genauer an. Streng genommen, hätte der namensgebende Inhalt in ein kleines Heftchen gepasst. Heftchen lassen sich aber vermutlich so schlecht mit Hardcover bewerben...

Zu Teil 2!

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Bilder: Frank-Holger Acker | Takver

Hinweis: Der Autor dieses Artikels betreut Sportler bei ihrem individuellen Weg zum Erfolg und bietet ► Seminare im kleinen Kreis an. Weiteres erfährt man unter: ► become-fit.de oder schaut einfach auf seinem ► Youtube-Channel vorbei.